Medikamente kofferweise mitgebracht

Die Unterweissacherin Amanda Hecktor besuchte ein Krankenhausprojekt in einer entlegenen Region von Madagaskar

Als Projektkoordinatorin von Ärzte für Madagaskar (ÄfM) ist Amanda Hecktor aus Unterweissach für zwei Wochen nach Madagaskar gereist. Dort besucht sie das Krankenhaus, das vom madagassischen Partnerverein von ÄfM, Elson Hanitra Madagascar Mission (EHMM), Anfang 2012 gegründet wurde. Hier schildert sie ihre Eindrücke:

Freundlich und ein wenig aufgeregt: Dorfkinder mit Amanda Hecktor. Fotos: privat

WEISSACH IM TAL. Süd-Madagaskar im Dezember. Die Regenzeit in Fotadrevo hat begonnen und bringt eine willkommene Abkühlung von der unendlichen Hitze. Der Regen trommelt hart auf das Blechdach des Hopitaly Zoara.

Was ich hier erlebe, ist unglaublich. Das 17-köpfige Team um den hervorragenden Chirurgen Dr. Elson Randrianantenaina kümmert sich um die medizinische Versorgung der 150000 Menschen der Region Toliara. Tagein, tagaus behandeln sie die ambulanten Patienten, operieren, versorgen die Kranken auf Station und geben Hoffnung in diesem von Armut und Hungersnöten geprägten Teil des Landes.

20 Betten sind im Krankenhaus vorhanden. Gerade habe ich die morgendliche Visite von Dr. Pierre, dem zweiten Arzt, begleitet. Die im Ort gezimmerten Betten sind mit dünnen Matratzen belegt. Ein Tuch als Laken und eine dünne Decke müssen die Patienten selbst mitbringen. Nägel an den Wänden dienen zum Aufhängen von Infusionsbeuteln. Plastiktüten am Bettpfosten beinhalten Medikamente und ein einfaches Heftchen – die Patientenakte. Auf einfachste Weise hat man sich hier geholfen. Die Angehörigen der Kranken sitzen an den Betten oder auf dem Boden.

Auch der Wartebereich der Ambulanz im Hof ist voll besetzt. Einfache, ungehobelte Bretter auf Stümpfen dienen als Bänke. Wer darauf keinen Platz mehr findet, sitzt oder liegt auf Bastmatten oder der kahlen Erde. Beim Überqueren des Hofes schlängele ich mich durch Erwachsene, Kinder, Reisschüsseln und Hühner hindurch. Auch der große überdachte Unterstand ist voll besetzt: Die Familien der Patienten haben ihre Kranken hierher begleitet. Angekommen sind sie zu Fuß, mit dem Ochsenkarren, einem altersschwachen Bus, oder sie wurden von Médecins Sans Frontières (MSF – Ärzte ohne Grenzen) gebracht. Die französische Nichtregierungsorganisation betreibt im 60 Kilometer entfernten Bekily ein Krankenhaus ohne OP. Kaum ein Tag vergeht, an dem der weiße MSF-Jeep nicht mindestens einen Notfall nach Fotadrevo bringt.

Außerhalb des Klinikgeländes können die Angehörigen über dem offenen Feuer für sich und ihre Patienten das Essen zubereiten. Kochgeschirr, Nahrungsmittel und Decken bringen sie mit. Für Nachschub wird im 4000-Einwohner-Dorf gesorgt, wo es Einkaufsmöglichkeiten, aber kein fließendes Wasser gibt. Das ungefilterte Wasser der Brunnen wimmelt überall von Bakterien. Typhuspatienten im Krankenhaus sind keine Seltenheit.

Dazwischen begegne ich Patienten mit Magengeschwüren und Malariakranken. Ein Mann, der von Viehdieben überfallen, ausgeraubt und schwer verletzt wurde, ist von Schmerzen gezeichnet. Die Ärzte versuchen mit aller Macht, sein Bein vor einer Amputation zu retten. Unsere mitgereisten deutschen Ärzte, ein Gynäkologe und ein Anästhesist, helfen bei den vielen Operationen und geben ihr Wissen jeden Morgen bei einer einstündigen Fortbildung an das ganze Team weiter.

In diesen Tagen stehen vor allem Krebsoperationen auf dem Programm. Leider kommen die Menschen oft erst, wenn es zu spät ist. Medikamente sind nur begrenzt vorhanden, Chemotherapie ist erst in der über tausend Kilometer entfernten Hauptstadt Antananarivo zu bekommen und viel zu teuer – genau wie viele allgemeine Medikamente und medizinische Verbrauchsmaterialien. Letztere haben wir kofferweise aus Deutschland mitgebracht. In nur wenigen Wochen wird es verbraucht sein. Doch Dr. Elson und sein Team geben nie auf. Tag und Nacht steht er an den Betten, das Personal hat nie auch nur einen Tag frei. Es gibt einfach zu viel Arbeit.

Der Verein Ärzte für Madagaskar will den Bau eines 50-Betten-Krankenhauses samt Brunnen und Solaranlage in Fotadrevo finanziell unterstützen. Zwei weitere Ärzte, mehrere Krankenschwestern und Hebammen sollen das bisherige Team dann ergänzen. Die Ausstattung für das neue Krankenhaus ist endlich nach sechs Wochen Zollverhandlungen im Hafen von Tuléar heil in Fotadrevo eingetroffen. Der Jubel ist groß – zwölf Monate lang war ÄfM mit dem Sammeln der Geräte und dem Verschicken am Werke. Die Hilfsorganisation ist dabei auf Spenden angewiesen (Ärzte für Madagaskar e.V., Naunhofer Straße 22, 04299 Leipzig, Konto 1090009670, Sparkasse Leipzig, Bankleitzahl 86055592).

Jeden Tag, den ich hier verbringe, bewundere ich die Menschen für ihr unglaubliches Durchhaltevermögen und ihre Lebensfreude, die doch allgegenwärtig ist, wenn ich auf den staubigen Wegen des Dorfes entlang spaziere, vorbei an Lehmhütten und den aus Zweigen gebundenen Marktständen. Alle grüßen freundlich, die Kinder sind ganz aufgeregt, eine Vazaha, eine Weiße, zu sehen. Ich fotografiere die Erwachsenen und die Kinder, und sie lachen über ihre Fotos. Sie werden in meinem Herzen bleiben, wenn ich die neun Stunden durch den Busch zurück nach Tuléar fahre und über Antananarivo wieder nach Hause fliege. Die Menschen hier sind nun ein Teil von uns, und wir werden mit all unserer Kraft Dr. Randrianantenaina und sein Team dabei unterstützen, eine umfassende medizinische Versorgung in diesem entlegenen Teil des Landes aufzubauen.

Weitere Informationen gibt es auf www.aerzte-fuer-madagaskar.de, E-Mail: info@aerzte-fuer-madagaskar.de, sowie www.facebook.com/doctorsformadagascar