Wo Lehrer lernen, Kinder richtig zu züchtigen

Der Backnanger Christian Kreisel hat für 70 aidskranke Kinder in Tansania eine Weihnachtsfeier organisiert

Ein völlig anderes Weihnachtsfest und einen etwas anderen Jahreswechsel als gewohnt erlebte der Backnanger Christian Kreisel in Afrika. Der Medizinstudent ist in Tansania an einem medizinischen Projekt beteiligt, hilft ein Krankenhaus aufzubauen und kümmert sich um aidskranke Kinder. Letzteres Engagement wird von BKZ-Leser helfen unterstützt.

BACKNANG. Draußen 30 Grad Celsius, drinnen nicht viel weniger. Es war eine nach mitteleuropäischen Maßstäben ganz und gar außergewöhnliche Weihnachtsfeier, die Christin Kreisel für HIV-infizierte Kinder in Kibosho organisiert hat.

Für ihn selbst war es ein irgendwie komisches Gefühl. Obwohl ich kein Weihnachtsmensch bin, schreibt er, merke ich, wie mich unser europäisches Weihnachtsdenken in meinem bisherigen Leben beeinflusst hat. Der 35-Jährige räumt ein, dass ihm in Ostafrika unser Weihnachten schon ein bisschen gefehlt hat. Er war Heiligabend in Kibosho in der Kirche, doch dort gab es keinen Weihnachtsbaum, statt dessen bunte Wimpel und flackernde Lichterketten, die ihn eher an eine Boxautobude auf dem Straßenfest als an ein weihnachtlich geschmücktes Gotteshaus erinnerten.

Der christliche Glaube ist in Teilen Tansanias relativ weitverbreitet. Die Kirchgänger, so sie sich unterschiedliche Kleidung überhaupt leisten können, seien an den Weihnachtstagen auffallend herausgeputzt in der Kirche und auf den Straßen unterwegs gewesen, schreibt Kreisel.

Er ist für die Uni Marburg, an der er studiert, für etwa ein halbes Jahr am Kilimandscharo, um über die Höhenkrankheit zu forschen (wir berichteten). Daneben hilft er, an einer kleinen Klinik am Fuß des Berges eine Notfallstation mit aufzubauen. Die Begegnung mit HIV-infizierten Kindern beziehungsweise Aidswaisen hat ihn so tief beeindruckt, dass er sich darüber hinaus im Rahmen seiner Möglichkeiten für sie engagiert. Die Weihnachtsfeier, die der angehende Mediziner mit Kollegen vom Krankenhaus und Dorfbewohnern für etwa 70 Kinder organisiert hat, schildert er in beeindruckenden Worten. Jedes der Kinder bekam ein kleines Geschenk. Das war nur möglich dank der Spenden. Die meisten Kinder hatten sich Schulutensilien wie Stifte, Hefte und Blöcke oder die passenden Schuhe für ihre Schuluniform gewünscht. Darüber hatte sich Christian Kreisel zunächst sehr gewundert, bis ihm der traurige Hintergrund erklärt wurde.

In Tansania besteht die Pflicht, Schuluniform zu tragen. Doch viele der häufig bitterarmen Familien (viele Aidswaisen leben bei den Großeltern) können sich die Uniform einfach nicht leisten, ebenso wenig Schulhefte, Stifte oder Radiergummis. Das müssen die Kinder büßen, indem sie deshalb von Lehrern geschlagen werden. Denn die Lehrer dürfen körperliche Gewalt anwenden, wann sie es für angebracht halten, zum Beispiel wenn eine Schuluniform nicht vollständig oder korrekt ist. Schläge zählen in Tansania zu den normalen Erziehungsmethoden in Schule und Familie, musste der Student lernen. Es gebe sogar Kurse für angehende Lehrer, in denen sie lernen, wie man die Schüler richtig züchtigt. Die Kinder haben sich über die Geschenke überaus gefreut, und doch war für den Backnanger faszinierend zu sehen, wie sehr andere Dinge bei der Weihnachtsfeier im Vordergrund standen: das gemeinsame Essen, Singen und Tanzen. Der Oberarzt der Klinik von Kibosho, Dr. Mtschome, und Pfarrer Materu waren ebenfalls anwesend und beeindruckt davon, was der junge Deutsche auf die Beine gestellt hat. Es sei die kinderfreundlichste Veranstaltung gewesen, die sie je erlebt hätten, sagten die beiden. Mit den Spenden der BKZ-Leser ist es jetzt auch möglich, die bereits seit Längerem angedachte Safari für ungefähr 30 der älteren Kinder zu realisieren, freut sich Christian Kreisel. Gemeinsam mit einigen Betreuern soll es in einen etwa 500 Kilometer entfernten Nationalpark gehen, wo eine Übernachtung geplant ist.

Damit nicht genug, will Christian Kreisel mit den Spendengeldern der BKZ und des Vereins Ostafrika noch einige Projekte in die Wege leiten, so lange er in Tansania lebt. Er hat mit umliegenden Schulen Kontakt aufgenommen und möchte dort eine kindgerechte Aufklärung zum Thema HIV anstoßen. Sehr viele Kinder und Jugendliche sind mit dem Aidsvirus infiziert. Einen verantwortungsvollen Umgang mit der Krankheit bringt ihnen niemand bei, was gerade bei Jugendlichen ein Problem ist.

Eine zielgruppengerechte Aufklärung über HIV und bessere Bildungsmöglichkeiten für die Kinder wären nach Überzeugung von Christian Kreisel der beste und nachhaltigste Ansatz, die Weiterverbreitung des Virus einzudämmen.

Dr. Rainer Schulz-Ammann; Corinna und Edwin Kurz; Volker Mühlbach; Heike und Bernd Hansen, Aspach; Christel und Kurt Sauter, Backnang; Hildegard und Erich Layher; Waltraud und Eugen Beisswenger, Backnang; Manfred Butscher, Aspach; Julia Schlosser und Olaf Kaiser, Sulzbach; M. und D. Wildermuth, Sulzbach; Arthur Ohlhäuser, Backnang; Andrea und Hubert Berberich; Ruth und Dieter Eisenhardt, Backnang; Dorothea und Thomas Kaufmann, Backnang; Alojzija und Walter Wötzel; Karin und Werner Rüb, Backnang; Rolf Prägitzer; Antje und Rainer Mögle, Backnang; Christa Layher, Kirchberg an der Murr.