Der Stein, der zur Lawine wurde

Hilfsprojekt des Backnangers Christian Kreisel in Tansania weitet sich aus Student reist heute wieder nach Afrika

Erst kam ein Stein ins Rollen, dann eine ganze Lawine: So beschreibt Christian Kreisel die vergangenen Monate. Seit die BKZ vor einem Jahr erstmals über das Engagement des Medizinstudenten in Tansania berichtet hatte, hat sich viel entwickelt. Und BKZ-Leser sowie die Stadt Backnang sind nicht unbeteiligt.

Straßenszene aus Dodoma, der Hauptstadt Tansanias: Sonnenschutz, selbst gemacht. Fotos: privat

BACKNANG. Christian Kreisel ist ein Netzwerker. Er nutzt die Möglichkeiten, die sich ihm durch das Studium an der Uni in Marburg bieten und hat nun weitere Institutionen und Personen (vom Studenten bis zur Universitätspräsidentin) ins Boot geholt. Das Ganze mit dem Ziel, seine Herzensangelegenheit Hilfe für aidskranke Kinder in Tansania zu fördern. Seit April habe ich kaum noch eine Minute Freizeit gehabt, sagt der 35-Jährige, der jetzt wieder für einen kurzen Abstecher in seiner Heimatstadt Backnang war. Neben dem Studium setzt er seine ganze Kraft für die Kinder in Kibosho am Fuße des Kilimandscharo ein.

Ein ganz konkretes, aktuelles Ergebnis seines Engagements ist die Gründung eines Vereins, der humanitäre Hilfsprojekte für Afrika umsetzen will und seinen Standort in Kibosho haben soll - so schließt sich ein Kreis. Der Verein African German Export-Knowledge Transfer (AGET e.V.) wurde vor wenigen Tagen im historischen Marburger Universitätssaal aus der Taufe gehoben. Oberbürgermeister Egon Vaupel zeigte sich so angetan, dass er nicht nur Gründungsmitglied wurde, sondern auch gleich spontan zusagte, die Spenden des kommenden städtischen Neujahrsempfangs in Marburg für den Verein zur Verfügung zu stellen.

Hätte man Christian Kreisel vor einem Jahr vorausgesagt, wie die Dinge sich entwickeln würden, er hätte es nie und nimmer geglaubt. Rückblende: Im August 2013 brach der angehende Arzt nach Tansania auf. Dabei stand für ihn zunächst seine knapp achtmonatige Forschungsarbeit am Kilimandscharo im Fokus. Zu wissenschaftlichen Studien wollte er den mystischen Berg ein halbes Dutzend Mal mit verschiedenen Gruppen besteigen. Nebenher wollte er sich am Krankenhaus im Dorf Kibosho einbringen. Nach und nach verschob sich der Schwerpunkt dahin, dass die Arbeit mit HIV-infizierten Kindern und Aids-Waisen in den Mittelpunkt rückte. Die Vielzahl der erkrankten Kinder schockierte den Mediziner. Zugleich beeindruckten ihn die Begegnungen mit den Kindern, die meist aus ärmlichsten Verhältnissen stammen und die eine unglaubliche Lebensfreude ausstrahlen.

Längst ist sein Hilfsprojekt ein wichtiger Teil des Lebens des einstigen Talschülers im zehnten Semester geworden. Jetzt in den Semesterferien fliegt er wieder nach Tansania. Heute geht es los. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Vereins reist er erneut nach Afrika, wo er bis Ende September bleiben wird. Ebola ist übrigens derzeit kein Thema in Tansania, wie er betont. Rückfragen beim Auswärtigen Amt hätten das bestätigt.

Mit dabei im Flieger ist unter anderem die Kunstdozentin Sabine Funk. Sie wird mit den Kindern in Kibosho malen. Daraus soll ein Kalender entstehen, der verkauft wird und dessen Erlöse den Kindern zugutekommen. Ein solches Kalenderprojekt hatte Christian Kreisel bereits mit zwei Fotografen geplant, die ihn bei seiner Arbeit in Kibosho begleitet hatten. Doch die Weltpolitik ließ diese Idee platzen, denn die beiden sind jetzt als Krisenberichterstatter auf unbestimmte Zeit in der Ukraine unterwegs.

Kreisels Engagement in Afrika war auch der Spendenaktion BKZ-Leser helfen und der Stadt Backnang eine finanzielle Unterstützung wert. Kreisel fühlt sich verpflichtet, etwas zurückzugeben. So will er auf Vermittlung von Fraktionschef Heinz Franke im Herbst vor dem Jugend- und Sozialausschuss des Backnanger Gemeinderats berichten.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Stichwort bei dem Projekt. So denkt der Student lange voraus. Für das nächste Fußball-WM-Jahr 2018 zum Beispiel hat er schon relativ konkrete Pläne, bei denen der Deutsche Fußballbund (DFB) eine Rolle spielen könnte....

Wir haben nur eine Welt, sagt Kreisel, und wir alle haben Verantwortung für diese Welt. Jeder für sich könne im Kleinen anfangen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.