... und er hat mal eben Suaheli gelernt

Christian Kreisel forscht auf fast 6000 Metern Höhe – Medizinstudent aus Backnang baut in Tansania ein Krankenhaus mit auf

Wenn Christian Kreisel heute Abend nach 6900 Kilometern Flug mit einer KLM-Maschine aus Amsterdam kommend auf dem Kilimanjaro International Airport landet, hat er ein superspannendes Projekt vor sich. Der Backnanger wird für seine Doktorarbeit in den kommenden Monaten sechsmal das höchste Bergmassiv Afrikas besteigen.

Invasion der Bergsteiger und Trekker im Kilimandscharo-Massiv: Die Marangu-Hauptroute mit Übernachtungen in Holzhäusern wird gerne spöttisch „Coca-Cola-Highway“ genannt. Über 40000 Touristen stürmen jährlich den Kilimandscharo – oder versuchen es zumindest. Foto: pixelio

Von Peter Wark

BACKNANG. In aller Herrgottsfrühe geht es heute in Echterdingen los. Von den Fildern fliegt Christian Kreisel erst nach Holland, um in Amsterdam den Direktflug nach Moshi in Tansania anzutreten. Im Gepäck hat er medizinisches Material der Uni-Klinik Gießen/Marburg. Denn in Tansania wird der Medizinstudent nicht nur zu wissenschaftlichen Zwecken den knapp 5900 Meter hohen mystischen Berg besteigen, sondern auch in einem Krankenhaus eine physiotherapeutische Abteilung aufbauen. Bis April soll der Aufenthalt in Ostafrika dauern.

Sechs Bergsteigergruppen will der gerade 35 Jahre alt gewordene Backnanger auf den Kilimandscharo führen. Jede Tour dauert eine Woche, übernachtet wird in Zelten. Die Gruppen werden die Hauptroute meiden, auf der sich zu manchen Zeiten ganze Touristenkarawanen in die Höhe schleppen, und lieber auf Nebenrouten hinaufsteigen.

Die Expeditionen bestehen aus Probanden, die sich während des Aufstiegs medizinischen Untersuchungen unterziehen werden und alle 500 Höhenmeter auf Anzeichen einer akuten Bergkrankheit untersucht werden. Die Gehirne der Bergsteiger werden vor und nach der Tour durch eine Kernspintomographie gecheckt. Zu den Testpersonen zählen auch Kommilitonen aus Marburg, der Geschäftsführer der Uniklinik Gießen und Marburg, und der Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik Siegen.

Mit diesem praktischen Bestandteil seiner Doktorarbeit hofft Kreisel, bedeutende Daten für die weitere Erforschung des Höhen-Hirn-Ödems zu finden. Diesem Phänomen fallen zahlreiche Bergsteiger zum Opfer, vermutlich mehr als durch Abstürze und Erfrierungen. Während Höhen von über 5000 Metern früher professionellen Bergsteigern vorbehalten waren, sind heute immer mehr ambitionierte Hobbybergsteiger in Bergen dieser Kategorie unterwegs. Etwa 40 Tote pro Jahr gibt es am Kilimandscharo – wobei sich die verfügbaren Zahlen stets auf Touristen beziehen und die einheimischen Träger außer Acht lassen.

Die Überlebensrate bei einem schweren Fall von Höhenkrankheit liegt bei nur 50 Prozent. Die Krankheit ist noch längst nicht ausreichend erforscht, erzählt Kreisel. So ist noch nicht einmal klar, ob langfristige Auswirkungen auf das Gehirn auch den Menschen drohen, die den Gipfel anscheinend ohne gesundheitliche Probleme erreicht haben.

Bergsteigen ist seit Langem eine Leidenschaft des Studenten an der Uni Marburg. „Das ist ein Dialog mit der Natur, ein Gefühl von Freiheit.“ Bei der Suche nach einem Thema für seine Doktorarbeit hat er sich überlegt, wo die Schnittstellen zwischen diesem Hobby und seiner Ausbildung (und Leidenschaft) für Neurologie und Hirnforschung liegen könnten. So kam es zu der Idee mit dem Kilimandscharo.

Sein Doktorvater war gleich begeistert und mehrere Professoren wollten sofort mitreisen. Zwischen den einzelnen Kilimandscharo-Besteigungen hilft Kreisel, am Krankenhaus in Kibosho eine physiotherapeutische Abteilung einzurichten. Absolute Pionierarbeit. Das Krankenhaus selbst hat der gemeinnützige Verein Aktionskreis Ostafrika aufgebaut.

Für seinen Einsatz der kommenden Monate hat der Medizinstudent extra die in Ostafrika weitverbreitete Bantu-Sprache Suaheli gelernt. Das zeigt, wie ernst er seine Aufgabe nimmt. Mit dabei hat er Material und Geräte, eine Spende der Klinik Marburg. Wichtig wird es sein, das medizinische Personal in die Bedienung der Geräte einzuweisen, sagt Kreisel, „das Ganze soll nachhaltig sein“.

Die Wertschätzung, die der Student bei seinen Hochschullehrern genießt, scheint grenzenlos zu sein. So verwendet sich ein Professor für den jungen Backnanger, um Stiftungsgelder für dessen medizinische Projekte zu akquirieren. „Es ist dieser Wissensdurst und das Streben nach Erkenntnis gepaart mit Idealismus und hohem Maß an Integrität, Ethik und Menschlichkeit, das Herrn Kreisel zu einem meiner besten Studenten werden lässt“, schreibt er. Christian Kreisel drückt es einfacher aus. Er werde „Arzt aus Überzeugung“.

Wenn er aus Afrika zurückkommt, wartet schon die nächste spannende Aufgabe in den Bergen auf den 35-Jährigen. Es ist ein von ihm initiiertes höhenmedizinisches Lehrprojekt mit dem Titel „Physiologie und Biochemie anhand der Höhenadaptation begreifen“. Ziel ist es, vorklinisch Studierenden durch die Vorbereitung in Kleingruppen und anschließendes Erfahren am eigenen Körper die physikumsrelevanten Inhalte der Fächer Physiologie und Biochemie näherzubringen. Dafür ist ein Aufstieg zur Margherita-Hütte im Wallis geplant. Sie liegt auf 4556 Metern und ist damit die höchstgelegene Hütte in den Alpen. Ein Zurück gibt es nicht, denn die Hütte ist bereits fest gebucht.

Zuvor will Christian Kreisel gerne in seiner alten Schule, der Talschule, vorbeischauen und einen Vortrag halten. Motto: Kids, schaut her, was aus einem Hauptschüler alles werden kann.