„Wenn ich etwas anfasse, bin ich beseelt davon“

Das Interview: Wieland Backes spricht über sein Schauspieldebüt in dem Stück „Der Sheriff von Linsenbach“

Wieland Backes gastiert am Mittwoch in einer Inszenierung der Württembergischen Landesbühne Esslingen im Backnanger Bürgerhaus. Mit BKZ-Redakteurin Ingrid Knack spricht er über das Stück, seine Rollen und das Theater.

„Die Inszenierung ist eine großartige Leistung“: Wieland Backes.Foto: E. Layher

Im „Sheriff von Linsenbach“ spielen Sie den Rathauspförtner Kunz und noch ein paar andere Rollen. Dass Sie jetzt Ihr Schauspieldebüt gaben, begann im Nachtcafé, als Friedrich Schirmer dort zu Gast war...

Es war eine Spätfolge seiner Teilnahme am Nachtcafé. Friedrich Schirmer war dreimal Gast im Nachtcafé. Ich habe ihn sozusagen in guten wie in schlechten Zeiten begleitet. Nach einer Veranstaltung des Literaturhauses saßen wir danach noch beim Wein zusammen. Da sagte ich zu ihm aus einer Laune heraus, ich könnte doch mal bei ihm Theater spielen. Das war nicht so ganz ernst gemeint. Aber er nahm den Ball auf und einige Wochen später hat er mir das Buch von „Der Sheriff von Linsenbach“ geschickt.

Dass es ein Stoff von Oliver Storz war, hat für Sie ja eine besondere Bedeutung.

Auch Oliver Storz war mehrfach Gast in meinen Sendungen. Und seine Tochter Sylvia hat bei mir das Fernsehhandwerk erlernt und wurde schließlich meine langjährige Berufspartnerin und die Leiterin des Nachtcafés.

Wie ist Ihre Sicht auf den leider 2011 verstorbenen Autor, der ja in Schwäbisch Hall aufgewachsen ist und später zum Beispiel für seine kritischen Fernsehspiele vielfach ausgezeichnet wurde, im Zusammenhang mit dem „Sheriff von Linsenbach“?

Oliver Storz war ein absoluter Kenner der schwäbischen Seele und der schwäbischen Zunge. Er besaß einen ganz feinsinnigen, hintergründigen Humor und schaffte es so, mit dieser an sich leichten Komödie, die Anatomie der Schwaben messerscharf zu sezieren und gleichzeitig eine amüsante Komödie auf die Bühne zu bringen, der es an Tiefgang keineswegs fehlt.

Gibt es die schwäbische Mentalität überhaupt? Schwäbische Mentalität verändert sich ja mit den Generationen...

Der Titelheld verkörpert sie jedenfalls par excellence: Hermann Zettler ist ein Ordnungsfanatiker. Er terrorisiert ein bisschen seine Familie, hat aber trotzdem eine Moral, ein warmes Herz, etwas Idealistisches. Diese Kombination von Ordnungsfanatismus und Werten, Idealen, Anstand, das ist schon sehr schwäbisch. Viele Schwaben sind sehr perfektionistisch, sehr genau, weichen nicht vom Weg ab, – das wird ihm selber zur Tücke und zur Falle. Am Schluss geht er doch geläutert vom Platz. Davor musste aber erst einmal sein Hund sterben. – Natürlich lässt sich die schwäbische Mentalität nicht über einen Leisten scheren. Aber zum Beispiel solche Sätze wie „Net g’schompfa isch gnuag globt“ sind schon unverwechselbar und ureigen schwäbisch.

Oder: M’r hat’s guat könna essa... Doch zurück zu Ihnen: Wie fühlt es sich an, als Schauspieler auf der Bühne zu stehen? Die erste Spielzeit ist ja fast zu Ende, es gab viele ausverkaufte Häuser, Sie sind im Tourbus unterwegs mit den Schauspielern...

Nun habe ich lange Zeit meines Lebens vor Kameras gestanden und stehe dort immer noch. Da bringt man schon eine gewisse Auftrittserfahrung mit. Aber trotzdem war es für mich eine große Herausforderung, in dieser Kombination mit professionellen Schauspielern bestehen zu können.. Meine Rolle ist, Gott sei Dank, nicht so groß, dass sie sehr viele Tücken und Stolpersteine beinhaltet. Aber Ernsthaftigkeit und Disziplin bei der Probenarbeit musste auch ich mitbringen. Auch textsicher muss man sein – aus dem Effeff.

Sie gehen in Ihrer Rolle richtig auf . . .

Es ist ein höllisches Vergnügen und macht mit den doch sehr guten Schauspielern, mit denen ich zu tun habe, zusammen wirklich sehr viel Spaß. Es war eine Freude, als Zugereister, der aber perfekt Schwäbisch kann, gerade in einer schwäbischen Komödie aufzutreten. Das bin nicht ich, den ich da spiele, ich muss wirklich eine Rolle geben.

Gelingt es Ihnen, den Hausmeister und die anderen Rollen so zu spielen, dass man nicht immer bei Ihren Auftritten denkt: Ah, da steht der Herr Backes.

