Titel von Rock-Heroes neu interpretiert

Die Ramblin’ Puppets aus Stuttgart punkten mit einem sympathischen Auftritt beim Verein Kulturgut

Viel Energie und Emotion steckt in seinem Gesang: Hannes Donel beim Konzert in Backnang.Foto: A. Becher

Von heidrun Gehrke

BACKNANG. Ein erhabener, aufregender Sound aus vergangenen Tagen liegt im neu umgebauten Kulturgut Hagenbach. Die Ramblin’ Puppets aus Stuttgart, die das goldene Rockzeitalter der 70er mit eigenen Stilmittlen aufleben lassen, sind blutjung. Sie vermitteln auf erfrischende Weise auch das Lebensgefühl dazu.

Die verträumte schwermütige Ballade „Still here“, die den Verlust eines Menschen thematisiert, folgt einer rockigen Vollgasnummer mit genüsslich ausgekosteten Endlos-Gitarrensoli. Aufbäumende Klanggewitter gehen über in ein liebliches „Riders on the storm“, das die Drei sehr frei spielen: minimalistisch, von easy-listening-Jazzrhythmik getragen, tribbelt es in den Raum. „Wer kennt die Doors?“ fragt spitzbübisch Sänger Hannes Donel. Die kennt hier zwar jeder, aber nicht in einem so lässig-lockeren Arrangement. Bewegung ist drin und viel Energie steckt in diesem Konzert, bei dem Hannes Donel, Simon Jonas und Simon Graus – anders als auf ihrem Album mit Eigenkompositionen – auch vier Coverversionen zum Besten geben. Vor der Bühne wird ausgiebig getanzt, auf der Stehfläche hinter den Sitzreihen alles andere als ruhiggestanden.

Im Gegensatz zu ihrem Publikum, das sich im Takt wiegt und in den typischen Sound fallen lässt, haben sie die „goldene“ Rockära nicht miterlebt. „Wir versuchen, herauszufinden, wie es sich angefühlt haben muss“, sagt Hannes Donel. Mit Instrumenten von damals liefern sie einen Gegenentwurf zur digitalen, bis zum letzten Schlag perfekten Welt. Auch einige junge Zuhörer sitzen in den Reihen, auch sie packt der Sound. Bei „Every day I have the blues“ in der Version von John Mayer oder dem „Richmond“ von John Bonamassa sind jüngere Sänger am Start, die aber auch nach dem klingen, das in den 60er- und 70er-Jahren musikalisch versammelt war. Hannes Donel bezieht sich gerne auch mal auf Nietzsche, der befand: „Wahrlich zeitgemäß ist nur das Unzeitgemäße“.

Die Ramblin’ Puppets verehren die Ikonen, die sie nicht covern oder kopieren, sondern sie fassen deren Titel in eigene Interpretationen. Wie kommen so junge Musiker zu so alter Musik? „Led Zeppelin lief mal, als mein Vater mich von der Schule abgeholt hat. Ich fand’s nicht sofort gut, aber es hatte einen Reiz“, erzählt Hannes Donel auf Nachfrage. Mit elf fing er an, Gitarre zu spielen. „Da hat es sich schnell ergeben, dass ich Klänge erzeugt habe, die ich im Gitarrenunterricht nicht gelernt habe.“

Mit ihren musikalischen Fähigkeiten erzeugen die Musiker in der gut besuchten Hagenbach-Werkstatt psychedelische Schwebezustände, hypnotischen Rhythm `n‘ Blues und ungebremsten Gitarrenrock. Jede geglückte Solopartie, jeder fulminante Übergang erntet Spontanapplaus, einen euphorischen Kreischer oder ein lautes „Wow“. Sie machen nicht die große Show, sie machen nicht einmal eine Pause. Ergreifend und meditativ spielt Hannes Donel die balladesk anhebende John-Bonamassa-Hymne „Richmond“, während seine Mitmusiker ganz lässig an der Bar bei einem Bierchen pausieren. „Wir mögen keine Pausen“, kündigt der Sänger an, legt den Gästen aber mehrmals nahe, sich wie seine Mitmusiker ihr Bier an der Theke zu holen. „Es stört uns niemals, selbst wenn Ihr Espresso bestellt und die Maschine Geräusche macht.“

Die Hammondorgel bezeichnet Hannes Donel in einer Moderation suffisant als „Kleiderschrank“

Immer wieder baut Hannes Donel in seine Ansagen eine ganz andere „Maschine“, die Hammondorgel ein, die er süffisant als „Kleiderschrank“ bezeichnet. Simon Jonas, der als Kind Kirchenorgel gespielt hat, spielt den elektronischen Nachbau der B3 kunstfertig und versiert. Cool und geschmeidig fährt er durch die Tonleitern. Beim höchsten Ton vibrierend, beim tiefsten behaglich wummernd, verbreitet er den typischen, leicht schrillen Sound. Derweil Schlagzeuger Simon Graus nach rauschenden Improvisationen versiert seinen Einsatz findet und ins Stück zurückrutscht. Im Zwischenspiel zu „Free my soul“ zaubern sie verstörend schöne Soundschwebezustände. Die experimentelle Verwendung der Instrumente außerhalb ihres normalen Wirkungsspektrums entwickelt eine Dynamik. Dazu behandeln die von Hannes Donel geschriebenen Texte zu „Cool or not“ oder „I’m far away“ bewegende Gefühlszustände und zeichnen philosophische Bilder. Die Band will künftig zu viert weitermachen. Unter neuem Namen („She said boy“) und mit Sängerin Helena Folda, die im Hagenbach zum ersten Mal mit den „Puppets“ vor Publikum auftritt und als Zugabe „After Dark“ von Tito & Tarantula interpretiert.

Weil die Zuhörer sie nach dieser überraschenden Premiere nicht von der Bühne lassen, jammen sie die Jimi-Hendrix-Nummer „All along the watchtower“ – mit ihren eigenen Stilmitteln werden da schmissig und launig die „Puppen“ der Vergangenheit zu neuem Leben erweckt.