Fast hätte er zur Pistole gegriffen

Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB) gastiert mit dem „Sheriff von Linsenbach“ im Backnanger Bürgerhaus

Viele pfiffige Ideen stecken in der Umarbeitung des Fernsehspiels „Der Sheriff von Linsenbach“ von Oliver Storz zum gleichnamigen Bühnenstück – angefangen mit der Drehbühne, die viel mehr ist als nur Kulisse, über die satirische Zeichnung von Figuren bis hin zu den Nebenrollen. Mehrere davon spielt Wieland Backes. Die WLB-Inszenierung war jetzt im Bürgerhaus zu sehen.

Szene mit Wieland Backes als Rathauspförtner Kunz und Antonio Lallo als Bürgermeister.

Von Ingrid Knack

 

BACKNANG. Christine Gnanns Inszenierung „Der Sheriff von Linsenbach“ für die Württembergische Landesbühne Esslingen hat etwas Magisches. Was anfangs auf der Bürgerhaus-Bühne so harmlos daherkommt, verdichtet sich langsam zu einer Szenerie, in der die Welt der kleinen Kommune Linsenbach und insbesondere des Ordnungsbeauftragten Hermann Zettler aus den Fugen gerät. Die Drehbühne der Bühnenbildnerin Judith Philipp ermöglicht, dass die Schauspieler in Windeseile den Raum wechseln oder sich in Sekundenschnelle im für die Zuschauer nicht einsehbaren Transfer- oder Nullraum in eine andere Figur verwandeln können. Sie unterstützt den gut durchgetakteten Spielfluss und die besondere Atmosphäre des Stücks. Das Unheil kommt derweil eher schleichend.

Mehr und mehr ist die Welt des Parkwächters, der es ja nur recht machen will und auch die Großkopfeten nicht verschont, nicht mehr stimmig. Die gemaßregelten Bürger begehren auf, der Ordnungsamtsleiter will die eifrige Aufsichtskraft loshaben und zettelt eine Intrige an. Die Bedrohung, die da auf den im Grunde rechtschaffenen Mann zukommt, wird spürbar. Der stärkste Moment ist aber der, in dem Zettler plötzlich erkennt, wohin es führen kann, wenn man’s mit seinen Prinzipien und Idealen übertreibt – fast hätte er zur Pistole gegriffen, seine Frau packt die Koffer, sein Hund ist tot und das Moped kaputt.

Martin Theuer spielt den Zettler als Kleinbürger durch und durch. Auf der einen Seite lässt er nicht locker, wenn es darum geht, dass Frau und Tochter die Bohnenstangen im Garten ja auch kerzengerade aufstellen, auf der anderen Seite zeigt er sich demütig gegenüber der Obrigkeit. Trotz seiner Pedanterie und seiner streitbaren Weltsicht („s’Chaos fängt beim Salat an“) bleibt er liebenswert. Irgendwie leidet man mit ihm mit, wenn er sich zu sehr versteigt in seiner Ordnungswut und deshalb bei den anderen Linsenbachern zur Lachnummer wird. Spätestens gegen Schluss punktet er wieder, als er dem Rechtsanwalt Dr. Meerfeldt, der mit ihm ein übles Spiel trieb, auf die Pelle rückt. Mit dem Ergebnis, dass der Plan des Rechtsanwaltsehepaars (gekonnt abgehoben gespielt von Kristin Göpfert und Christian A. Koch) nicht aufgeht. Nicht Zettler räumt das Feld, sondern Familie Meerfeldt.

Gesine Hannemann gibt die verständnisvolle Ehefrau Elfriede Zettler, die ihrem Mann am Abend aus dem Sakko hilft. Dabei ist sie aber eher klug als schwach und weiß, wann es sich lohnt, den Aufstand zu proben – wie am Ende, als ihr alles dann doch zu viel wird und sie ihren Mann verlassen will. Elif Veyisoglu ist in der Rolle der wenig kleinbürgerlichen Tochter Inge diejenige, die vor Realitäten die Augen nicht verschließt.

Kuriose Momente,

überzeichnete Figuren

 

Köstlich der stark überzeichnete Ordnungsamtsleiter Ruckgaber (Tobias Strobel) und Antonio Lallo als Bürgermeister, denen Geschmeidigkeit von Amts wegen auf den Leib geschneidert ist. Andererseits ist der Schultes der besorgte Sohn, der sich rührend um seinen dementen Vater kümmert. Spätestens wenn der Senior im ersten Drehbühnenstock auf dem Parkplatz inmitten all dieser weißen Miniaturautos im Rollstuhl hockt, kommt einem der Gedanke: Diese Inszenierung hat das Zeug, Kultstatus zu bekommen.

Nicht unwesentlich trägt dazu Wieland Backes bei, den das Publikum aus dem SWR-Fernsehen („Ich trage einen großen Namen“ und früher „Nachtcafé“) kennt – und dies ganz unabhängig vom Promistatus. Backes spielt den Rathauspförtner Kunz, der dem Bürgermeister das Auto parkt (die Miniaturautos wirken zunächst befremdlich, später gibt es ihretwegen etliche Lacher), ansonsten ständig Zeitung liest oder Zettler angeht – und dies in astreinem Schwäbisch („spennsch du?“) – als dieser den Wagen des Regierungsdirektors abschleppen lassen will. Auch in der stummen Rolle eines Hartz-IV-Empfängers und als Metzger mit blutiger Schürze und Schlachtermesser überzeugt Backes. In einer kleinen Szene auf dem Balkon der Meerfeldts darf er kurz er selbst sein und gibt wie stets zu „Nachtcafé“-Zeiten ein Zitat zum Besten. Ein Augenzwinkern am Rande. Nun kann jeder selbst darüber nachdenken, wie er’s mit Prinzipien und Idealen hält. Zettler lehrt aber: Setzt man sie auf Teufel komm raus durch, entfernt man sich gleichzeitig von ihnen.