„Deindustrialisierungsprogramm für Deutschland“

Gastredner Wolf sorgt mit klaren Positionen zu Energiewende und Tarifpolitik für Diskussionsstoff

Mindestlohn, viel zu hohe Tarifabschlüsse, Rente mit 63, Mütterrente und weitere „teure soziale Wohltaten“: alles Fehlentwicklungen und Gift für die Wirtschaft, ebenso wie die Energiewende in ihrer jetzigen Form. Die Positionen von Dr. Stefan Wolf sorgten in ihrer Eindeutigkeit für reichlich Diskussionsstoff bei den Gästen.

Deutliche Positionen: Stefan Wolf (Dritter von links) mit Oberbürgermeister Frank Nopper, Industrievereins-Vorsitzendem Harro Höfliger und Gewerbevereinschef Lothar Buchfink.

Die Rede von Wolf enthielt das, was vom Vorstand eines großen Industrieunternehmens und vom Präsidenten eines Arbeitgeberverbandes so oder in ähnlicher Form zu erwarten ist. Anders als andere verpackte Wolf seine Botschaften aber nicht homöopathisch dosiert in Diplomatie. Vielmehr bemächtigte er sich klarer Worte. Die Zukunft des Mittelstandes im Land und in der Republik war das Thema seiner Rede. Und die sieht der Chef eines Konzerns mit fast 7500 Mitarbeitern in Gefahr. Er geißelte die Gewerkschaften, namentlich die IG Metall, für ihren „völlig verklärten Blick“, der nur rückwärtsgewandt sei. Ein Festhalten an Flächentarifverträgen passe ebenso wenig in die Zeit wie die aktuellen Tarifabschlüsse. „Wir haben den Pfad der angemessenen Tarifentwicklung verlassen“, beklagte der Gastredner. Die Produktivitätsentwicklung halte nicht mit der Lohnentwicklung Schritt.

Wolf machte klar, dass er von Arbeitsministerin Nahles weniger als nichts hält. Der Politik, ausdrücklich der Union und der SPD, bescheinigte er „milliardenschwere Wahlgeschenke“. Die Kosten liefen völlig aus dem Ruder. ,„Wir müssen Maß halten, sonst verlieren wir den Anschluss an die boomenden Märkte dieser Welt“.

In der Energiepolitik herrsche „Chaos und Anarchie“. Die Energiewende sei „ein Deindustrialisierungsprogramm für Deutschland“, sagte er und zog gegen das Erneuerbare-Enerigen-Gesetz und die EEG-Umlage zu Felde. Unternehmen werden deshalb ins Ausland abwandern, wenn sich nichts Grundlegendes ändert, prognostiziert er. „Wie lange können wir uns die Energiewende noch leisten?“, fragte Wolf.

Der Jurist und Topmanager erhielt während und nach seiner Rede viel freundlichen Beifall, nach dem offiziellen Teil des Abends wurde aber in kleinen Gruppen durchaus engagiert über Inhalte seiner Rede diskutiert – und gestritten. Da war der Stadtrat, der die Rede kopfschüttelnd mit den Worten „Das war ja wohl Hardcore“ kommentierte. Ganz im Gegensatz zum Einzelhändler, der Wolfs Ausführungen zu Bürokratie und Mindestlohn voll und ganz unterstützt und sich ein Beschneiden der Gewerkschaftsrechte durch die Politik wünscht. Widerspruch erntete er damit von einem stellvertretenden Schulleiter. So ging es in vielen Gesprächen munter hin und her. Eines ist sicher: Der Redner der 13. Backnanger Wirtschaftsgespräche hat mehr Diskussionen angestoßen als mancher seiner Vorgänger.

Dabei zeichnete er zunächst ein fast vollkommen positives Bild. In der deutschen Wirtschaft laufe es sehr gut, und der Südwesten sei „das Kraftwerk der Republik“. Ein gutes Bildungssystem mit einer praxisorientierten Ausbildung, innovative Unternehmen, ein herausragender Wissenschaftsstandort – eigentlich könnte alles perfekt sein. Wolf zitierte eine aktuelle Studie, laut der ein Drittel der Unternehmen mit den Standortbedingungen „sehr zufrieden“ sei, die anderen mindestens zufrieden.

So weit die Gegenwartsbeschreibung. Doch beim Blick in die Zukunft bekomme die schöne Fassade Risse, formulierte der gebürtige Oberndorfer. Ein Grund dafür: der Fachkräftemangel. Man gehe davon aus, dass der Industrie ein Umsatzausfall von fünf Milliarden Euro jährlich wegen unbesetzter Stellen entstehe. Vor diesem Hintergrund seien dringend gesetzliche Regelungen notwendig, die dafür sorgten, dass gut ausgebildete Zuwanderer auch sicher hierbleiben könnten. Deutschland sei ein Einwanderungsland. Wir bräuchten „eine Willkommenskultur für Flüchtlinge, die wir gut in unseren Unternehmen einsetzen können“. Zudem forderte er Lösungen, damit die Menschen länger als bisher arbeiten könnten. Viele Arbeitnehmer wollten tatsächlich über das jetzige Rentenalter hinaus tätig sein, sagte Wolf. Das müsse erleichtert werden.

Der Südwestmetall-Vorsitzende kündigte an, dass die Unternehmen im kommenden Landtagswahlkampf einen klaren Anforderungskatalog an die Politik formulieren werden. Die digitale Infrastruktur gelte es zu verbessern, und zwar sofort. Hier gebe es eine Infrastrukturlücke, die die Unternehmen nicht schließen könnten, sprich: die öffentliche Hand müsse tätig werden. Geschehe dies nicht, sei Deutschland auf dem Weg, ein technologiefernes Land zu werden. Es brauche nicht mehr und nicht weniger als als ein „digitales Wirtschaftswunder“ in unserem Land.