Ferber hat alle Schwierigkeiten im Griff

Backnanger Pianist überzeugte beim Konzert im brechend vollen großen Saal des Gemeindehauses

Von Christoph Rothfuss

OPPENWEILER. Die Dunkelheit hat sich schon lange übers Land gelegt, die Kirchturmuhr schlägt und dann: Der Pianist Jochen Ferber stimmt seine zweite Zugabe, ein elegisches Nocturne von Chopin, an. Das Publikum im brechend vollen großen Saal des Oppenweiler Gemeindehauses lauscht wie gebannt, die Töne fließen jeglicher Zeitlichkeit enthoben – ein magischer Moment.

„Back to the roots“ – so könnte man als Motto des Klavierabends von Jochen Ferber, dem bekannten Backnanger Konzertpianisten, formulieren. Ferber hat Essenzielles zu sagen und dementsprechend gestaltete er sein umfangreiches Programm. Bach, Mozart, Beethoven und Chopin, von diesen Großmeistern des Klaviers gab es zentrale Werke zu hören. Um es gleich zu sagen: Jochen Ferber überzeugt bei diesem Kernrepertoire sowohl intellektuell als auch emotional. Er gebietet über tiefschürfende Deutungsansätze ebenso wie über Totalaufnahmen im übertragenen Sinne aus der Vogelperspektive.

Zwei Variationswerke der Wiener Klassik standen am Anfang. Ludwig van Beethoven schrieb sechs Variationen D-Dur opus 76 über einen türkischen Marsch, und Wolfgang Amadeus Mozart schrieb seine Sonate A-Dur KV 331, die durch ihren türkischen Marsch berühmt wurde, ihrerseits wiederum mit einem Variationensatz beginnend. Ferber nutzt seine enorme Anschlagskontrolle und -kultur für verblüffende klangliche Wirkungen. Wenn erforderlich, geht der Pianist behutsam zu Werke, als ein Beispiel sei die wunderbare Phrasierung des Mozart’schen Themas genannt. Keiner weint so heiter und lacht so traurig wie Mozart. Dafür hat Jochen Ferber in den letzten Jahren einen immer ausgeprägteren Sinn entwickelt. Doch auch Sturm und Drang hört man da, Burschikoses hat seinen Platz und klangmalerische Kraftmeierei darf sich austoben. Doch dies alles an seinem Platz in der ausgewogenen Architektur. Stolzen Ganges schreitet das Menuett gemessen daher, ein delikates Trio folgt. Dann folgt das berühmte und auch heute noch von Klavierschülern geliebte aber auch gefürchtete „Alla Turca“, Jochen Ferber hat alle Schwierigkeiten mühelos im Griff.

Im „Italienischen Konzert“ F-Dur von Johann Sebastian Bach kommt es dann zum barocken Showdown. Zwei Instrumentengruppen wetteifern miteinander, der Pianist löst sämtliche technischen Probleme hervorragend und hat noch Kapazitäten, dem Yamaha-Flügel schöne Farben zu entlocken. Zu Herzen geht seine Deutung des langsamen Mittelsatzes, eine der schönsten Kantilenen der Geschichte.

Die zweite Programmhälfte stand ganz im Zeichen Frédéric Chopins. Seine zweite Sonate b-Moll opus .35 wurde ebenfalls durch einen Marsch weltberühmt, in diesem Fall ein grandios inszenierter Trauermarsch. In größter Verzweiflung und innerer Zerrissenheit bietet Chopin immer wieder Trost an, Ausdruck einer tiefen und überwältigenden Menschlichkeit. Die Zeitgenossen Chopins waren ob der radikal-neuen Klangsprache verstört, und das kann man heute immer noch gut nachvollziehen. Ferber glättet nichts, trotz aller gebotenen Contenance begibt er sich ins Innerste und bietet aufwühlende und berührende Passagen. Das folgende Scherzo Nr. 1 h-Moll opus 20, ebenfalls von Chopin, verstärkt diesen Eindruck. Mit nur zwei Akkorden stürzt das Individuum vom Himmel in die Hölle, ein polnisches Weihnachtslied, von Ferber äußerst warm aber auch fragil intoniert, wird zum Symbol für die Sehnsucht nach der Heimat, ja für die Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit. Große Kunst, große Gefühle.

Die Zuhörer sind begeistert, mit dem „Gaucho, der vor dem Gesetz flieht“ (Alberto Ginastera) bringt Jochen Ferber in Oppenweiler dann noch eine humoristische Note herein, sein stupender Parforceritt über die gesamte Tastatur ist sehr vergnüglich. Ferber lässt die Frage im Raum stehen, ob das Pferd dieses Abenteuer heil überstanden hat.