Mit teufelsgeigerischer Leichtigkeit

David Garrett bot bei seiner „Music Tour 2013“ auch in der Aspacher Comtech-Arena eine gigantische Show

„Geige spielen ist das Einzige, was ich wirklich gut kann.“ Er kann’s nicht nur gut, sondern ganz ausgezeichnet. David Garretts „Music Tour 2013“ führt ihn auch in die Comtech-Arena im Fautenhau. Dort holt der schillernde Violinist etwas mehr als 8000 Besucher ab – zu einer Reise um die Welt.

David Garrett und Marcus Wolf am Banjo präsentieren auf Strohballen sitzend „Duelling Banjos“: Das Stück spielte Garrett auch bei den Feierlichkeiten zum Diamantenen Kronjubiläum von Elisabeth II. Auf den LED-Videowänden am Bühnenrand konnten auch die Besucher in den hinteren Reihen und auf den Besucherplätzen im Arenenrund das Geschehen genauestens mitverfolgen. Fotos: Edgar Layher (5), Florian Muhl (1)

„Geige spielen ist das Einzige, was ich wirklich gut kann.“ Er kann’s nicht nur gut, sondern ganz ausgezeichnet. David Garretts „Music Tour 2013“ führt ihn auch in die Comtech-Arena im Fautenhau. Dort holt der schillernde Violinist etwas mehr als 8000 Besucher ab – zu einer Reise um die Welt.

Von Thomas Roth

 

ASPACH. Am Ende gibt es stehende Ovationen für den stets prächtig in Szene gesetzten 32-jährigen Geiger, der so gern Musik abseits des gängigen klassischen Repertoires spielt. Dort, also in der Pop(ular)-Musik, gibt es weniger strenge Interpretationsregeln. Da kann Garrett die Arrangements gemeinsam mit seinen Bandkollegen ausschließlich nach seinem Gustus gestalten. Dies tut er mit Leidenschaft, mit Inbrunst, mit sicht- und hörbarer Freude. An seiner Stradivari spielerisch überfordert wird er dabei nicht, auch wenn er schwierigste Passagen mit teufelsgeigerischer Leichtigkeit serviert: Die technische Latte hängt bei dem einstigen Wunderknaben eben exorbitant hoch. Also kann er sich ganz und gar der Interpretation der Stücke hingeben: Wenn’s rockt, dann rockt’s – aber so richtig, wie bei Vivaldi oder natürlich AC/DC und Metallica. Wenn’s schmalzt, dann schmalzt’s. Auch hier keine Diät, sondern die absolute Vollfettstufe (Bildergalerie).

Ein Beispiel: John Miles’ „Music“ (was my first love...): „Wenn es einen Song gibt, mit dem ich mich hundertprozentig identifiziere, dann ist es diese Ballade“, bekennt der Stargeiger. Für die Älteren mag dieser Song freilich reichlich abgenudelt sein. Garrett aber ist ja noch ziemlich jung. Nicht nur an Jahren, sondern auch in seiner Ausstrahlung.

Mit viel Sentiment spielt er auch Tschaikowskis Ballettmusik zu „Schwanensee“: „Meine Mutter war ausgebildete Balletttänzerin...“ Meist spielt er stehend, ab und zu geht er durchs Publikum auf eine kleine Bühne. Bei einer Chopin-Bearbeitung eines posthum veröffentlichten Klavier-Nocturnes sitzt er. Vielleicht ein dramaturgischer Tribut an die übliche Spielhaltung von Pianisten.

Bei der Auswahl der Stücke geht es Garrett nach eigenem Bekunden primär immer um die Eignung seines Instrumentes: Kann die Geige dieses Stück klanglich rüberbringen? Passt sie von der Charakteristik her? Nun, wer so brillant spielen kann, dem wird diesbezüglich auch viel gelingen. Und so sagt Garrett selbst denn auch: „Die Geige kann jede Musikrichtung adaptieren und mit jeder Kultur eine Verbindung eingehen.“ Der Musiker geht sogar noch weiter: „Ich würde behaupten, dass nicht einmal die menschliche Stimme dazu in der Lage ist.“ In der Tat kann David Garrett sein Instrument durchaus singen lassen. Sehr schön der zweite, langsame Satz des 4. Violinkonzerts von Niccolò Paganini. Auch bei rasanten Doppelgriffpassagen wie in Khachaturians „Säbeltanz“, bei der Wieniawski-Caprice – man hatte soeben Polen erreicht – oder bei Arpeggios wie im Schlusssatz in Vivaldis „Sommer“: Die Geige singt, sie atmet, stöhnt und jubelt – ganz nach Bedarf. Dass der Queen von England, zu deren Diamantenem Kronjubiläum Garrett auf Schloss Windsor auftreten durfte, das Bluegrass-Stück „Duelling Banjos“ mit am besten gefällt, wie der Geiger in seinen immer wieder eingestreuten Anekdoten erzählt, ist bemerkenswert. Es zeigt aufs Neue, dass die Insel-Dame, abseits vom Protokoll, bekanntermaßen recht natural gestrickt ist. Ihrem Gatten, seiner Zynität Philip, hätte dann wohl des Violinisten Ausflug nach Griechenland zu „Alexis Sorbas“ ganz gut gefallen. „Quite well played“, hätte er mit dem ihm zur Verfügung stehenden Maximal-Superlativ womöglich gesagt.

Mit dem Drummer Jeff Lipstein, Gitarrist Marcus Wolf, mit Jeff Allen am Bass und dem Keyboarder und Pianisten John Haywood hat sich Garrett standesgemäß mit einer amtlichen Band ausgestattet. Unter der Leitung von Franck van der Heijden, der auch Gitarre spielt, macht die Neue Philharmonie Frankfurt den Sound groß, eben orchestral. Das ist beeindruckend, auch wenn das alles dem einen oder anderen Musikpuritaner vielleicht gar zu überladen erscheinen mag. Tatsächlich gleitet der Abend bisweilen durchaus ins Kitschige ab. Auch davor hat David Garrett aber keine Skrupel. Er beschwört die einigende Kraft der Musik, die eine eigene Sprache ist und keine Staatsgrenzen kennt. Er bedankt sich für sein Glück, diesen Abend in der Comtech-Arena verbracht haben zu dürfen, holt, wie immer, eine Dame aus dem Publikum auf die Bühne und geigt ihr was vor – ein Abend voller Harmonien in gänzlicher Harmonie. Man ist wieder in Aspach angekommen.