- Kultur 09.03.2010
Das dramatische Leben spiegelt sich in der Musik
Der Württembergische Kammerchor gab ein Konzert in der Stiftskirche zum 150. Geburtstag von Hugo Wolf
Von Marina Heidrich
BACKNANG. Immer wieder bieten die Kirchengemeinden Backnang auch musikalische Höhepunkte. Nun war der Württembergische Kammerchor unter der Leitung seines Gründers und Dirigenten Dieter Kurz in der Stiftskirche zu Gast. Zum 150. Geburtstag des österreichisch-slowenischen Komponisten Hugo Wolf wurden unter der Überschrift „Komm, Trost der Welt“ Werke für Solostimme und Chor dargeboten.
Wolfs Musik spiegelt in ihrer Dramatik und Melancholie die Zerrissenheit des spätromantischen Komponisten wider, dessen Leben alles andere als glatt verlief. Eine komplizierte Persönlichkeit, Armut, Selbstmordversuche, Krankheit und immer wieder Aufenthalte in Nervenheilanstalten – Hugo Wolf wurde nur 43 Jahre alt. In seiner kurzen Lebenszeit vertonte er zahlreiche Gedichte.
Der Württembergische Kammerchor begann das Konzert sacht mit dem wehmütigen „Stimme des Kindes“. Bereits im folgenden Lied „Am stillen Friedhof“ bewies man, dass dieser Chor nicht nur einen wundervoll harmonischen Klangkörper bildet, sondern auch über ausgezeichnete Solostimmen verfügt. In einer Zeit, in der viele Chöre um ihre Existenz bangen, bestätigt ein Blick in die jungen Gesichter der Sänger: Unter Nachwuchsproblemen leidet der vor immerhin 38 Jahren gegründete Chor jedenfalls nicht.
Da die ursprünglich angekündigte Sängerin Johanna Zimmer erkrankt war, sprang am Sonntag kurzfristig Sopranistin Petra Labitzke aus Köln ein. Labitzke war unter anderem in diversen Opernhäusern im In- und Ausland in solch unterschiedlichen Werken wie Beethovens „Fidelio“ oder Mozarts „Zauberflöte“, aber auch in Lehárs Operette „Lustige Witwe“ zu hören. Sehr viel Gefühl legte Petra Labitzke in „Mühvoll komm ich und beladen“, ein Lied, das sie erst beginnen konnte, nachdem sich einige verspätete Zuhörer endlich nach ihrer ausdrücklichen Aufforderung in die Bankreihen begeben hatten. An sich keine große Sache, doch anstatt sich leise einfach hinzusetzen, versuchten die Herrschaften auch noch der Sängerin laut zu erklären, weshalb sie erst mit halbstündiger Verspätung erschienen waren. Und das mitten im Konzert. Neudeutsch bezeichnet man das als absolutes „No-Go“. Und altdeutsch einfach als anstandslos.
Der Pianist Oliver Kern
und seine besondere Klasse
Hervorragend auch der unglaublich lyrische Pianist Oliver Kern. Wer den Lebenslauf des 1970 in Schwäbisch Gmünd geborenen Professors für Klavier liest, kann kaum glauben, wie wenig sich dieser Mann in den Vordergrund spielt. Angenehm zurückhaltend, ganz im Dienste der Musik, unterstreicht und betont er Passagen, gibt den Anfangsakkorden bei „Herr, was trägt der Boden hier“ herzzerreißende Intensität.
Mit einem Höhepunkt klingt der Abend aus: die epische Vertonung von Eduard Mörikes „Der Feuerreiter“, die nach einem wild galoppierenden Beginn eine hauchzarte Auflösung erfährt, von Chor und Piano meisterhaft interpretiert.


