- Kreis 12.03.2010
Neue Hoffnung aus der Erinnerung
Gedenkfeier für die Opfer des Amoklaufs vom 11. März 2009 – Bundespräsident Köhler bei der Albertville-Realschule
In einer bewegenden Feierstunde wurde gestern der Opfer des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen gedacht. Bundespräsident Köhler sagte: „Dieser Tag steht dafür, dass alles anders ist, als es vorher war.“ Und Rektorin Astrid Hahn dankte der Schulgemeinschaft mit den Worten: „Ihr seid alle so stark.“



Von Armin Fechter
WINNENDEN. Die Albertville-Realschule liegt im Schneetreiben, nasse Kälte hat sich breitgemacht. Wie um die schräg daherwirbelnden Flocken zu vertreiben, prangen vor dem grauen Betongebäude zwei Transparente in optimistischen grünen Pastelltönen. Das eine zeigt das Schullogo in sanft geschwungenen Lettern, das andere das Motto: „Ich lebe meinen Traum.“ Der Slogan wird auch auf Buttons hundertfach an Schüler und Besucher der Gedenkfeier verteilt.
Um Träume ist es schon bei der Trauerfeier nach dem Amoklauf vom 11. März vorigen Jahres gegangen: Schüler trugen damals Symbole fürs Leben zum Altar. Daran knüpfen die Jugendlichen bei der Gedenkfeier an – und gehen noch einen Schritt weiter. Für jedes Opfer legen sie eine Steinplatte mit Namen nieder. Und sie bilden aus Kieseln einen Weg, der weiter ins Leben, in eine gute Zukunft führen soll. Auf diese Steine schreiben sie ihre persönlichen Botschaften – „Liebe“, „Freundschaft“ oder „Hoffnung“, aber auch „R.I.P.“ für das Lateinische Requiescat in Pacem/sie oder er ruhe in Frieden. Die Besucher der Gedenkfeier sind eingeladen, sich anzuschließen, und machen regen Gebrauch davon – als erste Bundespräsident Horst Köhler und Ministerpräsident Stefan Mappus. Die beiden haben sich im Vorfeld auch auf ausdrücklichen Wunsch der Schüler darauf geeinigt, die politischen Reden auf ein Minimum zu beschränken. So spricht nur Köhler zu den Teilnehmern, er würdigt den Abschlussbericht des von der Landesregierung eingesetzten Sonderausschusses und greift einige Punkte daraus auf. Einen Appell richtet er an die Medien, mit denen er einen Kodex im Geist der Prävention vereinbaren möchte. Denn: „Intensive Berichterstattung, die den Täter in den Mittelpunkt stellt, kann ein Anlass zur nächsten Tat sein.“ Gleichzeitig fordert er schärfere waffenrechtliche Bestimmungen. Auch zu Videospielen erklärt er sich eindeutig: „Hier müssen wir uns gegen eine drohende Verrohung unserer Gesellschaft gemeinsam zur Wehr setzen und Grenzen ziehen.“ Zudem ruft er dazu auf, „das Gefühl der Zugehörigkeit, der Zusammengehörigkeit wachsen zu lassen, in der Familie und in der Schulgemeinschaft, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in den Vereinen, in der Gemeinde“.
Der Bundespräsident findet emotional aufwühlende Worte, als er über die Opfer spricht, die keiner mehr lebendig machen kann, die aber in der Erinnerung fortleben: „Könnten wir sie fragen, sie würden wohl antworten: Behaltet uns lieb. Lasst euch nicht beugen und brechen von dem Verlust. Steht zusammen, steht füreinander ein, lebt weiter, lebt mit für uns.“
Am gemeinsamen Schicksal
nicht zerbrochen
Diesen Gedanken vertritt auch Oberbürgermeister Bernhard Fritz. Er hält fest, dass die Winnender und im Besonderen die Schulgemeinschaft der Albertville-Realschule „am gemeinsamen Schicksal nicht zerbrochen“ seien. Worte des Dankes richtet Rektorin Astrid Hahn an alle, die den Betroffenen an der Schule und den Hinterbliebenen geholfen haben, einschließlich Polizei, DRK, Kirche.
Vor der offiziellen Gedenkfeier haben sich Schüler und Hinterbliebene intern getroffen, um sich mit dem Jahrestag des Amoklaufs auseinanderzusetzen. An der Feier in der Hermann-Schwab-Halle mit gottesdienstlichen Elementen nehmen etwa 900 Personen teil. Auf dem Gelände der Albertville-Realschule bilden sie anschließend eine Menschenkette. Bewegende Momente kommen auf, als sich die Kette schließt und um 9.33 Uhr die Kirchenglocken für zwei Minuten läuten.
Die Besucher der offiziellen Gedenkstunde um 11 Uhr, unter ihnen wieder viele Schüler, kommen in größeren und kleineren Gruppen an den Platz vor der Realschule. Manche halten sich an den Händen, manche umarmen sich still. Tränen und Schmerz zeigen sich unweigerlich von Neuem. Das Trauma des furchtbaren Geschehens ist noch nicht überwunden. „Dieser Tag reißt Sie heraus aus der Ordnung, um die Sie seit einem Jahr so mühsam gekämpft haben, um weitermachen zu können. Alles, was verloren ging, kommt wieder: Gesichter, Stimmen, Namen“, sagt Horst Köhler.
Die Schüler arbeiten jedoch daran, machen sich gegenseitig Mut und singen mit: „Wir geben niemals auf.“
Die Veranstaltung, zu der rund 1500 Besucher gekommen sind und die vom Projektorchester der Stadtjugendmusikschule umrahmt wird, verläuft ruhig. Die rund 300 eingesetzten Polizeikräfte halten sich im Hintergrund. Wenig zu tun haben auch die Rotkreuz-Mitarbeiter, der Notarzt, die Kräfte der Feuerwehr sowie Psychologen und Notfallseelsorger.


