- Backnang & Kreis 30.01.2012
Der erste Eindruck von der „Kleinstadt“ überzeugt nicht
Studenten wollten wissen, wie es ist, wenn man aus beruflichen Gründen in Backnang ankommt
„Ich bin aus dem Zug gestiegen, habe den Bahnhof gesehen und wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt.“ Vernichtendes Urteil eines Fremden, der erstmals in der Murr-Metropole ankommt. Doch nur wenig später relativiert sich der erste Eindruck: Backnang ist so unattraktiv nicht. Aber einiges liegt eben doch im Argen, insbesondere die Außendarstellung der Stadt.


„Ich bin aus dem Zug gestiegen, habe den Bahnhof gesehen und wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt.“ Vernichtendes Urteil eines Fremden, der erstmals in der Murr-Metropole ankommt. Doch nur wenig später relativiert sich der erste Eindruck: Backnang ist so unattraktiv nicht. Aber einiges liegt eben doch im Argen, insbesondere die Außendarstellung der Stadt.
Von Reinhard Fiedler
BACKNANG. Es war nicht ein X-beliebiger Reisender, der da an einem tristen Novembertag letzten Jahres Backnanger Boden betrat. Vielmehr einer von vier Studenten der Universität Bayreuth die die „Kleinstadt“ (Widerspruch des OB: „Mittelstadt“) unter die Lupe genommen hatten. Zunächst auf einer virtuellen Erkundungstour, und schließlich ganz real. Das Quartett, dem der städtische Wirtschaftsförderer Dr. Ralf Binder diese Studienarbeit schmackhaft gemacht hatte, wollte wissen, welchen Eindruck junge IT-Fachkräfte haben, wenn sie von einem der örtlichen High-Tech-Unternehmen zu einem Vorstellungsgespräch an die Murr eingeladen sind.
„Beruflich ankommen in Backnang“ heißt die Arbeit, die Patrick Dichtler, Marcel Mondel, Sebastian Precht und Sebastian Zerreis jetzt im Verwaltungs- und Finanzausschuss des Gemeinderats präsentierten. Und zwar erfrischend, wie Verwaltung und Räte empfanden. Zudem ungefiltert, wie OB Dr. Frank Nopper sich zu versichern beeilte. Das war glaubhaft, denn die Studenten vom geografischen Institut der nicht zuletzt durch zu Guttenberg bekannt gewordenen fränkischen Uni malten die Ergebnisse ihrer Untersuchungen keineswegs rosarot.
Doch so unverfälscht wie sie sich auch gaben, höflich hoben sie zunächst erstmal Backnangs Stärken in den Vordergrund. Stärken, die auf einer Umfrage von 13 jungen Fachkräften basieren, die bei Tesat Spacecom, Telent und D & B Audiotechnik arbeiten. Als sehr positiv eingeschätzt wurde die Neugestaltung des Murrufers im Bereich der Bleichwiese, die Naherholungsmöglichkeiten in Plattenwald und Umland, die Nähe zu Stuttgart und die „Kompaktheit der Innenstadt“, die durch ihre Fachgeschäfte und Fachwerkhäuser gewinne.
Schlecht weg kommen die Infomöglichkeiten über Backnang für diejenigen, die noch nie hier waren und den Namen der Stadt vielleicht noch nie gehört haben. Das gilt insbesondere für den städtischen Internetauftritt. Die Homepage sei nicht mehr zeitgemäß und unübersichtlich. Sie biete zwar viel Information, die Suche danach sei allerdings viel zu aufwendig. Auf den Fotos wirke die Stadt nicht lebendig, das gelte auch für das Backnang-Bild im Internetlexikon Wikipedia – das übrigens mit seinem längst geschleiften Eisenbahnschienen-Kunstwerk nicht mehr aktuell ist.
