Damit der Tod nicht sinnlos ist

Bewegender Abend befasste sich mit dem Thema Organtransplantation – Betroffene berichteten vor wenigen Zuhörern

Von Cornelia Ohst

BURGSTETTEN. Mittlerweile ist der Film „Der Tod auf der Warteliste“ von dem Oberstenfelder Dokumentarfilmer-Ehepaar Heidi und Bernd Umbreit zwar schon 15 Jahre alt, doch an Aktualität hat der berührende Streifen nichts eingebüßt. Denn immer noch sterben bundesweit täglich drei Menschen, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt. Dabei, dies wurde beim Film- und Vortragsabend im evangelischen Gemeindehaus in Burgstall deutlich, liegt es vor allem am Informationsdefizit, dass die Deutschen beim Thema Organspende nach wie vor äußerst zurückhaltend sind.

Gerade einmal die Hälfte der Menschen, die in anderen Ländern bereit sind ihre Organe zu spenden, entschließen sich in Deutschland für diesen Schritt. Lediglich 13 bis 16 Spender pro eine Million Einwohner gibt es. Die Angst, vorschnell als tot erklärt zu werden, oder die Furcht der Angehörigen, einen nahen Verwandten zu „opfern“ und von den Ärzten keine weiteren Bemühungen zu erwarten, falls die Unterschrift zur Organentnahme geleistet wurde, bestimmen das Denken und Verhalten hierzulande.

Argula Lechner-Bollinger, Vorsitzende des einladenden Landfrauenvereins, zeigte sich über das geringe Besucherinteresse enttäuscht. Sie hätte sich einen regen Zulauf zu dem Filmabend gewünscht, um vielen Mitmenschen Aufklärung zu bieten und die wichtigen Informationen breiter zu streuen, gerade weil das Thema alle betreffen kann. So waren es lediglich rund 20 Zuhörer, denen Transplantationskoordinator Martin Kalus aus Stuttgart seine Gesichtspunkte zum Thema Organentnahme darlegen konnte und darüber berichtete, was etwa die Diagnose Hirntod bedeutet. „Diese Patienten nämlich sind die klassischen Organspender“, sagt Kalus, der nach 20 Jahren Berufserfahrung weiß, wie wichtig es ist, dass „man zu Lebzeiten seinen mutmaßlichen Willen an Dritte weitergibt. Kaum ein Angehöriger weiß, ob der Sterbende einen Ausweis besitzt und tut sich deshalb schwer, in der ohnehin harten Stunde des Abschieds eine so schwere Entscheidung zu treffen“, ergänzt der Referent. „Teilen Sie ihre Einstellung der Familie mit, solange Sie das können!“, fordert Kalus die Zuhörer auf. Rund 3000 Personen sterben jährlich am Hirntod, doch seit acht Jahren gibt es weder Rück-, noch Fortschritt bei den Spenderzahlen zu verzeichnen. „Dabei gibt es nicht einmal mehr eine Altersgrenze“, betont Kalus, der von Menschen berichtet, die über 80 sind und deren Organe verwendet werden können. „Verständlicherweise nicht das Herz“, verdeutlicht der Experte, „aber durchaus die Leber oder die Nieren.“ Wichtig ist auch: Zwei Ärzte müssen unabhängig voneinander, aber mit jeweils übereinstimmenden Merkmalen, den Hirntod eines Patienten fest- stellen.

Einer der sehr bewegenden Momente in Umbreits Film ist die Aussage einer Frau, deren Bruder durch einen Motorradunfall einen Hirntod erlitt. Sie hat den Arzt später gefragt, wie viele Menschen ein Organ von ihm bekommen haben. „Vier“, lautet die Antwort. „Dadurch“, so die Frau, „ist der Tod meines Bruders nicht mehr ganz so sinnlos.“

Besonders emotional wird es im Saal auch, als Martin Kalus die heute noch lebende Protagonistin des Films „Der Tod auf der Warteliste“ vorstellt. Marlies Rembold bekam mit 40 die Diagnose einer unheilbaren Lungenerkrankung gestellt. Ihr Herz erkrankte einige Zeit später aufgrund der geschwächten Lungenfunktion. Beide Organe wurden vor 16 Jahren bei ihr ausgetauscht. „Mir geht es fantastisch seither“, erzählt die Frau immer noch bewegt, wenn sie von dem dramatischen Schicksal und der Tatsache berichtet, „dass es äußerst knapp war, als endlich die passenden Organe gefunden wurden. Dadurch konnte ich noch meine Enkelkinder kennenlernen!“, sagt sie heute dankbar und weiß auch, dass sie eine medizinische Besonderheit darstellt.

Das Thema bewegt auch bei der anschließenden Diskussion. „In dem Moment, wo ich selber betroffen bin, mache ich alles, um das Leben zu verlängern“, erklärt eine Nierenspenderin. Sie ist die Frau von Immanuel Krauter, dem 100. Patienten, der im Stuttgarter Katharinenhospital eine Lebendniere transplantiert bekam. Er ist heute noch am Leben, weil in ihm die Niere seiner Ehefrau funktioniert, obwohl deren Gewebefaktoren nicht optimal passen. Trotz ständiger Medikamenteneinnahme ist der Mann dankbar und sitzt deshalb unter den Zuhörern, weil es ihm ein Anliegen ist, rund um das Thema Organspende aufzuklären.