Die Kritiker jedenfalls sind des Lobes voll – überraschenderweise. Ich glaube aber, dass ein Teil meiner Zuschauer, meine Nachtcafé-Fans von einst, auch ein bisschen irritiert ist, weil sie mich in der gewohnten Nachtcafé-Rolle erwarten. Ich bin in dem Stück eben wirklich der Kleinbürger, der Spießer Kunz im weinroten Pullunder, so kennen die Leute mich natürlich nicht vom Schirm. Ich spiele auch noch einen Hartz-IV-Empfänger im Doppelripp-Unterhemd, der auf dem Balkon sein Bier trinkt – das ist ein stummer Auftritt – dann einen Metzger mit blutiger Schürze und einem langen Schlachtermesser, der nur einen Satz sagt – so richtig zynisch, dem Hauptdarsteller gegenüber, nachdem dessen Hund tot ist – und ich belle, das ist eine akustische Rolle. Ich spiele den Hund...

In einer Minirolle sind Sie Wieland Backes...

Das ist bei einem Gartenfest des Anwalts, dem Träger der Intrige in diesem Spiel. Das ist komischerweise das Schwierigste, sich selber spielen. Wenigstens in dieser Konstellation. Da stehe ich auf dem Balkon und die Gastgeberin sagt: „Ach, hätten Sie nicht ein Zitat für uns“. Dann zitiere ich Emanuel Geibel.

Die wievielte Vorstellung ist die Backnanger? Wie viele Auftritte sind es insgesamt?

Backnang ist die achtzehnte Vorstellung. Im Oktober geht es noch in die nächste Spielzeit, laufend kommen mehr Spieltermine dazu. Denn glücklicherweise ist das Stück auch bei den Abstechern in die Provinz sehr gut besucht. Es freut mich, dass ich mit meinem kleinen Beitrag etwas Werbung für die engagierte Arbeit der Landesbühne machen kann.

Landesbühnen tun sich ja eher schwer in der Provinz. Erfolge können sie gut gebrauchen.

In diesem Fall hat es geklappt mit dem Erfolg. So kann Theater auch für die kleineren Orte im Land attraktiv bleiben. In diesem Bemühen unterstütze ich Friedrich Schirmer sehr gerne. Das Theater der WLB ist ambitioniert, lebendig, anregend, etwas zum Anfassen und Nachdenken. Es wäre ein Verlust, wenn die örtlichen Veranstalter nur noch auf kommerzielles Tourneetheater und gängige Ware setzen würden.

Als Moderator waren Sie der Chef, jetzt ist Regisseurin Christine Gnann die Chefin. Fiel Ihnen dieser Rollenwechsel schwer?

Wenn ich etwas anfasse, bin ich beseelt davon. Natürlich habe ich in meinem Leben viele Sendungen gestaltet, und wer Sendungen gestaltet hat, neigt schnell dazu, auch ein Stück gestalten zu wollen. Da gab es schon Situationen, in denen mich Christine Gnann zurückpfeifen musste, in denen sie einfach gesagt hat: „Wieland, das ist nicht deine Kompetenz“. Aber das war alles in einem humorigen, freundlichen, netten Klima und auch von Einsicht bei mir geprägt. Ich bin einfach so begeisterbar. Wo das Herz voll ist, geht der Mund über. So war’s einfach.

Nun war es nicht leicht, die Geschichte von Oliver Storz auf die Bühne zu bringen...

Die Inszenierung der Regisseurin, ganz abgesehen von mir und auch von anderen Schauspielern, ist eine großartige Leistung. Es galt ja, ein Stück, das im Original der Text des Fernsehspiels ist, für die Bühne umzuarbeiten. Da kommen Autos vor, es geht um Parkchaos... die Frage ist, wie stellt man das dar auf der Bühne, das ist sehr gut gelungen.

Hat sich Ihre Sicht auf den Schauspielerberuf verändert? Drei Ihrer Brüder hatten mit Theater zu tun . . .

Ein Bruder war beruflich Schauspieler, quasi sein Leben lang, die anderen zeitweise. Der Beruf verlangt sehr viel Disziplin und Präsenz auf Knopfdruck. Die Schauspieler, die jetzt mit mir spielen, sind ja zum großen Teil auch in anderen Stücken präsent. Diese großen Textvolumina wirklich zu bewältigen, das finde ich eine ganz große Leistung. Und sie in Spiellaune umzusetzen und nicht irgendwie nur abzuspielen. Natürlich ist der Schauspielerberuf zumindest in dieser Liga chronisch unterbezahlt.

Sie spielten schon in Ihrer Jugend Theater.

Da muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen. In Bad Saulgau kommt der Inspizient zu mir und sagt: Da ist eine Frau, die hat einen Brief für Sie abgegeben, und wenn Sie Zeit hätten, würde sie Sie gerne sprechen. Es war die Frau, die bei meiner Inszenierung des „Pygmalion“ am Gymnasium in Backnang die Eliza Doolittle war, ich hatte den Higgins gespielt. Kopien von Fotos dieser Aufführung befanden sich in dem Brief. Dann haben wir uns kurz getroffen. Das war das erste Wiedersehen nach genau 50 Jahren.

