Der Staat kümmert sich um nichts

 Alisa Ax berichtet über ihre Eindrücke aus Indien – Abiturientin vom Max-Born-Gymnasium absolviert Praktikum bei Father Allam

Vor den Sommerferien war Father Allam am Max-Born-Gymnasium zu Gast, um über sein Hilfsprojekt in Indien zu berichten. Das MBG unterstützt den Geistlichen bei seiner Arbeit zum Wohl der Menschen in seiner Gemeinde. Die Abiturientin Alisa Ax absolviert inzwischen ein Praktikum vor Ort. Sie schreibt:

Der Staat kümmert sich um nichts

BACKNANG. Indien – unendliche Freiheit, aber dennoch keine Möglichkeiten: Warum sind in Indien so viele Menschen so arm? Warum liegt überall Müll? Warum gibt es so viele Slums? Warum ist es nicht einfach so wie in Deutschland?

Um all das zu verstehen, bin ich nach Indien gefahren und schaue mir die Projekte von Father Allam an. Am wichtigsten ist mir vor allem, die Schule kennenzulernen, für die wir während meiner Zeit am Max-Born-Gymnasium in Backnang Projekte durchgeführt haben, sowie den Alltag der Schüler zu erleben.

Es hat mich sehr überrascht, dass die Schüler eigentlich so gut wie kein Englisch sprechen. Nicht einmal die im letzten Jahrgang. Hier im Bezirk Guntur ist die Muttersprache Telugu. Als erste Fremdsprache lernen die Schüler Hindi, die Nationalsprache Indiens, und als zweite Fremdsprache erst Englisch. Obwohl Hindi wie auch Englisch als Amtssprachen in Indien gelten, sind es für die Kinder hier Fremdsprachen.

In den sogenannten Telugu Medium Schools können deshalb die Kinder nur wenig bis gar kein Englisch. Sie müssen drei verschiedene Alphabete lernen – schon ab der ersten Klasse. Die Englischbücher unterscheiden sich im Schwierigkeitsgrad von der 6. bis zur 10. Klasse kaum. Wie soll man denn auch so Englisch lernen? In Großstädten gibt es auch Englisch Medium Schools, dort werden alle Fächer in Englisch unterrichtet. Die Kinder können dann schon in der vierten Klasse einigermaßen Englisch. Doch Privatschulen kosten die Eltern viel Geld, und staatliche Schulen gibt es kaum in Indien, und wenn, sind sie sehr schlecht ausgestattet.

Das 100 Jahre alte Gebäude der Jubilee High School in Rayavarum, neben der ich wohne, konnte dank der Spenden des MBGs vom vergangenen Jahr deutlich aufgebessert werden. Das baufällige Gebäude wurde endlich gestrichen, und es wurden richtige Fenster eingebaut. Einige Wände wurden sogar mit biologischen Abläufen und Skizzen bemalt, so ist es für die Schüler anschaulicher als in ihren Schulbüchern. Vom Rest des Geldes wurden noch Spielsachen besorgt, was vor allem für die jüngeren Kinder in den Pausen toll ist. Die Schule geht von 9Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags. In dieser Zeit erhalten die Kinder auch eine warme Mahlzeit: Reis mit einer täglich wechselnden Soße. Einmal in der Woche gibt es Eier. Zu Hause gibt es bei manchen nicht immer genug.

Das alles wird von Pfarrer Naveen organisiert, bei dem ich wohne. Die Stadt oder der Staat kümmern sich um so gut wie nichts in Indien. Die Dörfer sind für sich selbst verantwortlich. In Rayavarum leben sehr viele arme Familien. Was vor allem daher kommt, dass viele Menschen nie zur Schule gegangen sind. Sie wissen zum Beispiel nicht, was Sauberkeit ist und bedeutet. Sie wissen eigentlich überhaupt nichts, deshalb kommen sie auch gar nicht erst auf die Idee, ein anderes Leben zu führen, weil sie einfach nicht gelernt haben, darüber nachzudenken. Sie leben eben von der Hand in den Mund.

Gerade deswegen lohnt es sich immer, Geld in Schulen zu investieren, denn die Kinder sind die Zukunft. Und zum Glück gehen in dieser Generation in Indien schon viel mehr Kinder zur Schule als in früheren Zeiten. Aber es wird trotzdem noch Generationen brauchen, um die momentan herrschenden Verhältnisse zu verändern.

In Großstädten wie Guntur wird teilweise Müll gesammelt und verbrannt. Was in Dörfern wie Rayavarum nicht der Fall ist, hier werden Mülleimer einfach ins Gebüsch gekippt. Aber eben nur teilweise. Zudem wird der Müll mitten in der Stadt verbrannt, sodass sich der Himmel über Guntur vor Rauch manchmal schwarz färbt. Die Abwasserkanäle laufen sichtbar, oft ohne Abdeckung, vor den Häusern entlang. Verkehrsregeln, wie wir sie kennen, oder Ampeln gibt es hier auch nicht.

Aber es ist toll zu sehen, wie glücklich die Menschen trotz all dem sind. Und wie gerne die Kinder jeden Tag zur Schule kommen. Deshalb ist es wichtig, dass die Schule ein schöner und sauberer Platz für die Kinder bleibt. Denn zu Hause haben sie nicht viel.

Von den diesjährigen Spenden des MBGs sind Ende August Batterien ins Schulhaus eingebaut worden, die sich, wenn Strom vorhanden ist, automatisch aufladen und ihn liefern, wenn keiner vorhanden ist. Länger anhaltende Stromausfälle sind keine Seltenheit. Außerdem wird bei starken Regenfällen der Strom absichtlich abgestellt, weil die Leitungen unsicher sind. Dies kommt in der Regenzeit öfters vor. Der Strom wird vor allem für die Deckenventilatoren benötigt, da es fast das ganze Jahr über unerträglich heiß ist, und natürlich für Licht.

Jedoch fehlt nach wie vor einiges. Zum Beispiel befinden sich immer noch keine Toilettenanlagen im Campus. Die Kinder müssen also nach draußen gehen, was die Sauberkeit des Dorfes nicht gerade verbessert. Das alte Schulgebäude ist außerdem undicht. In der Regenzeit weichen im Lehrerzimmer oft Schulbücher durch, da Wasser von der Decke tropft. Viele Wände sind in dieser Zeit ständig feucht. Die Batterien reichen auch noch lange nicht aus, um alle Klassenzimmer zu versorgen. Deshalb hoffe ich, dass noch einige Schulprojekte in Backnang oder anderswo folgen werden

Die Lebensumstände in Indien sind vor allem deshalb so schlecht, weil sich die Regierung um nichts kümmert. Klar, das Land ist riesig, und es gibt so viele Menschen dort, aber manche Inder meinen, dass es vor allem daran liegt, dass die Regierung Angst hat, zu streng mit den Menschen zu sein. Die Regierenden haben Angst, nicht wieder gewählt zu werden, und lassen deshalb die Menschen praktisch ohne Regeln leben.

In Indien herrscht unendliche Freiheit, denn es ist nichts verboten. Gerade deswegen gibt es kaum eine Möglichkeit, da herauszukommen. Niemand kann anderen etwas verbieten. Ein Zusammenleben ohne Regeln funktioniert einfach nicht.