Absage an alle bürgerliche Enge

Das Herz des Heavy Metal schlug in Großerlach – Zwei Tage für Freunde der harten musikalischen Gangart – Besucher aus ganz Europa

Der Verein zur Förderung des Rock ´n´ Roll veranstaltete dieses Jahr zwei Tage lang sein erstes Heavy Metal Open Air in Großerlach mit insgesamt 20 internationalen Bands. Das Wetter gab sich zeitweise fast so düster wie die Musik und hielt doch den einen oder anderen ab, daran teilzunehmen.

Schüttel’ das Haupthaar: Die Älteren dürften sich beim Auftritt von Nocturnal an die MTV-Kultsendung Headbangers Ball erinnern.Foto: J. Fiedler

Von Petra Neumann

GROSSERLACH. Natürlich hatten die Mitglieder des Vereins schon Tage vorher mit den Aufbauten begonnen und den Soundcheck gemacht. Nick Müller, der erste Vorsitzende, strahlte im Vorfeld der Veranstaltung. Der Teamgeist sei umwerfend gewesen, von den 60 Mitgliedern hätten 45 mitgeholfen, egal, ob jung oder angejahrt. „Früher sind wir kilometerweit gefahren, um bei Konzerten dabei zu sein, heute laden wir sie uns einfach selbst ein.“ Das Festival versteht er selbst auch als eine Absage an alle bürgerliche Enge.

Das Publikum ist teilweise stylish in Gothic Fashion angereist, entweder Nieten- oder Patronengürtel in der Hüfte wiegend. Manche verlieren schon bald die Geradlinigkeit des Rock ´n´ Roll in ihrem Gang, aber das gehört einfach dazu, Heavy Metal und Limo schließen sich schon ein wenig aus.

Tim aus Belgien beispielsweise. Zwei Plastikschnapsgläschen in den Händen lädt er die Berichterstatterin zu einem Magenbitter ein. Über sieben Stunden seien er und seine Freunde gefahren, sagt Tim. Er findet es ganz nett hier und amüsiert sich. Übernachtet wird auf dem eigens für das Festival errichteten Campingplatz. Ein mittelalterlicher langhaariger Mann mit einem Zopf im Bart erzählt, er sei aus der Rhön. Über die A7 seien er und seine Clique innerhalb von zwei Stunden vor Ort gewesen.

Im Hintergrund „thrasht“ die italienische Band „Fingernails“, die haben nun wirklich nix mit bella grazie zu tun, sondern sind hart und direkt. Der Sänger der Band im hotten Tigershirt versucht immer wieder das Publikum anzufeuern mit kernigen Sprüchen und die Fans ganz nah an der Bühne machen eifrig mit. Während der Pause hat der Pizzamann hinten am Gelände endlich Kundschaft, vorher saß er doch etwas einsam und funktionslos da.

Zwei Mädchen meinen wenig episch, das Festival fänden sie gut. Mehr ist aus ihnen nicht herauszulocken. Ein Paar im Parka fällt richtig aus dem Rahmen. Die beiden wirken fast schon gutbürgerlich und geben unumwunden zu, dass diese Art von Musik eigentlich nicht so ihr Geschmack sei, aber neugierig seien sie doch gewesen. Die Band „Suicidal Winds“ beginnt ihren Auftritt mit einem düsteren Intro, der finstere Mächte zu beschwören scheint, so als wollten sie Odins wildes Heer über Großerlach streichen lassen. Dann allerdings geht es ran an die Buletten, wird gebrettert, was das Zeugs hält zu der sonor-heißeren Stimme des Sängers. In der letzten Pause trifft ein Schwabe auf Bayerinnen und es wird ein wenig gelästert mit einem Augenzwinkern, von wegen Ausland, doch manche kommen wie Tim tatsächlich aus allen Ländern der EU. Das musikalische Highlight des Abends sind „Protector“, die dieselbe Variante von Heavy Metal pflegen. Mittlerweile sind noch ein paar junge Leute eingetrudelt und das Festivalgelände füllt sich etwas. Nick Müller freut sich besonders auf die Band „Assassin“, die er seit vielen Jahren hört. „Als ich erfuhr, dass es möglich ist, sie zu buchen, habe ich sofort zugeschlagen.“ Nächstes Jahr soll es weitergehen mit Heavy Metal auf dem Lande.

Leider gab es auch einige weniger schöne Begleiterscheinungen bei dem Festival, wie der Polizeibericht meldet. Ein 19-Jähriger aus Belgien wurde in der Nacht zum Samstag von einem anderen Mann erst beleidigt und dann vollkommen grundlos brutal ins Gesicht geschlagen. Als der 19-Jährige verletzt am Boden lag, setzte sich der Angreifer auf ihn und würgte ihn. Erst herbeieilende Zeugen sorgten dafür, dass der 22 bis 28 Jahre alte Aggressor, der einen schwarzen Zopf trug und eine muskulöse Figur hatte, sich mit einigen Kumpels davon machte. Die Polizei sucht unter Telefon 07191/9090 nach Hinweisen auf den Schläger. Das junge Opfer musste ins Krankenhaus Backnang gebracht werden. Der Belgier erlitt unter anderem einen Bruch des Nasenbeins.