Über drei Jahre Haft für den Ehemann

Aus Todesangst Sprung über den Balkon: Frau kam mit dem Leben davon – Vorwurf des versuchten Totschlags wurde fallen gelassen

Die Drohung, seine Ehefrau köpfen zu wollen, sowie zahlreiche Schläge und Fausthiebe gegen die Frau, all dies wertete jetzt das Stuttgarter Landgericht nur noch als gefährliche Körperverletzung und schickte den Ehemann für drei Jahre und fünf Monate hinter Gitter. Den Vorwurf des versuchten Totschlags ließen die Richter fallen.

Von Bernd S. Winckler

WAIBLINGEN/STUTTGART. Selbst der Staatsanwalt machte gestern vor der Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts große Augen, als er den Schuldspruch hörte. Er hatte gegen den 44-jährigen Ehemann eine sechsjährige Haftstrafe wegen versuchten Totschlags und wegen gefährlicher Körperverletzung beantragt (wir berichteten). Vor allem die Tatsache, dass der elfjährige Sohn die Peinigungen seiner Mutter mit ansehen musste und vom Vater sogar angewiesen wurde, ein Messer aus der Küche zu holen, damit er der Frau den „Kopf abschlagen“ könne, hatte der Ankläger als straferschwerend hervorgehoben und eine Tötungsabsicht des Mannes bejaht. Dem folgten die Richter im Urteil nicht. Die Misshandlungen, so schwer sie auch gewesen sind, habe der Angeklagte nicht in Tötungsabsicht verübt, heißt es in dem Urteil. Er war wütend deshalb, weil die Frau ihn ständig wegen seiner Spielsucht ermahnte und weil er an jenem 8. Juni dieses Jahres 250 Euro in einer Waiblinger Spielhalle verzockt habe. Wegen neuerlicher Vorwürfe der Frau hatte er deshalb auf dem Weg von der Spielhalle nach Hause telefonisch mitgeteilt, dass sie „etwas erleben“ werde.

In der Wohnung in Beinstein angekommen, verpasste er der Frau zuerst Fausthiebe in ein Auge, schlug sie mit Besenstiel und Kochlöffel, bis diese abbrachen und folgte der bereits Schwerverletzten nach einem Sprung über den Balkon auf ein Garagendach, wo er sie sogar in den Schwitzkasten nahm. Aufgebrachten Passanten hatte er daraufhin erklärt, dass nichts geschehen sei. Wieder in der Wohnung folgten dann die weiteren Misshandlungen und eine Verletzung mit jenem kleinen Messer, dass er schließlich selbst aus der Küche holte, weil der Sohn zuvor alle gefährlichen Werkzeuge versteckt hatte. Auch dies geschah ohne Tötungsbilligung, so die Stuttgarter Richter.

Sie entschieden sich für gefährliche Körperverletzung unter Einbeziehung einer vom Schöffengericht Waiblingen vom 12. Mai dieses Jahres verhängten Haftstrafe – ebenfalls wegen Körperverletzung – zu der Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und fünf Monaten. Die erste Vorstrafe resultierte aus einem tätlichen Angriff gegen die Ehefrau vom 18. Mai dieses Jahres, bei dem ebenfalls Nachbarn die Polizei gerufen hatten.

Was viele Zuhörer in dem Verfahren vor dem Stuttgarter Landgericht nicht verstehen konnten, ist die Tatsache, dass sich das Ehepaar wieder versöhnt hatte. Die Frau hatte – zum Schutz ihres angeklagten Mannes – vor Gericht von ihrem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch gemacht.

Doch da sie unmittelbar nach dem Geschehen, bei dem sie erheblich verletzt wurde, gegenüber der Polizei glaubhafte Angaben gemacht hatte, wurden diese in das Verfahren eingeführt. Ihr Sprung aus dem Wohnzimmer über den Balkon auf das angrenzende Garagendach war nach Meinung der Richter aus purer Todesangst geschehen. Beim Aufprall selbst hatte sich die Frau nicht verletzt. Hingegen verstauchte sich ihr Ehemann, der ihr in seiner Wut sogar nachgesprungen war, am Knöchel, war aber dennoch in der Lage, sie jetzt in den Schwitzkasten zu nehmen. Ein Würgen am Hals, wie es noch in der Anklage als Grund der versuchten Tötung vermerkt war, sei dies nicht gewesen, heißt es in dem Urteil.