Gelebte Integration bei Eis- und Braunbären

Die Integrationsklasse der Maubacher Grundschule erhält vom Landes-Behindertenbeauftragten Gerd Weimer ein gutes Zeugnis

Der Landes-Behindertenbeauftragte der grün-roten Regierung, Gerd Weimer, hat gestern die Integrationsklasse der Maubacher Grundschule und die Backnanger Werkstätten der Paulinenpflege besucht. Der 64-Jährige erkundigte sich dabei an der Basis, wo der Schuh drückt.

Im munteren Gespräch mit Beschäftigten der Backnanger Werkstätten: Gerd Weimer. BKW-Geschäftsführer Carlo Noé (rechts) führte den Landes-Behindertenbeauftragten zusammen mit dem Backnanger SPD-Landtagsabgeordneten Gernot Gruber durch die Produktionshallen. Foto: J. Fiedler

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Die Integrationsklasse ist ein Erfolgsmodell und seit zwölf Jahren fester Bestandteil der Maubacher Grundschule. Dort unterrichtet seit Anfang an Sonderschullehrerin Friedlinde Erb die an verschiedenen Entwicklungsstörungen oder Behinderungen leidenden Kinder. Schon drei Jahrgänge haben unter ihrer Führung jede Klasse der Grundschule durchlaufen, jetzt ist bereits die vierte Generation an der Reihe. Erb schwärmt ebenso wie Klassenlehrerin Ulrike Lorch und die zweite Sonderschullehrerin Astrid Gläser sowie Rektorin Brigitte Cyrus von den verschiedensten Vorteilen dieser Art der Integration.

Weimer ist auf Einladung des SPD-Landtagsabgeordneten Gernot Gruber gekommen. Zusammen mit ihm und einer Delegation der Lebenshilfe verfolgt er den Unterricht in der ersten Klasse. 12 Erstklässler ohne Einschränkungen – die Braunbären – und 5 Kinder mit Behinderungen – die Eisbären – bilden die Klasse. Die Tatsache, dass beide Seiten voneinander profitieren, ist unbestritten. Alle Beobachter betonen, dass die Braunbären den Eisbären ganz selbstverständlich helfen und die Eisbären stark davon profitieren. Auch der Umgang der Schüler ist sehr sozial und vorbildlich. Und weil zum Teil bis zu drei Lehrkräfte in der Klasse sind, kommen auch die leistungsstarken Kinder nicht zu kurz. Mathe und Englisch werden sowieso nicht zusammen unterrichtet. Dafür der ganze Rest.

Und so geht es bei dem Treffen eher um die Fragen, was die Politik ändern muss. Eine Frage lautet, welcher Schule soll die Integrationslehrerin zugeordnet sein. Derzeit zählt sie noch zur Bodelschwingh-Schule Murrhardt, sie ist nur abgeordnet, auch wenn sie ausschließlich in Maubach unterrichtet. Und wie sieht es mit der Finanzierung aus? Weimer hofft ganz fest darauf, dass mit der Novellierung des Schulgesetzes all diese Fragen geklärt werden können. „Ich hätte mir gewünscht, dass diese Novellierung schon zum Schuljahr 2013/14 in Kraft tritt. Aber ich kann auch damit leben, wenn dies ein Jahr später der Fall ist. So haben wir die Möglichkeit, noch alle offenen Fragen zu klären.“ Der Streit geht ums Geld. Für die Eingliederungshilfe ist der Kreis zuständig, für die Bildung das Land. Wie verhält es sich nun mit dem Unterricht bei geistig Behinderten? Ist das Lernen? Oder nur Begleitung? Weimer bedauert das Gezerfe: „Das ist ein Streit, der auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird.“ Die Schulleitung und die Pädagogen haben eine klare Meinung. Rektorin Cyrus: „Es ist unabdingbar, dass die Lehrer zu uns gehören.“

Viel Lob erhielten die Lehrerinnen von Gerd Weimer, denn ihm war klar, dass der Arbeitsaufwand bei solch heterogenen Gruppen ungleich größer ist als bei üblichen Klassen. Er würdigte die Mehrarbeit, obwohl es dafür nicht mehr Geld gibt. Auch Gernot Gruber dankte den Pädagoginnen für deren Engagement, „und dass sie so viel Herzblut einbringen“.

Auf der zweiten Station der Besuchsreise zeigte sich Weimer sehr überrascht von der Vielfalt der Produkte, die in den Backnanger Werkstätten der Paulinenpflege hergestellt werden. Kritik übte er an vielen Arbeitgebern. Über 50 Prozent aller Firmen in Baden-Württemberg zahlen lieber Ausgleichsabgabe, statt einen Behinderten zu beschäftigen. Auf der anderen Seite dankte er all jenen Betrieben, die die Backnanger Werkstätten mit Aufträgen bedenken.