Verdrehte Zeit mit Weihnachtsboten in der Hochsommerhitze

Im Haus von Tanja Geiger und Achim Haller entstehen aus Holz und Farbe scharenweise handgefertigte Engel

Ein Engel neben dem anderen, eine ganze Garage voll. Engel, wohin das Auge schaut. Und in den angrenzenden Kellerräumen Einzelteile: Engelsarme, -flügel, -körper, -füße, dazu Werkzeug, Farbtöpfe, gröbere und feinere Pinsel, Klebstoffeimer; vollgestellte Tische und Bänke, Arbeitsplatten und Regale. Die Hitze des Sommers ist in die Werkstatt eingedrungen – doch die Hobbykünstler fertigen weiter Engel um Engel.

Ostern lässt grüßen: Beispiele aus dem Repertoire der Hobbykünstlerin.

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Während der Sommer mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen weit über dreißig Grad glänzt und viele das heimische Wohnzimmer gegen einen Platz am Badesee getauscht haben, widmen sich Tanja Geiger und Achim Haller einer Beschäftigung, die ganz und gar nicht in die warme Jahreszeit zu passen scheint. Statt ins erfrischende Nass stürzen sie sich in Arbeit und lassen in ihrem Heim in Oberweissach aus Holz und Farbe Scharen von freundlich lächelnden, sternenverzierten Engeln entstehen – Boten der kommenden Weihnachtstage.

Schon seit Anfang Juni läuft die Produktion auf Hochtouren. Bis September sollen 1800 Exemplare der handgefertigten Himmelswesen entstehen. Das bedeutet: Pro Tag müssen im Schnitt 16 Stück fertig werden – dann ist für die Hobbykünstler immerhin pro Woche auch noch ein Tag zum Verschnaufen drin. Oder als Puffer, falls es aus irgendwelchen Gründen eng werden sollte. Auftraggeber ist ein Unternehmen aus Norddeutschland.

So sehr sich die Engel auch

gleichen, ein zweiter Blick offenbart

feine Unterschiede

Der Hersteller von Backwaren und anderen Lebensmitteln beliefert mit den Oberweissacher Engeln seine Kunden, die das Requisit dann zur Dekoration von Schaufenstern oder Theken verwenden. Wert legt das international tätige Unternehmen auf Authentizität und Handarbeit – und deshalb hat Tanja Geiger mit ihren Eigenkreationen auch immer wieder eine Chance in der Konkurrenz mit industriellen Produzenten.

Denn so sehr sich die Engel auch gleichen, ein zweiter Blick offenbart doch die feinen Unterschiede, die beim Sägen und Bemalen von Hand nicht ganz zu vermeiden sind.

Dabei hat das Gewerbe, das die 44-Jährige betreibt, noch eine recht junge Geschichte: 2005 wollte Tanja Geiger mit ihren Figuren – damals vor allem Holzblumen – auf dem Januariusmarkt in Murrhardt dabei sein. Dazu benötigte sie einen Gewerbeschein. Der Name, den sie ihrer Kleinfirma gab, spiegelt wider, welches Motiv sie anfangs bevorzugt variierte: Die Holzblume.

Den ersten Anstoß zu den kunsthandwerklichen Aktivitäten hatte Tanja Geiger bekommen, als die Familie 2003 ihr eigenes Heim baute. Das neue Haus sollte den Charakter einer Baustelle möglichst rasch verlieren und stattdessen eine wohnliche Atmosphäre ausstrahlen.

Deshalb ging die Mutter von zwei Kindern daran, Holzstücke, die ihr Mann Achim Haller aussägte, in fröhlich-bunten Farben zu bemalen. Zu den frühen Holzblumen kamen bald auch jahreszeitlich passende Figuren hinzu – Osterhasen, Marienkäfer, Maulwürfe und Elche. Und mit der Routine ist auch ein unverwechselbarer Stil gewachsen. „Alles ist viel professioneller geworden“, sagt Tanja Geiger, die inzwischen auch mit Ständen auf dem Weissacher Hobbykünstlermarkt und auf dem Backnanger Tulpenfrühling vertreten war.

Unterdessen ist die Bandbreite der Motive weiter gewachsen, ebenso die Vielfalt an möglichen Größenformaten. Kühe und Hühner gehören mittlerweile ebenso zum Repertoire wie Schneemänner und Bären oder neuerdings auch Türschilder oder Geschenkanhänger.

Im Vordergrund stehen zurzeit aber die putzigen Engel. Trotz der gewaltigen Stückzahl, die beizeiten geliefert werden muss, läuft die Produktion ziemlich entspannt ab. Das war freilich nicht immer so. Beim ersten Großauftrag im Jahr 2011 herrschte noch ein enormer Zeitdruck, oft ging die Arbeit bis tief in die Nacht hinein. „Leichtsinnig“ seien sie da gewesen, sie hätten „gedacht, es geht schon irgendwie“.

Heute aber steht ein eingespieltes Team Tanja Geiger zur Seite: Die Leimholzplatten werden bei Opa Josef Haller in Cottenweiler angeliefert und kleingesägt. Dort werden dann auch die Grundfiguren gestapelt, während in Oberweissach aus dünneren Platten Gliedmaßen und Flügel ausgesägt werden. Dann kommen die Rohlinge auf den Maltisch. Achim Haller besorgt mit der Farbwalze die Grundierung, ehe Tanja Geiger mit dem Pinsel die feineren Arbeiten übernimmt. Sie trägt etwa das Gesicht auf und gestaltet die Haare. Oma Elke Haller greift ebenfalls zum Pinsel, um die Arme zu malen, während sich die 12-jährige Tochter Luise den Sternen widmet und der 16-jährige Sohn Lukas die fertigen Teile zusammenfügt. Als Signatur erhält der Engel schließlich noch am Fuß einen Brennstempel, und mit einer Bastschnur wird der Weihnachtsgruß des Auftraggebers angehängt. „Nichts verlässt das Haus, was Tanja nicht gefällt“, erklärt Achim Haller, wer das letzte Wort im Arbeitsprozess hat. „Es ist die Holzblume“, begründet Tanja Geiger, die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte, ihre (selbst-)kritische Haltung, „ich werde dafür angeguckt.“

20 Engel müssen sich dann einen Karton teilen. Vorsichtig werden die Figuren in Luftpolsterfolie gehüllt und in den Kisten verstaut. Und sobald ein Dutzend Kartons voll sind, geht ein Transport nach Backnang ins Logistikzentrum ab. Dort werden die Behälter mit den Weihnachtsboten ganz unromantisch auf Paletten zwischengelagert, bis sie am Ende gesammelt ausgeliefert werden.

„Die Zeit ist verdreht“, ist sich die Familie einig, wenn sie Richtung Weihnachten denkt. Luise freut sich zwar dennoch auf das Fest der Feste und die Geschenke, die es dann gibt, aber „wahrscheinlich kann ich keine Engel mehr sehen“. Es gibt freilich noch einen kleinen Trick, wie sich der unzeitige Umgang mit dem weihnachtlichen Geschöpf überlisten lässt – man betrachte die Eigenbau-Engel „einfach als nette Figuren“. Und zum Glück läuft im Radio nebenher Rock und Pop: „Schlimmer wär’s mit Weihnachtsmusik.“