Debatte mit Schmackes

Zweifel und Plädoyers zur Windkraft – OB Nopper in Waiblingen: Auf den Einzelfall kommt es an

Mehr als 200 Leute im Saal, viele faktensatte Publikums-Statements, kraftvolle Worte von zwei Oberbürgermeistern und ein eindringlicher Impulsreferent – die Windkraft-Debatte im Waiblinger Bürgerzentrum hatte Schmackes.

Findet leidenschaftliche Befürworter und ebenso leidenschaftliche Widersacher: Nutzung von Windkraft. Foto: pixelio

WAIBLINGEN (pes). Ein Viertel Atomkraft, ein Viertel Kohle, ein Viertel Importe, ein Viertel regenerative Energien und Gas: So, grob gerundet, setzt sich derzeit der Strom-Mix in Baden-Württemberg zusammen – und so kann es nicht bleiben. 2022 geht das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz, der Kohleausstieg ist aus Umweltgründen geboten. Mit dieser fundamentalen Bestandsaufnahme steigt Bene Müller in sein Referat ein.

Der Mann ist im Vorstand des Bürger-Energieunternehmens Solarcomplex am Bodensee und begann vor 15 Jahren mit 19 Mitstreitern und 37000 Euro, die sie als Startgeld zusammengekratzt hatten. Heute betreibt Solarcomplex einen Wind-Sonne-Biogas-Kraftwerkspark, die AG hat 1200 Aktionäre; Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibung im Jahr 2014: 3,6 Millionen Euro.

Müller ist ein kerniger Botschafter der Energiewende: Pathetisch wird er nie, pointiert ist er gern, zu erwartende Einwände nimmt er selber fast genießerisch vorweg, um sie zu kontern, bevor sie überhaupt laut geworden sind. „Jede Form der Energiebereitstellung benötigt Fläche.“ Fläche verbraucht auch ein Windrad: Kostbarer Wald müsse da gerodet werden, heißt es beispielsweise in Sachen Buocher Höhe. Müller antwortet mit einem Bild – er zeigt ein Foto vom Kohletagebau in Deutschland: dreckbraune Klüfte, eine Endzeit-Landschaft. Aus derart infernalischen Schlünden wird bis heute Energie auch für Baden-Württemberg gefördert. „Wer ein einziges Mal vor einem solchen Abgrund gestanden ist, elf Kilometer lang, drei Kilometer breit, 400 Meter tief“, der werde über all dies „anders denken“.

Aber der Wind weht nicht immer, die Sonne auch nicht, ein „misslicher“ Umstand. Damit der Abschied von Atomkraft und Kohle gelingt, sei es deshalb entscheidend, einen erneuerbaren Energiemix aufzubauen, von Wasser über Biogas und Sonne bis Wind. Die Sonne brät vor allem im Sommer, der Wind bläst am stärksten im Winter.

Windkraft an Land sei „die kostengünstigste erneuerbare Stromquelle“, so Müller, sie wird mit 8 Cent pro Kilowattstunde vergütet; bei Offshoreanlagen sind es 19 – wer sich um den Strompreis sorgt, sollte dort bremsen, wo besonders teuer produziert wird. Für den Strom von der Nordsee müssten riesige Stromtrassen gebaut werden. Lokale Windkraft dagegen bedeute: Wertschöpfung, mehr Kaufkraft, neue Einkommenschancen vor Ort. Aber das Landschaftsbild: Ja, sagt der Referent, ein modernes Windrad ist „sehr groß“. Nabenhöhe bis zu 140 Meter, Rotordurchmesser bis zu 130 Meter. Es leistet allerdings auch viel; kann 5000 bis 7000 Menschen mit Strom versorgen; ermöglicht 3000 bis 4000 Tonnen CO2-Einsparung pro Jahr.

Müller schließt sein Plädoyer für die erneuerbaren Energien mit einem Bonmot, das zum geflügelten Wort taugt: Die Pflanzen leben seit Jahrmillionen von der Sonne – da müsse es doch auch uns gelingen, „das Intelligenzniveau des Löwenzahns“ zu erreichen.

Alle wollen weg von der Atomkraft, alle wollen die Erderwärmung bremsen – globale Themen aber brauchen lokale Antworten, sagt der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky und findet: Windkraft ist eine. Mit fünf Windrädern auf der Buocher Höhe ließe sich etwa die Hälfte des privaten Stromverbrauchs in Waiblingen decken, das sei eine Menge an Energie, bei der es sich lohne, sich dafür einzusetzen. Ob tatsächlich gebaut wird auf der Buocher Höhe, ist aber völlig offen. Zum einen gibt es Einwände der Deutschen Flugsicherung, die „kein Interesse“ habe, „Windkraftanlagen zuzulassen“. Zum anderen steht noch eine Windmessung aus – erst sie könnte offenbaren, ob der Standort Buocher Höhe wirklich rentablen Ertrag abwirft.

Windkraft, ja/nein? Er sei weder Befürworter um jeden Preis noch Gegner aus Prinzip, sagt der Backnanger Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper: „Auf den Einzelfall kommt es an.“ Nopper greift zwei potenzielle Standorte im Kreis heraus, von denen er nicht viel hält. Auf dem Areal Zollstock bei Backnang seien wegen Einwänden der Deutschen Flugsicherung nach derzeitigem Stand nur ein, zwei Räder genehmigungsfähig. Das widerspreche dem Prinzip der „Bündelungswirkung“ – möglichst wenige Standorte mit jeweils mehreren Anlagen. Bei drei Hektar Flächenverbrauch für ein Rad sei der Eingriff in Natur und Umwelt im Vergleich zum Ertrag zu hoch. Noppers Fazit, auch mit Blick auf die Buocher Höhe: Wir sollten uns in Baden-Württemberg auf Standorte mit hohem Windaufkommen und „geringer Eingriffswirkung konzentrieren“.