Monströse Verbrechen an Unschuldigen

Spielzeiteröffnung mit Premiere im Bandhaus: „Kannst du schweigen? Ich auch!“ – Erschütternde Dokumentation über Schicksale

Im Bandhaustheater hat man Erfahrung mit Laiendarstellern. Dass man mit ihnen professionell arbeiten und Ergebnisse auf höchstem Niveau erzielen kann, beweist auch die neue Eigenproduktion. Es geht darin um mehrere Backnanger Bürger, die 1940 in Grafen-eck ermordet wurden.

Stehen im Hindergrund über den Opfern: Die Täter. In Monologen, Gesprächen und Szenen offenbaren sie ihren Zynismus.Foto: E. Layher

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Eigentlich meinen wir, alles über den Holocaust zu wissen. Bis zur Grenze des Erträglichen sind wir angefüllt mit Bildern und Informationen über Verbrechen, die so monströs sind, dass wir die ihnen entsprechenden Begrifflichkeiten kaum über die Lippen bekommen. Und doch – wenn die Geschichte des Grauens in unserem eigenen Lebensumfeld thematisiert wird, geht es uns wieder nahe, gerade so als wäre die hiesige Verortung ein Beweis für ihre Existenz und Ungeheuerlichkeit.

Was wir nämlich bis heute nicht wissen: Wie konnte das geschehen? Wie können Menschen so sein? Den verstörenden Versuch einer Antwort macht das Dokumentarstück „Kannst du schweigen? Ich auch!“ Es widmet sich den Schicksalen einiger Backnanger Bürger, die 1940 in Grafeneck mit Giftgas ermordet wurden, weil sie krank oder behindert waren oder aufgrund ihrer Missliebigkeit für krank erklärt wurden. Ihre Namen: Franziska Ade, Gotthold Friedrich Deufel, Pauline Dihl, Wilhelm Doderer, Wilhelm Georg Feucht, Berta Feuchter, Rosalie Bertha Grauf, Luise Friederike Grün, Emma Jernß, Pauline Kleemann, Ernst Körner, Paul Krauter, Gotthilf Kübler, Klara Kübler, Wilhelm Christian Kübler, Otto Lehnemann, Frida Munz, Maria Martha Paul, Anna Maria Pfleiderer, Katharina Schad, Pauline Frida Schock, Adolf Strässer, Karl Strauss, Christine Friederike Trefz, Elise Volz, Emilie Wagner und Friederike Zeiher.

Angehörige der Initiative Stolpersteine in Backnang und der Hospizstiftung Rems-Murr haben gemeinsam mit Jasmin Meindl und Christian Muggenthaler in aufreibender Arbeit Biografien recherchiert, die Gedenkstätte Grafeneck besucht und ein Dokumentarstück auf die Bühne gebracht, das erschüttert.

„Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen.“ Den Satz von Primo Levi lesen wir zu Beginn und am Ende des Stückes und bleiben ein weiteres Mal ratlos zurück, wenn auch einsichtig: Ja, so ist es. Wir haben es wieder gesehen, vor Augen geführt bekommen.

„Eine Dokumentation in 20 Bildern“ heißt das Stück im Untertitel, und es arbeitet mit Originalbild- und -textmaterial, das die Lebensläufe der Opfer mehr als illustriert. In herzergreifender Weise werden Charaktere und familiäre Situationen vorgestellt, und die Nennung der Backnanger Anschriften dieser Menschen macht klar, dass sie tatsächlich hier und wirklich unter unseren eigenen Vorfahren, an Orten, die wir täglich passieren, lebten und liebten, um in Grafeneck ermordet zu werden.

Ganz besondere Momente gelten der Verlesung von Abschiedsbriefen, deren ergreifende Wirkung durch die zutiefst rührende Musik von Martin Kubetz noch intensiviert wird. Das geniale Bühnenbild (Peter Engel) lässt die Darsteller auf zwei Ebenen agieren. Die Täter stehen über den Opfern und, wie der Zuschauer erst am Schluss erkennen wird, auf brauner Erde, die vielleicht einfach Dreck, vielleicht unheilvolles Wachstum, vielleicht Gräber symbolisiert.

In Monologen, Gesprächen und Szenen offenbaren sie ihren Zynismus vor und nach dem Kriegsende, das sie größtenteils unbeschadet überstehen. Hier stellt sich beim Zuschauer eine weitere Ebene des Entsetzens ein, denn die eisige Selbstverständlichkeit, mit der Arzt und Schwestern, Verwaltungsangestellte und „Brenner“ ihre „Arbeit“ kommentieren lässt ebenso erschaudern, wie ihre späteren kaltschnäuzigen Beteuerungen der jeweils eigenen Unschuld: „Ich gebe zu, dass ich ab und zu mitgeholfen habe, die Pfleglinge in den Vergasungsraum zu verbringen. Damit aber war meine Tätigkeit regelmäßig beendet. Das Einströmenlassen des Gases wurde ausschließlich vom Arzt gemacht. Ich bin also an der Tötung der Kranken ganz und gar unschuldig.“ Oder: „Ich gebe zu, dass ich in Grafeneck Leichen verbrannt habe. Ich habe aber die Kranken nicht getötet und bin an ihrem Tod schuldlos.“

Die Autoren des Stückes, Regisseurin Jasmin Meindl und Dramaturg Christian Muggenthaler betonen, dass sie vor allem auf der Täterebene ausschließlich mit Originaltexten gearbeitet haben, und den Darstellern gelingt hier eine erschreckend überzeugende Interpretation der menschenverachtenden Haltung ihrer Figuren.

Schauer über den Rücken jagt dem Zuschauer der Moment, als das Wort „Vergasung“ und das Bühnenlicht auf die Heizungsrohre mit Ventilen und Hähnen fällt, die – so der unweigerliche Gedanke – doch irgendjemand bedient haben muss.

Weitere Aufführungen immer samstags am 7. und 21. November um 20 Uhr im Bandhaus und am 14. November um 19 Uhr im Klinikum Schloss Winnenden.