Absage an extravagante Glückstechniken

Neuerscheinung: Matthias C. Müller plädiert in seinem Buch für das gewöhnliche Wunderland, in dem wir uns längst befinden

Der Backnanger Philosoph und Sloterdijk-Schüler Matthias C. Müller lebt heute in Berlin und ist Lehrbeauftragter für Neurowissenschaften und Ästhetik an der Fachhochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Jüngst hat er sein erstes Buch veröffentlicht: „Alle im Wunderland – Verteidigung des gewöhnlichen Lebens.“

Gibt die philosophische Antwort auf die Krise: Matthias C. Müller. Er schärft den Blick fürs Einfache und Bewährte. Müller studierte Philosophie, Germanistik und Klassische Philologie an den Universitäten Frankfurt am Main, Wien, Tübingen und Heidelberg.Foto: T. Roth

Von Thomas Roth

BACKNANG. Es mutet überraschend an, dass Matthias C. Müller, der gerade mal 40-jährige hauptberufliche Denker, ein Plädoyer für das gewöhnliche Leben hält. Ist dieser Mann altmodisch, rückwärtsgewandt?

Anstoß für das Buch ist die Tatsache, dass die Welt, in der wir leben, ordentlich aus den Fugen geraten ist. Nicht alles, was neu ist, ist automatisch besser als bereits Bestehendes. Schneller, höher, weiter, Raffgier und stete Unzufriedenheit: „Wir leben in einer Zeit der permanenten globalen Revolution – in einem Kapitalismus, welcher alles Stehende und einst Stabile hinwegfegt“, analysiert Müller und beugt vor: „Das ist kein Plädoyer für den Sozialismus, der nichts anderes war als ein widerwärtiges System der Unterdrückung und Verknechtung. Vielmehr ein Appell für eine Marktwirtschaft mit menschlichen Zügen.“

Das Phänomen

des Sonnenaufgangs

Matthias C. Müllers philosophisches Denken basiert auf der Existenzialistischen Phänomenologie. Was steckt dahinter? Es geht darum, „das theoretische Vorwissen über Dinge auszuklammern und die Phänomene in ihrer Erscheinung wahrzunehmen und zu beschreiben“. Wir sprechen beispielsweise von Sonnenaufgang: „Jeder weiß“, so Müller, „dass die Sonne nicht aufgeht. Das ist astrophysikalisch falsch. Andererseits, phänomenologisch betrachtet, wäre es Wahnsinn, abzustreiten, dass die Sonne aufgeht. Man sieht es ja deutlich, wenn man zum Beispiel am Strand steht.“

Im Grunde geht es Müller in seinem Buch „um eine Philosophie, die das alltägliche Leben angenehm beeinflusst“. Nun muss, typisch philosophisch, die Bedeutung des Wortes „angenehm“ geklärt werden. Müller: „Angenehm heißt (hier) Zufriedenheit in jeder Form. Der Punkt ist der, dass man im Leben nichts erreichen muss. Es gibt keinen Zwang, irgendein Ziel erreichen zu müssen. Entscheidend ist, ob der Einzelne mit seinem Leben klarkommt oder nicht. Wenn jemand Lust hat, sein ganzes Leben lang Fußball zu gucken und ansonsten nichts zu machen, so ist das völlig in Ordnung.“ Ein immer wiederkehrendes Bild zur Beschreibung des Lebens bei Matthias C. Müller ist der „Innenraum“: „Man kann ihn buchstäblich verstehen wie auch im metaphorischen Sinn. Ein Innenraum ist etwa das eigene Schlafzimmer, in dem man sich geborgen fühlt; aber auch die eigene Familie, in der man gleichfalls das Gefühl der Geborgenheit empfinden kann. Faktisch bilden alle angenehmen Gefühle das jeweils unsichtbare Gefüge eines Innenraums.“

In anderen Worten meint Müller, dass das gewöhnliche Leben aus Freude über ein gelungenes Essen ebenso wie aus Ärger über die Steuererklärung bestehen kann. Dass das gewöhnliche Leben aus Ritualen und Zeichen besteht, die wir traumwandlerisch kennen und benutzen, wenn wir Geburtstagsfeiern zelebrieren oder uns einander zuwinken. Genau betrachtet kommt das Wort „gewöhnlich“ von „wohnen“, womit wir wieder bei den Innenräumen wären: „Wer ein gewöhnliches Leben führt, der führt demnach ein Leben, in dem er sich auskennt, in dem er zu den Dingen und Menschen seiner Umgebung in einem Nähe-Verhältnis steht; gewöhnlich leben heißt also: in vertrauten Innenräumen sein.“

Müller sieht den Menschen als Steinewerfer. Das klingt nach Demo und Randale. Doch spricht ein Philosoph. Er veranschaulicht in die Steinzeit zurückblickend: „Wird der Mensch bedroht, wirft er einen Stein, schafft somit Distanz und zieht eine Grenze.“ Müller sieht dies als den Beginn des modernen Hausbaus, des Bauens einer Höhle auf freiem Feld. Als die Erschaffung eines Innenraums, als eine Art gemauertes Immunsystem.

Der Spießer erscheint

in einem anderen Licht

„Etliche Philosophen und Naturwissenschaftler wie etwa Carl Friedrich von Weizsäcker machten den Schritt vom Staunen über die Komplexität des Universums und des Lebens hin zum Glauben an einen Gott oder an die göttliche Einheit aller Dinge. Dieser Schritt ist philosophisch und logisch nicht zu rechtfertigen – außer er hilft einem, mit dem Leben besser klar zu kommen“, sagt Müller. „Ich persönlich habe nicht den Hang, den Blick in den Sternenhimmel religiös zu verschleiern.“

Müller ist sich sicher, dass es auf Fragen nach dem eigentlichen Lebenssinn nie Antworten geben wird: „Die Welt ist eine offensichtliche Tatsache, die wir als solche begreifen können. Ihren Grund jedoch vermögen wir letztlich nie wirklich zu begreifen...“, schreibt der Philosoph am Ende seines Buches „Alle im Wunderland“, welches den Leser mit bisweilen erstaunlichen Thesen, Theorien und Bildern konfrontiert. Allerdings auf eine sehr verständliche und amüsante Art. Matthias C. Müller moniert die immerwährende Suche des Menschen nach Glück: „Ich habe etwas gegen die Abwertung des gewöhnlichen Lebens, der Alltagswirklichkeit. Als wäre das richtige Leben immer irgendwo anders, nur da nicht, wo ich bin.“

Ist dieser Mann altmodisch, rückwärtsgewandt? Keineswegs. Er selbst bezeichnet sich schmunzelnd als „knochentrockener Typ“. In seiner mobilen Akademie „Der Philosophische Garten“ findet man indes den Spruch: „Das Leben gelingt am ehesten, wenn man es aus Liebhaberei betreibt.“ Zu klärende Frage: Gibt es knochentrockene Liebhaberei?

Matthias C. Müller: „Alle im Wunderland – Verteidigung des gewöhnlichen Lebens“. 192Seiten. Erschienen im Verlag Diederichs, München. 16,95 Euro. Weitere Infos: www.philosophischergarten.de