Mit der Hape schnell zur Hand

Schwäbische Neckereien aus Backnang und drumherum (3): Bauerndorf mit 400 Seelen – Die Steinbacher Hobagrezr wussten sich zu wehren

Kurzer Prozess: Karlheinz Haaf sieht den Hobagrezr als einen, der nicht lange fackelte.

Von Wolfgang Wulz

„Viel Sparsamkeit und Fleiß“ wurde den Steinbachern in der Backnanger Oberamtsbeschreibung von 1871 bescheinigt.

Im damaligen von einem mittelmäßig begüterten Bauernstand und einigen Handwerkern bewohnten Bauerndorf mit 400 Seelen wurde neben Ackerbau und Viehzucht auch noch ein ansehnlicher Wein- und Obstbau betrieben. An die 100000 Weinstöcke wuchsen an den Hängen und brachten vor allem durch den Verkauf der Sorten Silvaner, Trollinger, Riesling und Klevner nach Backnang gute Erträge ein. Der Wengerter pflegte die Weinstöcke mit dem typischen Wengertermesser, der „Hape“ (schwäbisch Hôop oder Hob, Mehrzahl: Hoba), dessen Spitze vorne abwärts gekrümmt ist und später durch die moderne „Rebschere“ ersetzt worden ist.

In einigen Weinorten hat man daher den Weinbauer mit dem Spitznamen „Hôp“ versehen und charakterisierte damit den Berufsstand symbolisch nach seinem Werkzeug. Die „Hôop“ ist stark und grob, zuverlässig und nützlich, aber wegen der gekrümmten Spitze auch nicht einfach im Umgang. Vielleicht kommt dabei dem Kenner der alteingesessenen Steinbacher Seele diese Beschreibung nicht unbekannt vor. Irgendwie passt da doch der hier überlieferte Neckname „Hobagrezr“ dazu?

Für das „Krätzen“ oder „Kratzen“ gibt es unterschiedliche Erklärungen. Bei Streitigkeiten zwischen benachbarten Weinbergbesitzern soll es manchmal vorgekommen sein, dass in fremden Weinbergen nächtlicherweise mithilfe der „Hôop“ die Rinde der Rebstöcke angekratzt und so das Wachstum verringert oder gar ganz verhindert wurde. Es soll aber auch passiert sein, dass einem frechen Burschen aus Backnang oder Oberbrüden einfach Wams und Hose oder gar die Haut aufgeschlitzt wurden, wenn so ein „Lohkästräppler“ oder „Stangereiter“ sei „domme Gosch net g’halte“ hat. Da machten die „Stoibacher Hobagrezr“ seinerzeit wohl ziemlich schnell kurzen Prozess.

Auch Teile der Steinbacher Weiblichkeit scheinen bisweilen von der Sorte „Beißzang mit Hoor auf de Zähn“ gewesen zu sein. Davon zeugt eine in den 1890er-Jahren vom Steinbacher Ortsdiener veröffentliche Zeitungsannonce: „Im Interesse des häuslichen Friedens ersuche ich die geehrte Damenwelt, mit mir nur noch Gespräche zu führen, die dienstlicher Natur sind.“

Neben solch subtiler Gegenwehr gab es aber auch handfeste Reaktionen. Davon erzählt die Anekdote über einen Backnanger Ringer namens Otto, der vor Jahrzehnten ein Steinbacher Mädle poussierte und sich mit ihm im Café Philipp treffen wollte. Kaum hatte er die Gaststube betreten, wurde er von einen Steinbacher Platzhirschen gepackt: „Bua, so goht’s fei net! Moinsch du, du könntest onsere Stoibacher Mädle ausschpanne?“, schrie der wütend. Doch der durchtrainierte Ringer schulterte den Kontrahenten blitzschnell und schleuderte ihn gegen den eisernen Ofen, der dabei sogar „hehgange isch.“ Der Ringer Otto wurde wegen dieses Vergehens gegen die Ringerregeln zwar mit einer Strafe belegt, hatte aber seit dieser Zeit ungehinderten Zugang zu den „Mädle“ und in die Steinbacher Lokale, wo er fortan mit freundlichem Respekt fast wie ein Einheimischer empfangen wurde.

So hat es ein Augenzeuge Michael Keil, dem 1. Vorsitzenden des Heimatvereins Hobagrezr 2000, berichtet. Die Vereinigung widmet sich nicht nur der Erinnerung an den historischen Spitznamen, sondern organisiert seit 2004 jährlich das Funkenfeuer zur Austreibung des Winters und schmückt den Kranz und Stamm des Maibaums, der dann von der Freiwilligen Feuerwehr mit Stangen aufgerichtet wird. Die Idee zur Weihnachtsbeleuchtung stammt ebenfalls aus den Reihen der „Hobagrezr“, und auch der Osterbrunnen wird seit 2005 jedes Jahr von ihnen aufgebaut. Mit vielen anderen Gruppen sind sie beim Weihnachtsmarkt und beim beliebten Steinbachkalender dabei. Und in ihrem Wappen stehen das offizielle Steinbacher Kleeblatt und die „Hôop“ friedlich nebeneinander.

  Bitte richten Sie Hinweise zu den schwäbischen Necknamen an die Backnanger Kreiszeitung, Postfach 1169, 71501 Backnang, E-Mail necknamen@bkz.de oder auch direkt an den Autor Wolfgang Wulz, möglichst per E-Mail an mundart@wulz.de oder per Post an die Adresse Goldregenstraße 6, 71083 Herrenberg.