„Es gilt der Preis, nicht der Wert“

Schauspielerin Rosemarie Fendel las im Bürgerhaus aus dem Werk der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska

„Manche mögen Poesie. Manche – das heißt nicht alle. Nicht einmal die Mehrheit, sondern die Minderheit. Abgesehen von Schulen, wo man mögen muss, und von den Dichtern selbst, gibt’s davon etwa zwei pro Tausend ...“ sinnierte Wislawa Szymborska in einem Gedicht. Backnang scheint da eine Oase zu sein. Als Rosemarie Fendel Lyrik der Polin las, war die Studiobühne ausverkauft.

Brachte den Besuchern anrührend und unspektakulär die Lyrikerin Wislawa Szymborska nahe: Rosemarie Fendel.Foto: E. Layher

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Sie gehören einer Generation an: Wislawa Szymborska ist am 2. Juli 1923 in Bnin, das heute ein Stadtteil von Kórnik bei Posen ist, geboren, Rosemarie Fendel am 25. April 1927 in Metternich bei Koblenz. Und sie sind eine Institution in ihrem Fach – bis heute: Wislawa Szymborska in der Lyrik – sie bekam 1996 den Nobelpreis für Literatur. Rosemarie Fendel in der Schauspielerei. Sie schrieb Theater-, Fernseh- und Filmgeschichte: Die Mutter von Suzanne von Borsody arbeitete mit Gustaf Gründgens zusammen, spielte in zahlreichen Fernsehspielen und TV-Krimi-Serien sowie in Kinofilmen mit, viele davon unter der Regie von Johannes Schaaf, ihrem zweiten Lebensgefährten. Und sie lieh berühmten Kolleginnen ihre Stimme: Zum Beispiel Elizabeth Taylor, Jeanne Moreau oder Brigitte Bardot.

Szymborska und Fendel haben noch etwas anderes gemeinsam: Sie verachten die eine oder andere Zigarette nicht. Wenig erzählt Fendel über das Leben der polnischen Autorin, die sich selbst mit Biografischem zurückhielt. Doch einige Details sind doch zu erfahren als Zitate „aus dem Internet“. Zum Beispiel dieses: „Was man sonst von Wislawa Szymborska weiß und es auf allen ihren Fotos sehen kann: dass sie starke Raucherin ist. Nachdem sie erfuhr, dass sie mit dem Literaturnobelpreis geehrt wird, schrieb sie an einen Freund: Als auf mich der Nobelpreis fiel, begriff ich, dass die Werke meiner illustren Vorgänger wie Thomas Mann oder Hermann Hesse ebenfalls im Zigarettenqualm entstanden. Ich bezweifle, dass der Antinikotinkaugummi der Literatur genauso guttun wird.“

Den Unwillen, den Wislawa Szymborska gegen alles Biografische bekundete, hat Karl Dedecius, der ihre Werke ins Deutsche übersetzte, „vorbehaltlos respektiert“, sagt Fendel, deren Klang der Stimme im Verlauf des Abends harmonischer, akzentuierter wird. Auch sie lässt bei ihrer Lesung unter dem Titel „Das reine Gewissen muss tierisch sein“ vor allem die Gedichte sprechen. Sie präsentiert sich als ausgezeichnete, liebenswerte Mittlerin zwischen Verfasserin und Publikum, das einen Gedichtband der Polin in der Buchhandlung vielleicht gar nicht angerührt hätte. Seit den 70er-Jahren sind hierzulande Gedichtbände Szymborskas zu haben, doch erst durch den Literaturnobelpreis wurde die Lyrikerin stärker wahrgenommen – dennoch könnte man sie noch als Geheimtipp handeln. Wenn die Szymborska einen Lebenslauf schreibt, dann hört sich das so an: „ . . . ungeachtet der Länge des Lebens/hat der Lebenslauf kurz zu sein... /von allen Lieben genügt die eheliche,/nur die geborenen Kinder zählen./Wichtig ist, wer dich kennt, nicht, wen du kennst./Reisen, nur die ins Ausland./Zugehörig wozu, aber ohne weshalb./Preise, ohne wofür./Schreibe, als hättest du niemals mit dir gesprochen/und dich von Weitem gemieden/umgehe mit Schweigen Hunde, Katzen und Vögel,/den Erinnerungskleinkram, Freunde und Träume./Es gilt der Preis, nicht der Wert/der Titel, nicht dessen Inhalt/die Schuhgröße, nicht wo/der Mensch, für den man dich hält, hingeht./Dazu eine Fotografie mit entblößtem Ohr. Wichtig ist seine Form, nicht, was es hört./Was es hört./Das Knirschen des Papierwolfs.“ Wislawa Szymborska hat eine ganz eigene, poetische Sprache. Sie spielt mit Ironie. Mal kommen Wahrheiten und Stimmungen in schlichtem, mal im bildungsbürgerlichen Gewand daher. Egal, ob sie nun von großen Themen der Welt, den kleinen Dingen des Alltags oder ganz Persönlichem wie der Liebe spricht, es hört sich immer wieder neu, anders an. Zuweilen scheint es fast, als ob die Lyrikerin über Profanes meditiere, dann wieder unterhält sich ein lyrisches Ich mit etwas, das alles, bloß keine Person ist, zum Beispiel mit ihrem Herzen („An mein Herz am Sonntag“.) Heiteres und Nachdenkliches wechseln sich ab. Es ist ein eher leiser, der Lyrik gewidmeter Abend auf der kleinen aber feinen Studiobühne im Backnanger Bürgerhaus. Wenig spektakulär wie eine Meditation mit passender unaufdringlicher Gitarrenmusik (Olaf Van Gonnissen), die aber umso länger und stärker nachwirkt.