Sie lernt mit Bündel statt Barem fürs Leben

Schreinergesellin Wibke Müller bildet sich nach alter Handwerkstradition weiter – Auf der Walz macht sie Station in Murrhardt

Die Walz der Handwerksgesellen war vom Spätmittelalter bis zur Industrialisierung eine Voraussetzung für die Meisterprüfung. Der Handwerkernachwuchs lernte neue Arbeitsweisen, fremde Orte und Länder kennen. Heute bilden sich nur noch wenige Gesellen auf diese Weise fort. Eine davon ist Wibke Müller, die seit Mai in Murrhardt Station macht und bis Mitte Juli in der Schreinerei von Markus Blank arbeitet.

Arbeit mit Holz und das Schreinern von Möbeln machen ihr Freude: Wibke Müller hilft im Betrieb von Markus Blank tatkräftig mit. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. „Schon immer hatte ich großes Interesse für das Handwerk, und das Arbeiten mit Holz macht mir Freude“, erzählt die junge Hildesheimerin, die eine ähnliche Tracht wie Zimmerleute trägt. Sie will möglichst viel selbst gestalten und ausprobieren. Möbel zu schreinern, macht ihr Spaß. Nach ihrer Lehre in einer Möbelschreinerei ihrer Heimatstadt ging sie auf Wanderschaft, die heute freiwillig ist. Nur so könne sie sich umfassend weiterbilden, möglichst viele andere Betriebe und Arbeitsweisen kennenlernen und weltweit reisen. „Ideal sind kleine Handwerksbetriebe, wo ich direkt mit dem Meister arbeiten und von ihm lernen kann.“

Für die Walz gelten auch heute noch verschiedene Vorschriften, die eingehalten werden müssen. Nur mit dem Gesellenbrief in der Tasche, ohne berufliche und private Bindungen und Verpflichtungen, dürfe man reisen, dafür aber kein Geld ausgeben. So hat Wibke Müller, wenn sie unterwegs ist, kaum Bares und kein Handy, nur ihr kleines Bündel mit dem Nötigsten bei sich. Meist geht sie zu Fuß oder trampt. Nur ab und zu, wenn die nächste Arbeitsstelle weit entfernt ist, bezahlt der künftige Arbeitgeber auch Zugfahrkarte oder Flugticket. Arbeitet sie in einer Werkstatt, bekommt sie vom Meister Kost und Logis und ist zu Gast in dessen Familie.

Seit eineinhalb Jahren ist Wibke Müller auf Wanderschaft. Ihre Tour und Ziele sind nicht zu planen, da sie meist unterwegs zufällig und kurzfristig den nächsten Job findet. Ihre Eltern sind anfangs von der Walz nicht begeistert gewesen, auch weil sie keinen Kontakt zu ihrer Tochter aufnehmen können. Aber sie meldet sich unregelmäßig telefonisch zu Hause oder schreibt auch mal einen Brief, versichert die Wandergesellin.

Die Schreinerei von Stadtrat Markus Blank ist wohl ihre zehnte Station, schätzt sie. Hier lebt sie geradezu luxuriös in einer kleinen Wohnung über der Werkstatt in der Karlstraße, wo sie sich selbst versorgt. „Ich kam nach Murrhardt, um meine Freundin zu besuchen, die das Sattlerhandwerk erlernte und auch als Wandergesellin in einer Murrhardter Sattlerei arbeitete. Sie gab mir den Tipp, da gibt’s einen guten Schreinermeister, der viel Arbeit hat“, berichtet Wibke Müller. Den Kontakt zu Markus Blank hat Sattler Alexander Wiedemann hergestellt. Auf einem Stadtrundgang fand die Wandergesellin die Schreinerwerkstatt, und Markus Blank war sofort einverstanden, sie zu beschäftigen. Die Schreinerei Blank sei ein echter Glücksgriff und bisher ihr bester Betrieb, schwärmt Wibke Müller – weil es zwischenmenschlich zwischen ihr, dem Meister und seinem Azubi stimme.

Auch gibt Markus Blank ihr Ideen, Tipps und Tricks für ihre Arbeit weiter. Der Schreinermeister ist froh, dass Wibke Müller in seiner Werkstatt mitarbeitet: „Sie ist eine gute Verstärkung für mich und meinen Azubi. Sie kann viel, ist sehr selbstständig und weit fortgeschritten. Gerne würde ich sie behalten und kann sie nur weiterempfehlen.“ Aber da ein Wandergeselle nicht länger als drei Monate in einem Betrieb arbeiten darf, muss Wibke Müller im Juli Murrhardt verlassen. Ihre nächste Station wird Roth bei Nürnberg sein.

Die Gesellin hat auf ihrer Wanderschaft, die drei Jahre und einen Tag dauert, schon viel erlebt. Bisher ist sie nie länger als sechs Wochen an einem Ort geblieben. Mit zwei anderen Wandergesellen restaurierte sie in Nordwerdum bei Neuharlingersiel (Ostfriesland) eine Kutsche. In Hamburg baute sie in das russische Segelschulschiff „Standart“ zwei neue Schlafkojen ein und knüpfte Kontakte nach Russland. Ihr Lohn ist eine noch ausstehende Segeltour auf diesem Schiff, auch möchte sie gerne mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren. Eine besondere Erfahrung war der Polarwinter in Tromsö (Norwegen). Da schreinerte sie, während es draußen fast den ganzen Tag dunkel blieb. In Rumänien machte sie mit bei einem Treppenbau-Kurs von Wandergesellen für Wandergesellen.

Unterwegs ist sie selbstständig versichert, während der Arbeit über den Meister. Meist reicht ihr Lohn nach ortsüblichem Tarif für den weiteren Reiseweg. Bisher hat sie auf der Reise noch keine Probleme gehabt und ihre Ziele immer erreicht. In Deutschland sind die Leute hilfsbereit und freundlich, im Ausland dagegen wird man schon mal komisch angeschaut und für einen Schausteller oder Zauberer gehalten, hat die Wandergesellin erfahren. Sie träumt davon, nach Chile zu reisen, und will dazu auf einem Frachtschiff anheuern. Ihre Zukunftspläne stehen noch nicht fest. „Ich will als gute Handwerkerin heimkommen, denn die Wanderschaft beendet man zu Hause mit einem großen Fest. Dann weiß ich auch, ob ich die Meisterprüfung mache, in meiner Heimat bleibe oder an einen anderen Ort gehe.“