„Das ist, wie wenn man in sich selbst eintaucht“

Pat Metheny über sein Solo-Orchester und den Spaß am Musizieren mit sich selbst – Der Musiker gastiert am Samstag im Bürgerhaus

Mit dem Orchestrion hat sich Pat Metheny einen Kindheitstraum bauen lassen. Ein wie von Geisterhand bewegtes Orchester aus Gitarren, einer von Staubsaugermotoren betriebenen Flaschenorgel, einem Klavier, einem Vibrafon und diversen Perkussionsinstrumenten– das alles ist bei seinem (bereits ausverkauften) Konzert am Samstag im Backnanger Bürgerhaus zu erleben. Claus Lochbihler sprach mit dem Musiker über das spannende Projekt.

Im Interview erzählt Pat Metheny, welche Motivation hinter dem Vorhaben Orchestrion steht, warum es das bisher stressigste seiner Laufbahn ist, und weshalb alles mit einem mechanischen Klavier im Keller seines Großvaters begann: Die Konzertbesucher erleben alles in allem gut 20 Instrumente, die der Jazzmusiker von seiner Gitarre aus zu einem dichten Orchesterklang zusammenfügt – irgendwo zwischen Gamelanorchester und den poppigen Jazz-Sinfonien der Pat Metheny Group.Foto: Jimmy Katz

Fühlten Sie sich die letzten zwei Jahre, in denen Sie Ihr „Orchestrion“-Projekt verwirklicht haben, manchmal missverstanden?

Das war tatsächlich so. Ganz am Anfang dachten viele, ich spinne – manchmal sogar meine Frau. Aber mittlerweile weiß ich, wie ich den Leuten das Orchestrion erklären muss.

Wie denn?

Zum Beispiel mit Stevie Wonder. Fast jeder kennt sein Album „Music of my Mind“ oder hat es schon mal gehört. Eine seiner schönsten Aufnahmen. Er hat darauf jedes Instrument, jede Note selbst gespielt und gesungen. Ich mache als Jazzer und Instrumentalmusiker im Prinzip das Gleiche. Mit einem entscheidenden Unterschied: Das, was bei ihm nur im Studio möglich war, kann ich mit dem Orchestrion live und in Echtzeit spielen.

Worin besteht für Musiker der Reiz, allein mit sich selbst zu spielen?

Das ist, wie wenn man in sich selbst eintaucht. Man ist von Tönen umgeben, die man alle selbst erzeugt hat. Und alles fügt sich ganz wunderbar – wie wenn ein Fingerabdruck absolut exakt zu einem anderen passt. Eine fantastische, ganz eigentümliche Erfahrung.

Warum arbeiten Sie nicht – wie so viele Ihrer Kollegen – mit digitalen Loops und den Möglichkeiten des Sampling? Das wäre viel einfacher.

Wegen des akustischen Klangs. Das Orchestrion ist zu hundert Prozent akustisch, weil es aus richtigen Instrumenten besteht. Digital ist nur die Technik, mit der ich von meiner Gitarre aus die einzelnen Instrumente ansteuern und dirigieren kann.

Was missfällt Ihnen an digital oder elektronisch erzeugten Klängen?

Dass die Musik immer nur aus einem Lautsprecher kommt. Das ähnelt mehr einer Aufnahme, die vor Publikum abgespielt wird, als einem Livekonzert. Dagegen ist der Klang akustischer Instrumente, die über eine Bühne verteilt sind, sehr viel komplexer. Wenn sich Töne in der Luft vermischen, klingt alles transparenter, räumlicher und schöner, als wenn diese Musik elektronisch erzeugt und durch ein paar Lautsprecher gejagt wird.

Hat damit der Titel „Spirit of the Air“ zu tun, eine Komposition auf Ihrer neuen, mit dem Orchestrion eingespielten CD?

Genau das ist gemeint. Der Songtitel ist meinen beiden Söhnen eingefallen. Er passt perfekt: Ohne Luft und Luftmoleküle, die von Instrumenten nach musikalisch-physikalischen Gesetzmäßigkeiten in Bewegung gesetzt werden, gäbe es keine Musik. Das ist mit „Spirit of the Air“ gemeint.

