Augenmerk liegt auf dem friedvollen Miteinander

Schulleitung und Mehrzahl der Schüler des Berufsschulzentrums wollen die Flüchtlinge trotz der damit verbundenen Einschränkungen herzlich willkommen heißen

Im Berufsschulzentrum laufen die Vorbereitungen für die Aufnahme von 100 Asylbewerbern auf Hochtouren. Einerseits wird alles getan, dass kein Sportunterricht ausfällt, indem Ersatzsportstätten gesucht werden. Andererseits soll das Zusammenleben der Flüchtlinge in der Sporthalle und der Schüler und Lehrer konstruktiv gestaltet werden.

Die Sporthalle wird zu einer Unterkunft für 100 Flüchtlinge: Mit den Arbeiten wurde bereits begonnen. Zwei Drittel werden Schlafräume, das dritte Drittel dient als Gemeinschaftsraum.Fotos: E. Layher


Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Wer glaubt, dass die Schulleiter Dr. Isolde Fleuchaus, Ulrike Gebauer und Herbert Nonnenmacher in erster Linie darüber jammern, dass die Sporthalle für den Unterricht wegfällt, der täuscht sich. Unisono betonen die Führungskräfte die Verantwortung den Flüchtlingen gegenüber. Die koordinierende Schulleiterin Fleuchaus erinnert daran, dass die Flüchtlinge oft menschliche Tragödien durchlebt haben. „Es gilt für uns, jetzt vorzuleben, wie wir mit Menschen in Not umgehen.“ Sie möchte damit auch einen Gegenpol zu dem Pegida-Denken setzen.

Nach einem Gespräch mit den Vertretern des Landratsamtes sind die Schulleiter sicher, dass alle Alternativen abgeklopft wurden, bevor es dazu kam, die Sporthalle zu belegen. So schied zum Beispiel die Sporthalle beim Waiblinger Berufsschulzentrum aus, weil die Halle zu viel Glasfassade hat. Auch mangelt es an sanitären Möglichkeiten. Herbert Nonnenmacher konnte die Entscheidung nach dem Gespräch akzeptieren: „Uns wurde schlüssig erklärt, warum unsere Sporthalle gewählt wurde. Deshalb akzeptieren wir die Entscheidung und schauen nun, dass wir den Sportunterricht so organisieren, dass für die Schüler keine Nachteile entstehen.“

In Backnang sind die Voraussetzungen dafür viel besser. Die Halle verfügt über ausreichende Dusch- und Waschmöglichkeiten. Auf dem Handballfeld vor der Halle wurden bereits drei Wasch- und Kochcontainer aufgestellt, ferner drei Garagen leer geräumt. Es wird einen Wachdienst rund um die Uhr geben. Zudem werden die Flüchtlinge von einem Sozialarbeiter betreut.

Gleichwohl ist es der Schulleitung bewusst, dass es nötig ist, Verhaltensregeln und gegenseitige Ordnungskriterien zu erarbeiten. Dies wird die Schule gemeinsam mit der Stadt Backnang, dem Arbeitskreis Asyl und Vertretern des Landratsamtes in der nächsten Woche beraten. Dann geht es auch um die Förderung des friedvollen Miteinanders. So wird diskutiert, welche Maßnahmen integrativer Art durch die Schule initiiert werden können. Ganz wichtig für Fleuchaus: Sprachkurse. Der Schulleiterin schwebt vor, nach Schulschluss von 16 bis 18 Uhr und samstags Förderkurse anzubieten. Die Flüchtlinge könnten von Lehrern, Schülern und engagierten Bürgern unterrichtet werden. „Dies ist aber erst organisierbar, wenn wir wissen, wer bei uns am 9. Februar ankommt. Offenbar, so der heutige Stand, soll es sich um 100 junge männliche Flüchtlinge handeln.“

Ebenso möchte die Schule die VABO-Klassen nutzen. Die Abkürzung steht für Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf zum Erwerb von Deutsch-Kenntnissen. Zwei Kurse gibt es bereits, an der Anna-Haag-Schule startet nach den Faschingsferien der dritte Kurs. Besucht werden sie heute schon von Bewohnern des Asylbewerberheims Hohenheimer Straße.

