Schnell verkehrt sich die idyllische Stimmung

Stuttgarter Kabarettist Peter Grohmann beleuchtete im cje deutsche Gegenwart und Vergangenheit geistreich und zynisch

Er ist spitzzüngig, mal laut Parolen schmetternd, dann nachdenklich stimmend, poetisch oder auch amüsant. Im Rahmen des Aktionsmonats für ein buntes Backnang – eine Initiative gegen Neofaschismus, präsentierte der Kabarettist Peter Grohmann im cje eine „Rede zur (Schief-) Lage der Nation“.

Sprach zur (Schief-)Lage der Nation: Peter Grohmann. Foto: E. Layher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Staub aufwirbeln will er. Und das tut Peter Grohmann gleich zu Anfang seines Programms im club junges europa in Backnang-Steinbach – und zwar mit einer Deutschlandflagge, die mit Mehl bestäubt ist. Laut poltert er ein Lied in der Manier der linken Protestsongs, natürlich aktuell aufgefrischt: „Das Leben ist ein Kabarett, nur nicht für die Schleckerfrauen“, heißt es darin. Wahrlich ein Revoluzzer ist der Kabarettist, der den Stuttgarter Anstiftern angehört und ein Stuttgart-21-Aktivist ist. Aber Grohmann, der unter anderem den Deutschen Satirepreis erhalten hat, beherrscht auch die leiseren Töne und hat viel Gespür für hintersinnigen Humor.

Eigene Gedichte trägt der Autor verschiedener Bücher vor oder erzählt selbst verfasste Märchen, die allerdings mit Kinderfantasien nicht viel zu tun haben. Mal geht es um Kurden, mal um Minen aus deutscher Qualitätsarbeit, die ja im Gegensatz zu russischen Billigprodukten nach Jahren noch einwandfrei funktionieren, um ein Bein abzureißen.

Makaber ist die Geschichte vom Schwarzen, der in Deutschland nur ein weißes Ersatzbein erhält und dem das Geld für die Farbe fehlt, um es dunkel anzumalen.

Kinderarbeit in Indien ist ein Thema – immerhin verdienen Mädchen in der Textilherstellung für renommierte Marken dort gutes Geld, verdreht er die Ausbeutung ins Positive. Wobei Hartz-4-Empfänger in Deutschland sich sogar den Eintritt für einen Kabarettabend wie diesen leisten können. Beim cje-Publikum trifft Grohmann den richtigen Nerv.

Poetisch beginnen Gedichte und Geschichten und handeln etwa von einem wunderschönen Morgen, „ein leichter Wind zog durch das Land“, doch schnell verkehrt sich die idyllische Stimmung, denn der Text geht weiter: „Der Nationalsozialismus war da.“ Grohmann erzählt Ereignisse aus seiner eigenen Biografie. Etwa wie seine Familie bei einem Bombenangriff in Dresden verschüttet wurde. Wie er zunächst auf die Schwäbische Alb und dann nach Stuttgart-Heslach kam und später, nach seinen politischen Aktivitäten, seine Wohnung angezündet wurde. Er sah einen brennenden Mann rennen, berichtet Grohmann. Es war ein Rechtsradikaler, dem beim Anzünden seiner Wohnung eine brennende Gardine auf den Kopf gefallen ist, stellte sich später heraus. Von einer beklemmenden Szene auf einer Demo erzählt er, als er von Neonazis zusammengeschlagen wurde. Aber sein Programm besteht nicht vorwiegend aus Anklage und schon gar nicht aus Resignation. Es ist geistreiches und zynisches Politkabarett, und das Lachen kommt nicht zu kurz. Da geht es etwa um das sachgemäße Öffnen einer Banane mit einem speziellen Messer aus Krupp-Stahl, oder der Kabarettist lässt das Publikum kollektiv eine Vereidigung nachsprechen: „Ich gelobe … tapfer und treu am Deutschen zu verdienen … und allen Schaden von mir zu halten“. Schmunzelnd gelobt das Publikum im cje lautstark mit. Im abgewandelten Märchen von den Bremer Stadtmusikanten beklagt sich die Katze, sie sei zu alt, um schnelle Mäuse zu machen, und hält den Hahn ohne Haare für Oskar Lafontaine. Und zum Schluss entlässt Grohmann das Publikum mit nicht allzu nachdenklicher Stimmung und kurzen Gedichten, auch schon mal mit Lokalkolorit: „Zwei Backnanger badeten im Fluss. Weil auch ein Backnanger mal baden muss. Der eine ist dabei ersoffen, vom anderen dürfen wir’s nur hoffen.“ Vielleicht nicht gerade die größte lyrische Leistung, aber das Publikum im cje fand Gefallen an dem Wechselbad der Stimmungen.