Das große Geld gegen die kleinen Leute

„Umverteilung von den Fleißigen zu den Reichen“: Zwei Ökonomen haben einen Wirtschafts-Bestseller geschrieben

„Der größte Raubzug der Geschichte“: das ist eine faktenreiche und zugleich provokante Abrechnung mit einem moralisch verkommenen und nicht mehr nachvollziehbaren globalen Finanzsystem. Und es ist ein Sachbuch-Bestseller, der Furore macht. Matthias Weik und Marc Friedrich sind die Autoren.

„Der größte Raubzug der Geschichte“: das ist eine faktenreiche und zugleich provokante Abrechnung mit einem moralisch verkommenen und nicht mehr nachvollziehbaren globalen Finanzsystem. Und es ist ein Sachbuch-Bestseller, der Furore macht. Matthias Weik und Marc Friedrich sind die Autoren.

Von Peter Wark

 

BACKNANG. Seit einem halben Jahr auf der Spiegel-Bestsellerliste, 40000 verkaufte Exemplare, Übersetzungen in mehrere Sprachen, Platz 1 in der Sachbuchliste des Manager Magazins, Einladungen ins Fernsehen, Interviews in großen Zeitungen: Dafür, dass es ihr Ziel war, 500 oder 1000 Exemplare zu verkaufen, sind Matthias Weik und Marc Friedrich weit gekommen. Beide stammen aus Waiblingen, kennen sich von Kindesbeinen an und haben unter anderem BWL studiert. Sie sind mit einer eigenen Firma als Finanzberater tätig.

Pointiert, witzig, bisweilen auch populistisch („Griechenland: wer solche Freunde in einer Währungsunion hat, braucht keine Feinde mehr“) erklären die beiden 37-Jährigen das Finanzsystem – immer anschaulich und verständlich, gespickt mit beißender Ironie bis hin zu schmerzhaftem Zynismus. Das Buch liest sich faktenreich und zugleich spannend; so, dass es auch der kleine Bankkunde versteht – und sich nach der Lektüre vielleicht zum ersten Mal als das Opfer sieht, das er nach Ansicht der Autoren auf jeden Fall ist: „Die Bank gewinnt immer.“

Ihr Buch ist eine böse, witzige, erschreckende Abrechnung mit einem globalen Finanzsystem, das sich jeder Kontrolle längst entzogen hat und nach Ansicht der Autoren von Gier und jeder Menge krimineller Energie getrieben wird. Der ganz große Crash wird kommen, sind sie überzeugt. Die jungen Menschen in Spanien, Portugal, Griechenland werden nicht ewig tatenlos der Verarmung und Perspektivlosigkeit zusehen, prognostizieren sie. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder explizit das Wort von der Revolution.

Friedrich hat Anfang der 2000er-Jahre den Staatsbankrott in Argentinien als Student vor Ort erlebt. Innerhalb weniger Stunden waren die Banken geschlossen, das Geld nichts mehr wert, Lebensmittel und Benzin nicht mehr verfügbar und es herrschte über Nacht Anarchie. Hunger, Armut, explodierende Gewaltverbrechen waren die Folge. Ein ähnliches Bild malt das Autorenduo für Deutschland, nur dass bei uns die Folgen noch viel schlimmer wären, weil wir derzeit noch auf höchstem Niveau leben. Was passiert, wenn man mit dem Geld nichts mehr kaufen kann, wenn die Supermärkte leer sind und es keine Renten mehr gibt, fragen sie und halten das für ein wahrscheinliches Szenario. Die Frage ist für sie nur noch, wann es so weit ist.

Große Teile des globalen Finanzsystems nennen sie schlicht und einfach verbrecherisch. Dass sie sich mit ihrem Bestseller noch keine einzige Klageandrohung eingehandelt haben, spricht für sich. Sparer werden abgezockt und im Zweifelsfall in den Ruin getrieben, ganze Staaten von scheinbar allmächtigen Finanzjongleuren in die Knie gezwungen. Das Finanzsystem nutze höchstens fünf Prozent der Menschen, halte sich aber an 95 Prozent schadlos. Dass ausgerechnet die Verursacher der Krise die großen Gewinner eben jener sind, sei skandalös. Das Fazit: Die Banken regieren die Welt und halten sich Politiker als Lakaien.

Am Ende der Lektüre ist man als Leser fast zwangsläufig davon überzeugt, dass alles noch viel schlimmer und mafiöser ist, als man schon immer befürchtet hat. Das System, es ist nach Weik und Friedrich ungerecht, es ist zynisch, es ist zutiefst verkommen. Die Autoren prangern die unsägliche Allianz zwischen Politik und den Banken an.

Macht und großes Geld verbünden sich schon immer gegen die kleinen Leute, stellen die Autoren fest. Das ist in Deutschland so, europaweit und überall, wo der Turbokapitalismus seit Jahren hemmungs- und grenzenlos wütet.

Selbst diejenigen, die sich (noch) zum Mittelstand zählen dürfen, werden schleichend enteignet. Wer Geld spart, verliert schon jetzt jedes Jahr einen Teil davon – allein zum Wohl der Banken.

Das Finanzsystem funktioniere nach eigenen Regeln. Rücksichtslos. Allein dem Profit weniger verpflichtet. Die Protagonisten an den Schalthebeln der Macht setzen Werte und die demokratischen Spielregeln außer Kraft, um ein marodes, krankes und zutiefst unanständiges System am Leben zu erhalten, resümieren die Erfolgsautoren. Gerne bedienen Weik und Friedrich Klischees und bestärken sie – allerdings auf einer nicht wegzuwischenden Faktenbasis.

Dass es eine Umverteilung „von den Fleißigen zu den Reichen“ gibt, steht für die beiden Ökonomen außer Frage. Dass der Bürger und Steuerzahler von der Politik verraten und verkauft wird, ebenfalls. „Frau Merkel & Co., halten Sie uns für blöd?“, fragen sie in einem Kapitel. Die Antwort ist in der Fragestellung enthalten und sie ist eindeutig: Ja, selbstverständlich. Ihren Lesern und Besuchern bei ihren Vorträgen legen die beiden jungen Finanzberater ans Herz: raus aus Papiergeld, Aktien, Lebensversicherungen, rein in Sachwerte. „Kaufen Sie eine Obstwiese“, raten sie stattdessen. „Kaufen Sie sich bei einem Bauern ein“; „Legen Sie Lebensmittelvorräte an“. Sie meinen es ernst.

„Der größte Raubzug aller Zeiten“ – das sind fast 400 Seiten, die wütend machen. Im Buch gibt es ein Zitat von Henry Ford, das viele Leser nach der Lektüre wohl sofort unterschreiben: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“