„Kein Thema, das man ad acta legen darf“

Interaktiver Infostand zum Thema Rechtsextremismus ab sofort im Einsatz – Zielgruppe sind Schulen im ganzen Kreis

Unbestritten: Die Anzahl der rechtsextremistischen Straftaten ist rückläufig. Aber: Der braune Sumpf existiert, Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass sind weiterhin aktuelle Themen. Aus diesem Grund entstand der interaktive Infostand. Dieser steht ab sofort Schulen im Kreis zur Verfügung.

„Das funktioniert wie ein großes Handy“: Andrew, David, Katharina, Despina und Fabian (von links) – alle 15 Jahre alt und Schüler der Klasse 9a – sind von der leichten Bedienbarkeit der multimedialen Info-Box begeistert. Foto: E. Layher

Von Florian Muhl

WINNENDEN. Die Themen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass sind ihr keineswegs unbekannt. Im Gegenteil. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht Klagen eines Schülers – meist mit Migrationshintergrund – hört, der von seinen Mitschülern mit „Du Ausländer!“ beschimpft worden ist. Ilse Bulling ist Schulleiterin des Georg-Büchner-Gymnasiums in Winnenden und war gestern Gastgeberin für die Präsentation des interaktiven Infostands zum Thema Rechtsextremismus.

Bulling lobte gestern die Ausstellung, denn: „Sie greift die zentralen Themen auf, die wir brauchen.“ Aus zwei Gründen freute sich die Schulleiterin, dass ihr Gymnasium eine Pilotfunktion habe. Zum einen sei das GBG als Schule ohne Rassismus ausgezeichnet worden, zum anderen fange Fremdenfeindlichkeit bereits im Kleinen an, beispielsweise bereits in der sechsten Klasse.

Dass sich der braune Sumpf auch im Rems-Murr-Kreis auf Nachwuchsfang begibt, und nicht nur in den neuen Bundesländern, wie viele Menschen glauben mögen, darauf wies Gerhard Dinger hin. Auch in Backnang sind die Rechten aktiv und organisieren Werbefeldzüge, so der Experte der Fachstelle Rechtsextremismus beim Kreisjugendamt, der für Texte und Layout des neuen Infostands maßgeblich verantwortlich zeichnet.

Trickreich würden die Nachwuchsnazis dabei vorgehen. Musik ist beispielsweise ein beliebter Köder, den sie unter unbedarften Jugendlichen auswerfen. So verteilten bislang Unbekannte am 21. Dezember vergangenen Jahres kostenlose Schulhof-CDs mit reichlich rechtsorientierter Musik. Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien war strategisch günstig gewählt, denn so fiel das Austeilen im allgemeinen Trubel kaum auf und die Kids hatten ausreichend Zeit, während der Ferien in den Gratis-Silberling hineinzuhorchen. Dingers Fazit: „Das ist kein Thema, das man ad acta legen darf.“

Wie Kriminalhauptkommissar Leo Keidel bekannte, ging im vergangenen Jahr die Anzahl rechtsextremistischer Straftaten im Rems-Murr-Kreis von 57 auf 53 Fälle zurück. Wenngleich die Zahl der rechtsmotivierten Straftaten erneut abgenommen hat, so ist das zahlenmäßige Ausmaß dieser Delikte im Landesvergleich doch immer noch beachtlich, so der Leiter der Kriminalprävention bei der Polizeidirektion Waiblingen. Die Werbeaktionen per Schulhof-CDs oder das Auflösen einer Sonnwendfeier der NPD vor zehn Tagen in Spiegelberg (wir berichteten) zeigen, dass es nicht nur einer konsequenten Strafverfolgung bedarf, sondern auch dem Engagement aller, um solche Tendenzen frühzeitig verhindern zu können. „Und weil sich die Welt mittlerweile verändert hat“, wie Keidel sagte, und das Internet und Handys eine immer größere Rolle spielen würden, hatte man beim Infostand Wert auf die Interaktivität gelegt. „Das Ganze sollte nicht handgemacht wirken, sondern professionell aussehen“, so der Polizeibeamte. So entstand – zusätzlich zu den Stellwänden – auch eine große Box mit Musikanlage und Touchscreen-Monitor.

Mit dem Ergebnis, das Timo Strohmaier vom Stuttgarter Produzenten von Lernsoftware Kastanie-eins in die Tat umgesetzt hat, sind die Winnender Schüler begeistert. „Das funktioniert alles wie ein Handy, nur viel größer“, strahlt Despina. Zusammen mit ihren vier Klassenkameraden hat sich die 15-Jährige um den Monitor gruppiert. Strohmaier muss gar nicht viele Einweisungsworte und Bedienungsinfos geben, denn die fünf Neuntklässler sind in der Handy-Welt längst zu Hause. „Ich finde toll, dass es Videos und Musik gibt“, sagt Fabian. Katharina ist überrascht, wie jung die aktiven Rechtsradikalen sind. „Ich dachte, dass sind nur die Alten.“ Und was hat der Infostand bewirkt? „Wir versuchen, uns da nicht mit reinziehen zu lassen, wenn wir von Rechtsradikalen angesprochen werden“, sagt Katharina.