Hochmodernes Lagerhaus des Wissens

Backnanger Technikforum wurde eröffnet – Schaudepot, Ort der Kommunikation und Werkstatt für den Nachwuchs

Als Schatzkammer und Lagerhaus des Wissens oder auch als begehbares Magazin bezeichnete Dr. Axel Burkarth, Leiter der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg, das neue Technikforum. Burkarth ist neben Professor Dr. Joachim Kallinich für die Konzeption des Hauses zuständig.

Geschichte und Zukunft im Blick: Die Eröffnung des Technikforums am Samstag stieß auf große Resonanz. Das Haus soll nicht nur Schaudepot, sondern auch Veranstaltungsort sein.Fotos: E. Layher

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Mehrere Hundert Besucher verfolgten am Samstag, wie Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper mithilfe des ehemaligen Lederfabrikanten und langjährigen Mitarbeiters der Techniksammlung, Karl Häuser, symbolisch für den Start des neuen Technikforums in der Wilhelmstraße 32 in Backnang eine Heißdampfmaschine aus dem Jahr 1959 in Gang setzte. Nopper hatte zuvor in Anlehnung an die Ruhmeshalle Walhalla hoch über der Donau unweit von Regensburg von einer Ruhmeshalle der Backnanger Industrie und des Backnanger Handwerks gesprochen. Das Technikforum mit den vier Schwerpunkten Lederindustrie und Gerberhandwerk, Spinnerei, Kaelble-Motoren und -Fahrzeugbau sowie Nachrichten- und Elektrotechnik soll nach den Worten Noppers aber „kein Mausoleum längst vergangener Tage“ werden. Vielmehr ist das Ziel, die heutige Gesellschaft und nachfolgende Generationen zu inspirieren, Technik als fortlaufenden Innovationsprozess zu verstehen.

Die Basis dafür hatten über fast drei Jahrzehnte zahlreiche ehrenamtlich arbeitende Backnanger Bürger gelegt. Viele davon arbeiteten früher in den Betrieben, aus denen die Maschinen im Technikforum stammen. Auch in ihrem Ruhestand zogen sie immer wieder ihre Arbeitskleidung an, sammelten ausrangierte Maschinen, Geräte und Produkte ihrer ehemaligen Arbeitgeber und restaurierten über all die Jahre hinweg zunächst mit Unterstützung des Heimat- und Kunstvereins und dann verstärkt der Stadt Backnang diese technischen Zeugen längst vergangener Tage. So entstand die Backnanger Techniksammlung, die sich zuletzt ebenfalls in einer einstigen Halle der Firma Kaelble unweit des jetzigen Ausstellungsortes befand.

Mit Blick auf dieses außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement bezeichnete Nopper das Technikforum auch als hervorragendes bürgerschaftliches Gemeinschaftswerk. „Es ist geradezu ein Monument des Bürgersinns.“ Auch das städtische Kultur- und Sportamt – vor allem der einstige Kulturamtsleiter Klaus Erlekamm als auch der jetzige Kulturamtsleiter Martin Schick – hat sich stets für die Idee eines Museums für die Schätze der Industriegeschichte eingesetzt.

Mit dem Technikforum steigt Backnang nun laut Nopper in Sachen Bewahrung der Technikgeschichte in eine höhere Liga auf. Dies hat die Stadt zu großen Teilen dem Förderverein Technikmuseum zu verdanken, der unermüdlich Spenden für das Projekt sammelte, das jahrzehntelang nicht realisierbar schien.

Dass es nach der Gründung des Fördervereins im April 2008 aber noch mehr als sieben Jahre dauern sollte, bis das Technikforum eröffnet werden konnte, hatten sich die Gründungsmitglieder nicht vorgestellt. Doch wie Jürgen Beer vom Vorstand des Fördervereins Technikmuseum Backnang sagte, waren die Besitzverhältnisse der 1938/1939 erbauten ehemaligen Produktionshalle der Firma Kaelble durch mehrfachen Eigentümerwechsel so verworren, dass die Kaufverhandlungen erst im August 2011 aufgenommen werden konnten. Am 11. April 2013 stimmte der Gemeinderat dann einstimmig dem Kauf der Halle zu. Nach der Abwicklung des Geschäfts im September 2013 begann der Umbau.

Parallel dazu wurden die Maschinen mit einem Spezialverfahren von Öl und Schmutz befreit sowie die mit Schimmel und Pilzen befallenen Systeme der Nachrichtentechnik einer besonderen Oberflächenbehandlung unterzogen.

Nun präsentiert sich das Technikforum als hochmodernes Schaudepot mit modernster Multimediaausstattung und einer Technikwerkstatt für Kinder. Obendrein soll das Technikforum ein Ort der Begegnung, des Austausches und der Kommunikation werden, wie Joachim Kallinich, Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin und ehemaliger Direktor des Museums für Kommunikation in Berlin, erklärte. Zur Konzeption gehört auch, dass das ausgestellte technische Kulturgut die schriftlichen Überlieferungen im Stadtarchiv ergänzt, das nun ebenso in der Wilhelmstraße zu finden ist. Und: Die Technikforum-Halle selbst ist das größte industriegeschichtliche Exponat der Sammlung. Dort produzierte Kaelbe etwa Lastwagen, Motorwalzen oder Schlepper.

Der Backnanger Architekt Manfred Orlowski, nach dessen Plänen die Halle aufwendig umgebaut wurde, übergab einen symbolischen Schlüssel an Rathauschef Nopper. Der evangelische Dekan Wilfried Braun sprach ein Segenswort. Kulturamtsleiter Martin Schick fungierte als Moderator. Am Ende boten Marius Moosmann (Schlagwerk) und Steffen Münster (Gitarren) von der Jugendmusikschule eine Performance im Takt der Kolbenschieber-Dampfmaschine. Schick hatte das Finale so angekündigt: „Sie werden sozusagen auf den Rhythmus der Dampfmaschine aufspringen.“

Das Technikforum setzt auf Digitalisierung. Per QR-Code können etwa mit einem Smartphone und der entsprechenden App Infos zu den Exponaten abgerufen werden. Zudem ist das Technik-Forum auf www.museum-digital.de vertreten.