Eine andere Schwäche der Stadt kann mit einem sehr wohl realistisches Szenario verdeutlich werden: Ein junger Wissenschaftler hat von Tesat die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch erhalten, kommt am Bahnhof an und geht jenen Weg zum Unternehmen, den kleine Schilder weisen: Am VHS-Gebäude vorbei, den Buckel hinab zur Etzwiesenstraße, über die Murr und über die Gerberstraße zur Firmenpforte. Welchen ersten Eindruck dieser Mensch von Backnang erhält, kann sich jeder Ortskundige leicht vorstellen ...
Auch der Weg vom Bahnhof in die Innenstadt ist für die angehenden Geografen alles andere als attraktiv: Die Untere Bahnhofstraße mit dem heruntergekommenen Postareal und etwas weiter unten der Dauerleerstand im Gebäude eines einstigen Sportartikelladens.
Als „weitere negative Aspekte“ hat das Studenten-Quartett Backnangs Nachtleben, die Kinderbetreuung und „schlechte Information über öffentliche Angelegenheiten und Angebote“ ausgemacht. Zusammenfassend geben sich die Jung-Gutachter wieder versöhnlich: „Insgesamt wurden die relativ geringen Erwartungen mehr als erfüllt.“
Schlussendlich werden Vorschläge gemacht, wie sich Backnang besser als „attraktiver Wohn- und Arbeitsstandort für Pendler und Familien im Großraum Stuttgart“ positionieren kann: Durch bessere Zusammenarbeit von Verwaltung und Unternehmen durch Hilfe bei der Wohnungssuche, durch Gutscheine von Unternehmen und Gastronomen, die einer Einladung zum Bewerbungsgespräch beigelegt werden können und durch eine Informationsmappe. Durch eine Aufwertung der Internetpräsenz mittels interaktivem Stadtrundgang, belebteren Bildern und modernem, benutzerfreundlichem Layout. Durch bessere Kommunikation von Stärken durch Hinweise auf Naherholungsmöglichkeiten (inklusive Radwegenetz), auf die Nähe zu Stuttgart, auf das Angebot in der Innenstadt und durch einheitliches Stadtmarketing.
Auch wenn die Interviews von jungen Fachkräften nicht als repräsentativ gelten können, zeigten sich die Stadträte zufrieden mit dem Ergebnis der Studienarbeit. Einigen Volksvertretern hatte wohl noch Schlimmeres geschwant. Etwa Dr. Ute Ulfert (CDU): „Meine Erwartungen sind mehr als erfüllt worden.“ Für SPD-Faktionschef Heinz Franke stellt das Papier eine gute Diskussionsgrundlage dar, andere Ausschussmitglieder äußerten sich ähnlich: Sabine Kutteroff (CDU), Ulrike Sturm (Grüne), Dr. Lutz-Dietrich Schweizer (CIB), Pia Täpsi-Kleinpeter (SPD); seitens der BfB war nichts zu vernehmen.
In einer kurzen Debatte wurde hervorgehoben – was die Studenten nicht zur Kenntnis genommen hatten – dass die Stadt derzeit intensiv an einer besseren Kleinkindbetreuung arbeitet, dass es Anträge aus mehreren Fraktionen zur Verbesserung des Bahnhofumfeldes gibt und dass der Internet-Auftritt in der Tat attraktiver sein muss. Was laut OB zwar schon erkannt wurde, aber viel Geld kostet. Dass sich Backnang schon wegen des demografischen Wandels nicht auf dem Weg zu einer Großstadt befindet, diese Binsenweisheit war dem OB eine Erwähnung wert, vor allem wegen des Hinweises aufs angeblich ausbaufähige Nachtleben. Frank Nopper reagierte damit auch auf eine Anmerkung von Ulrike Sturm, die stets dann in Fahrt kommt, wenn’s an der Stadt irgendwas rumzumäkeln gibt. Die Grüne: „Nur eine Disko ist auch nicht so besonders.“ Kaum anzunehmen, dass Nopper sich dort die Nächte um die Ohren schlägt, aber immerhin weiß auch er aus seinen Stuttgarter Kreisen, dass es nicht wenig junge Leute sind, die eigens von der Landeshauptstadt wegen eben dieser Diskothek nach Backnang fahren. „So schlecht ist sie also nicht“.