In dem „Sheriff von Linsenbach“ geht es um Ideale und Prinzipien. Wie halten Sie es mit Idealen und Prinzipien?

Ich glaube, auch nachdem ich jetzt bald 70 Jahre bin, ist von dem jugendlichen Idealismus, den ich mal hatte, doch relativ viel übrig geblieben. In Backnang habe ich eine Abiturrede über den Frieden und die Bedrohung durch Gewalt und Krieg gehalten. Die war ganz idealistisch, für Menschlichkeit, für Verständigung, für Toleranz. Die idealistische Grundhaltung zieht sich durch mein Leben. Ich denke, auch im Nachtcafé hat sich einiges davon gespiegelt. Ich versuche, möglichst viel davon zu erhalten, und das mit dem Pragmatismus und der Gelassenheit, die mit dem Alter kommt, zu kombinieren.

Und die Botschaft dieses Stückes?

Dass man nicht in zerstörerischen Fanatismus verfallen sollte, um das, was einem als Ideal vorschwebt, auch durchzusetzen.

Mit Claus Peymann haben Sie am 17. April ein Gespräch, das wegen großer Nachfrage nicht im Stuttgarter Literaturhaus, sondern in der Liederhalle stattfindet. Peymann sagte in einem Zeit-Interview „Das Theater ist verstummt. Es steht nicht mehr in der Mitte der Zeit“. Dass man echte Flüchtlinge auf die Bühne bringt, kritisiert er. Wie ist es um den Zustand des Theaters bestellt?

Man darf nicht so tun, als wäre das digitale Zeitalter, als wären die neuen Medien nicht auch eine Konkurrenz fürs Theater. Das Theater hat es schwerer als früher. Nun hat sich aber etwas Merkwürdiges breitgemacht: Auf den Bühnen überwiegt ein selbstverliebtes Regietheater. Zum Beispiel werden ein Kleist, ein Schiller fast bis zur Unkenntlichkeit inszeniert. Da hat ein Genius etwas geschrieben, und ein eher mittelprächtiger Geist setzt es so um, dass man die Vorlage fast nicht mehr erkennt. Da wäre es besser, der mittelprächtige Geist würde sich ein wenig stärker auf das Stück, auf die Werktreue zurückbesinnen.

Und die Flüchtlinge auf der Bühne?

Das andere ist, dass es viele gibt, die vordergründig die Themen und Trends der Zeit Aufmerksamkeit heischend auf die Bühne bringen wollen. Aber zum Beispiel Flüchtlinge auf die Bühne zu holen, ist kein besonders kreativer Akt. Das ist eher missbräuchlich. Da bin ich sehr mit Peymann einverstanden. Theater ist dann am schönsten, wenn es versucht, eine Geschichte und eine Botschaft zu transportieren und dabei die spezifischen Mittel dieses Zauberkastens einsetzt. Dazu gehört eine raffinierte, spannende Form des Geschichtenerzählens. Dazu gehört auch Humor und visuelles Raffinement.

Man kennt Sie als empathischen Menschen, der stets freundlich, verständnisvoll und charmant ist. Gibt es etwas, das Sie in Rage versetzt?

Ja, im Beruf war das immer dann, wenn die großartigen Chancen, die unser Medium bietet, durch Dilettantismus oder Einfallslosigkeit nicht genutzt wurden, da kann ich fuchsteufelswild werden. Wenn man die Möglichkeiten, die dieser öffentlichkeitswirksame Gestaltungsraum, sei es das Fernsehen, sei es das Theater, bietet, nicht nutzt, das macht mich wütend.

Sie sagten einmal bei Ihrem wohlüberlegten Abschied vom Nachtcafé: „Der Bildschirm ist eine süße Droge“. Würden Sie jetzt sagen, „das Theater ist eine süße Droge“? Hinter der Frage steht natürlich: Gibt es weitere Schauspielpläne? Hat jemand gesagt, da machen wir mal wieder was?

Die Zusammenarbeit mit den Kollegen bei der Württembergischen Landesbühne ist hervorragend, und die Freundschaft mit Friedrich Schirmer sehr beflügelnd. Ich werde mich nach diesem Stück nicht einfach ausblenden. Aber wir müssen beide das Gefühl haben, wenn eine Rolle oder ein Stück auf den Plan kommt, es passt – dann machen wir sicher wieder etwas miteinander.

Das Nachtcafé endete stets mit einem Zitat von Ihnen. Möchten Sie den Lesern unserer Zeitung ein Zitat mit auf den Weg geben?

Da fällt mir eines von Anton Tschechow ein, das ich meinem Bruder, der jetzt 80 Jahre alt geworden ist, in einer kleinen Geburtstagsrede mitgegeben habe. „Das Leben wiederholt sich nicht, man muss sorgsam damit umgehen.“