Stimmt es, dass Sie Ihre Faszination mit Musikmaschinen einem mechanischen Klavier verdankten, das bei Ihrem Großvater herumstand?

Ich war neun Jahre alt, als ich dieses Ding zum ersten Mal bei meinen Großeltern gesehen habe. Es stand im Keller herum: Die Musik dafür war auf Papierrollen gespeichert. Wenn man es damit fütterte und die Pedale bewegte, bewegten sich die Tasten auf einmal, und das Klavier spielte Musik. Ich habe dieses mechanische Instrument geliebt. Das war der Anfang eines Traums, den ich mir mit dem Orchestrion erfüllt habe.

Was unterscheidet Ihr Orchestrion vom mechanischen Klavier Ihres Großvaters?

Die Musikmaschinen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren allesamt schrecklich monodynamisch: Jeder Ton wurde gleich stark angeschlagen, alles war gleich laut oder gleich leise. Deswegen konnte man ihnen auch nur 30 Sekunden zuhören, bevor man riskierte, verrückt zu werden. Mein Orchestrion lässt sich dagegen dynamisch spielen. Die Elektromagneten, die alle Instrumente ansteuern, geben Unterschiede in der Lautstärke oder Art des Anschlags sehr exakt wieder. Ähnlich ist es mit dem Timing. Deswegen rumpelt das Orchestrion rhythmisch auch nicht so unpräzise vor sich hin wie die Musikmaschinen von früher. Man kann das Orchestrion richtig zum Grooven und Swingen bringen.

Reagiert es auch auf das, was Sie improvisieren?

Nein. Es macht nichts von sich allein. Es ist einfach nur ein riesiges Instrument. Es hört mir natürlich auch nicht zu, macht aber alles, was ich ihm befehle. Stellen Sie es sich einfach wie einen großartigen, aber tauben Musiker vor.

25 Instrumente, die Sie alle von Ihrer Gitarre aus steuern, auf der sie zusätzlich auch noch live dazu improvisieren: Ist das alles nicht wahnsinnig stressig?

Das ist so ziemlich das Stressigste, was ich jemals gemacht habe. Ich bin Solist und Orchesterchef, Komponist und Improvisator in einem und muss mir alles auch noch merken – die Einsätze der verschiedenen Instrumente, wie alles technisch funktioniert, wann ich welchen Knopf drücken muss. Aber es ist eben auch ein Riesenspaß. Jeder, der das Orchestrion bislang erleben durfte, hatte binnen Sekunden ein großes, ungläubiges Lächeln im Gesicht.

Der Aufwand für diese Tour muss immens sein.

Sicher. Das Ding besteht aus Tausenden von Einzelteilen: Von der Flaschenorgel über Staubsaugermotoren bis hin zu Gitarrenrobotern und irgendeinem einzelnen Kabel. All das muss sicher bewegt und richtig aufgebaut werden.

Machen Sie damit logistisch den Rolling Stones Konkurrenz?

Für das Soloprojekt eines einzelnen Jazzmusikers mag der Aufwand riesig erscheinen. Für den Rock ’n’ Roll-Zirkus der Rolling Stones ist das gar nichts. Da kümmern sich die zwölf Leute, die bei mir für den Transport, den Aufbau und das Funktionieren des Orchestrions zuständig sind, nur ums Catering.

Was machen Sie, wenn das Orchestrion seinen Geist aufgibt?

Dann heißt es ganz traditionell: Solo Guitar, Baby! Irgendwas muss ich ja spielen, wenn mich das Orchestrion im Stich lässt. Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird. In der heißen Phase unserer Tourvorbereitung haben wir sechs Wochen lang jeden Tag zwanzig Stunden gearbeitet, damit das nicht passiert.

Bei einem Jazzfestival in Südtirol gibt es Konzerte, die hoch am Berg auf Hütten stattfinden...

Eine hübsche Idee, aber leider nichts für dieses Projekt. Da müsste ich sechs Monate vorher damit beginnen, das Orchestrion auf den Berg zu schleppen. Und am Ende wäre die Hütte zu klein. Da bleibe ich lieber im Tal.