Trotz des großen Engagements und Verständnisses für die Flüchtlinge verlieren die Verantwortlichen nicht das Wohl ihrer Schüler aus den Augen. Alle garantieren, dass besonders für die Abiturklassen 12 und 13 der Sportunterricht gesichert ist. Die Frage ist nur: Wo? Die Stadtverwaltung untersucht fieberhaft, welche Hallen als Ersatz für den Sportunterricht taugen und möglich sind. Am Montag wird eine Abordnung die verschiedenen Hallen besichtigen und auf ihre Tauglichkeit prüfen. Dann wird ein Konzept erarbeitet, wie die Belegung aussehen könnte. „Spätestens nach den Faschingsferien werden alle Abiturklassen wieder Sportunterricht haben“, garantiert Fleuchaus. Das große Manko wird jedoch sein: Voraussichtlich müssen die Abi-Anwärter ins Berufsschulzentrum nach Waiblingen fahren. Wann und wie? Das ist alles noch offen.

Die 11. Klassen und alle anderen Schüler werden Sportunterricht in alternativen Formen erhalten. „Die Kollegen sind hier sehr kreativ“, erklärt Fleuchaus. So sollen die Schüler etwa mit Kegeln, Badminton, Joggen oder Gymnastik ertüchtigt werden. Die Werkstätten der Gewerblichen Schule könnten als Umkleidekabinen genutzt werden, wenn Aktivitäten im Freien geplant sind. Marc Sailer bot die Räume seiner Tanzschule als Ausweichquartier an. Und selbst der Lehrersport soll nicht ausfallen, der würde in einem Klassenzimmer stattfinden.

Ulrike Gebauer zeigte Verständnis, dass Eltern und Schüler aufgeregt sind, „ich bin aber zuversichtlich, dass wir eine gute Regelung finden“. Das sieht auch Dr. Michael Vogt so. Der Geschäftsbereichsleiter Schule, Bildung, Kultur im Landratsamt weiß von Schülern und Lehrern, denen der Sportunterricht am nächsten liegt und die klagen. Er erinnert aber auch an die gesellschaftliche Notwendigkeit, Flüchtlinge aufzunehmen. Von der Schule weiß er, dass es viele gibt, die sagen: „Das tragen wir mit.“ Das passt zur Schulleitung, die in einem Brief an das Kollegium schreibt: „Nach dem Motto, es gibt keine Probleme, sondern Aufgaben, die kreativ gelöst werden wollen, hoffen wir weiterhin auf die wohlwollende Unterstützung aller am Schulleben Beteiligten.“ Und Nonnenmacher berichtet von Schülern, die bereits sammeln wollten für die neuen Nachbarn und sie zum Frühstück einladen wollten. Er weiß, das muss gut koordiniert werden. Er verweist aber auch auf ein gutes Beispiel. Beim Berufsschulzentrum Esslingen funktionierte die Partnerschaft, „nach einem halben Jahr gehen die Schüler und Flüchtlinge gut miteinander um“. Und er appelliert: „Lasst uns die Herausforderung annehmen.“

Kritische Stimmen kommen von den örtlichen Personalräten. Sie bemängeln vor allem die Vorgehensweise des Landratsamtes, also die Information der Schule „von heute auf morgen“. Diese Vorgehensweise bezeichnen die Personalräte als „ungeheuerlich“ und kritisieren dies „in aller Deutlichkeit“. Ebenso fehlt ihnen die Transparenz, ob der Kreis alle alternativen Standorte geprüft habe. „Noch immer leuchtet es vielen Kollegen nicht ein, weshalb das leer stehende Backnanger Krankenhaus als Unterbringungsort nicht infrage kommt.“ Der Kreis müsse die Flüchtlinge unterbringen, als Schulträger habe er aber auch die Verpflichtung, einen ordentlichen Unterrichtsablauf zu gewährleisten. Besonders in einem Schulzentrum, in dem Sport als Abiturfach gewählt werden kann. „Hier hätte man sicherlich weniger konfliktträchtige Standorte finden können.“ Die Nennung des Krankenhauses gefällt Fleuchaus gar nicht. Sie betont: „Wir wollen keine Diskussion in der Schule, ob das Krankenhaus eine Alternative sein könnte.“

Auch einige Schüler hegen großen Unmut und wollen eine Unterschriftenliste oder eine Protestdemonstration organisieren. Sie scheinen jedoch, so vermittelt die Schulleitung den Eindruck, in der absoluten Minderheit zu sein. Fleuchaus erwähnt zum Beispiel die Tatsache, dass Schülersprecherin Lena Deichmann die Schulleitung darüber informiert hat, dass sich die SMV eindeutig von solch einem Tun distanziert.