Ein Lied kann beim Melken Wunder wirken

Fünft- und Sechstklässler der Waiblinger Comeniusschule auf dem Wacholderhof – Sie lernten Tiere und Landwirtschaft kennen

Heidi ist eigentlich eine umgängliche Ziege. Aber auch sie hat ihre Eigenheiten. Wenn es ans Melken geht und viel los ist, ihr beispielsweise Gäste über die Schulter schauen, setzt sie sich schon mal zur Wehr. Ein kleines Liedchen kann da Wunder wirken, und sie bleibt ruhig über dem Eimer stehen. Eines der Geheimnisse, in die Brigitte Bader die Fünft- und Sechstklässler der Waiblinger Comeniusschule bei ihrem Besuch auf dem Wacholderhof einweihte.

Das Haferflockenteam: Schüler an der Quetsche. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Der Besuch der Fünft- und Sechstklässler ist insofern etwas Besonderes, weil er mit einem langfristigen und nachhaltigen Projekt verbunden ist – sowohl für die Schüler als auch für den Wacholderhof. Das Bindeglied ist die Sarah Wiener Stiftung, die der Fehl- und Schmalspurernährung bei Kindern und Jugendlichen begegnen will, dafür Verbündete sucht, ausbildet und unterstützt. Zu diesen gehören Lehrer, Schulen und auch Bio-Bauernhöfe. Ursula Imser, Lehrerin an der Comeniusschule in Waiblingen, wurde vor drei Jahren auf die Stiftung aufmerksam. Seit ihrer kostenlosen Weiterbildung in Sachen guter, vollwertiger Ernährung, kocht sie nun regelmäßig mit den Kindern und kann sich dabei auf einen Baukasten mit Rezepten, Infomaterial und Tipps der Stiftung stützen. Ihre Kollegin Patricia Prändl möchte sich mit einklinken. Auch sie ist davon überzeugt, dass das Thema wichtig ist. Damit die Schüler aber ein Gefühl dafür bekommen, woher eigentlich ihr Essen kommt, unterstützt die Stiftung auch Fahrten zu Bio-Bauernhöfen und hier kommt der Wacholderhof als neuer Partner ins Spiel. Brigitte Bader, die Fachfrau für die Bildungsarbeit, nimmt die Mädchen und Jungen der Waiblinger Förderschule mit auf einen ausgiebigen Rundgang. Am Rande ist zu beobachten, dass die alltägliche Gegnerschaft gesunder Ernährung nicht so leicht abzuschütteln ist: Ab und zu taucht eine Cola oder süße Limo im Rucksack auf, auch schnappt sich Patricia Prändl eine lange Chipstütenrolle.

Es geht auf die Weide zu den Kühen. Die Agrarwissenschaftlerin stellt den Schülern die Limpurger Rinder vor, die als Rasse fast ausgestorben waren, mittlerweile aber wieder im Kommen sind und geschätzt werden. „Sie geben zwar nicht so viel Milch wie andere Rassen, sind dafür aber seltener krank“, erklärt Brigitte Bader. Wofür die Limpurger außerdem noch gut sind? Für eine ganze Menge. Sie sind Milch- und Fleischproduzenten, Landschaftspfleger und lebendige Düngerlieferanten. Gar nicht so unwichtig, denn auf einem Biolandbetrieb darf ja kein künstlicher Dünger verwendet werden, erklärt sie den jungen Gästen.

Nach einer Stippvisite bei den Pferden geht es aufs Feld. Hafer, Gerste und Kartoffeln werden inspiziert. Am Waldrand hat Brigitte Bader einen kleinen Tisch aufgebaut, auf dem gearbeitet wird: Jeder, der möchte, kann mit der Quetsche Haferkörner in Haferflocken verwandeln. Viele wollen auch gleich probieren und holen sich ein paar Flöckchen ab. Apropros probieren: „Mir fällt manchmal auf, dass sich die Kinder schwertun, etwas zu versuchen, das sie nicht kennen“, erzählt Patricia Prändl. Für sie eines der Probleme, was schlechte Ernährung angeht. Denn neben der Tatsache, dass oft Fertiggerichte und ein schnelles Essen auf den Tisch kommen, geht dadurch auch die Vielseitigkeit verloren. Ursula Imser hat die Erfahrung gemacht, dass sich ihre Schüler sogar für Rohkost regelrecht begeistern können – wird sie nach einem Rezept à la Sarah Wiener Stiftung als Häppchen hergerichtet und mit ein paar leckeren Dips serviert. Denn auch jenseits von Gummibärchen kann Leckeres schön bunt sein – Möhre, Kohlrabi und Paprika – ein weiterer Genuss- und Lockfaktor wie die Pädagoginnen festgestellt haben.

Nebenbei wird schon fürs Mittagessen geerntet: Salat, Petersilie und Schnittlauch vom Feld und Paprika aus dem Gewächshaus. Als die Kinder dann mit Brigitte Bader vom Ziegenstall kommen, wo sie Heidi ein Lied gesungen haben, um sie in Melkstimmung zu versetzen, ist Ursula Imser sichtlich zufrieden. Sie hofft, dass ihre Schüler ein bisschen was vom prallen Hofleben mitnehmen können. Als Heidi um die Ecke biegt und sich dazugesellt, sagt die Lehrerin: „Ich finde, es geht auch um die persönlichen Eindrücke wie Anfassen, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, das emotionale Erleben als Ganzes, und das ist ja Bestandteil des Stiftungskonzeptes.“

Weitere Informationen unter www.sarah-wiener-stiftung.org.