- Backnang & Kreis 10.02.2010
33 Jahre Arzt mit Leib und Seele
Harri Mysiak verabschiedet sich in den Ruhestand – Die ersten Jahre war der Mediziner werktags rund um die Uhr in Bereitschaft
Auf den Tag genau 33 Jahre lang führte Dr. Harri Mysiak seine Arztpraxis in Kirchberg. So manch Kurioses hat er in über drei Jahrzehnten seiner Tätigkeit als Landarzt erlebt. Jetzt wurde er in den Ruhestand verabschiedet.
Von Claudia Ackermann
KIRCHBERG AN DER MURR. „Mein ganzes Leben lang war ich Arzt mit Leib und Seele“, sagt Harri Mysiak, der im Februar 1977 die Praxis in Kirchberg übernommen hatte. Der gebürtige Sachse aus Chemnitz hat in Leipzig studiert und in Ulm promoviert. Vier Jahrzehnte lang arbeitete er als Arzt, zunächst in verschiedenen Kliniken, in denen er seine Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin machte und jede Menge Erfahrungen sammelte. Als 33-Jähriger kam er nach Kirchberg. Der damalige Arzt am Ort, Dr. Roßmann, suchte dringend einen Nachfolger.
Zunächst befand sich die Praxis noch in Mysiaks Wohnhaus. Die ganze Woche über, außer Samstag und Sonntag, war er rund um die Uhr für die Kirchberger in Bereitschaft – und das 15 Jahre lang. Bis sich die Ärzte aus den Nachbargemeinden zusammenschlossen, und einen abwechselnden Bereitschaftsplan aufstellten. Das hielt aber so manchen Kirchberger nicht davon ab, abends oder nachts an Mysiaks Tür zu klingeln, auch wenn dieser keinen Dienst hatte. „Bloß `ne Frage, Herr Doktor“, hieß es dann, oder „Sie kennen doch unseren Opa…“ Klar, wenn es ein Notfall war, war der Mediziner immer zur Stelle. „Dafür sind wir ja schließlich Ärzte.“ Ärgerlich nur, wenn es sich um eine Bagatelle handelte, die schon wochenlang bekannt war. Dass gelegentlich Patienten vor seiner Haustür standen, hörte auch nicht auf, nachdem die Praxis 1989 in die Ortsmitte verlegt wurde. Im Rahmen der Ortskernsanierung wurde das Gebäude errichtet, in dem sich heute die Arztpraxis und die Apotheke befinden. Ab 1994 führte Mysiak die Praxis zusammen mit Dr. Christine Kraus-Schröter. Der Landarzt behandelte Kinderkrankheiten und nähte Wunden, früher wurde auch Gips angelegt. Die ganze Bandbreite der Medizin deckte er ab. Auch als Geburtshelfer musste sich der Allgemeinmediziner einmal betätigen. Ganz dringend wurde er in die Wohnung einer Hochschwangeren gerufen. Sie war zwar schon im Krankenhaus vorstellig gewesen, aber da hatte man sie wieder nach Hause geschickt, es sei noch lange nicht soweit. Aber es war doch schneller soweit als gedacht. Als der Arzt die Wohnung betrat, waren die Eltern der jungen werdenden Mutter in heller Aufregung. Mysiak schickte sie erst einmal heißes Wasser holen, ganz so, wie man es manchmal im Film sieht, damit sie beschäftigt waren. Und dann ging alles relativ schnell. Die Geburt verlief ohne Komplikationen, und als der alarmierte Krankenwagen eintraf, konnten die Mutter und das neugeborene Kind wohlbehalten zur Nachsorge ins Krankenhaus gebracht werden.
Kurios war ein Fall, bei dem der Arzt an einem frühen, bitterkalten Morgen auf ein Feld gerufen wurde. Regungslos lag dort ein Mann auf dem Boden. Merkwürdig war, dass sich seine Schuhe ganz ordentlich aufgestellt neben ihm befanden. Hemd und Hose waren feinsäuberlich zusammengelegt, als ob er vorgehabt hätte, ins Bett zu gehen. Der stark Alkoholisierte hatte wohl geglaubt, zu Hause zu sein. Die eisige Nacht im Freien hat er nicht überstanden.
Erfreuliches und Tragisches hat Mysiak in über drei Jahrzehnten als Arzt in Kirchberg erlebt. Vieles hat sich im Laufe der Zeit verändert. Die Medizin und Technik haben rasante Fortschritte gemacht. Aber auch negative Entwicklungen habe es gegeben. Mysiak klagt den Sparkurs der Krankenkassen an. Aus einem freien Beruf sei ein unfreier geworden. Immer mehr bürokratische Aufgaben würden dem Arzt aufgehalst, sodass immer weniger Zeit für das wirklich Wichtige bleibt – nämlich den Menschen. „Trotz aller Ecken und Kanten war es mein Traumberuf, und ich hätte mir nie einen anderen vorstellen können.“


