Ein Hirte auf weiter Flur

Panflötist Wolfgang Joos ist seit zehn Jahren als „Arbeiter der Musik“ bei Beerdigungen im Einsatz

Eine Aufnahme von Gheorghe Zamfir war der Grund, warum er anfing, Panflöte zu lernen: Wolfgang Joos. Ursprünglich spielte er Schlagzeug. Foto: privat

Von Heidrun Gehrke

AUENWALD/RUDERSBERG. Bei Panflöte denkt man an poncho-behangene Fußgängerzonenbarden, Meditationsbeschallung und an den Andenkondor. Weniger auf dem Assoziationsschirm haben wir, dass das Instrument im professionellen Bereich angelangt ist. Panflötist Wolfgang Joos spielt Konzerte, gibt Unterricht und begleitet Begräbnisse.

Die Holzflöte bedeckt sein Kinn. Wolfgang Joos drückt die Taste seines Verstärkers, auf dem er verschiedene Hintergrundmusiken abrufen kann. Die Augenlider halb geschlossen, die Lippen geschürzt, lässt Wolfgang Joos aus den Röhrchen seines Instruments die Melodie von „Der einsame Hirte“ aufsteigen. Wie er auch das Kreisen des „El Condor Pasa“ und weitere Klassiker anstimmen kann, die untrennbar mit der nach dem griechischen Hirtengott benannten Panflöte verbunden sind. Doch die Flöte von Wolfgang Joos hebt vor allem vor ungewöhnlichen Kulissen an zu singen: Seit zehn Jahren spielt er tröstende Trauermusik bei Begräbnissen.

Joos kam vom wilden Schlagzeug zur besinnlichen Panflöte: Er hat eine Konzertvergangenheit als Rhythmiker, war in Dixieland-Formationen aktiv. In verschiedenen Besetzungen spielte er Standard- und Lateinmusik bei Tanzveranstaltungen. Mit seinem Vater Theo Joos – in Musikerkreisen vielen noch ein Begriff – stand er mit dem „All Sounds Septett“ auf diversen Bühnen, sogar auf dem Wasen haben sie gespielt. Vater Theo Joos leitete das Rudersberger Akkordeonorchester und war Akkordeonlehrer. Der Sohn lernte musikalisch viel vom Vater, bei der Panflöte allerdings war der Autodidakt in ihm gefragt. „Ich habe den einsamen Hirten in einer Aufnahme von Gheorghe Zamfir gehört, das war der Auslöser“, erinnert sich Wolfgang Joos, der sich als Kontrast zum Rhythmusinstrument schon früh der Panflöte annahm, diese jedoch zunächst auf die leichte Schulter nahm: „Ich dachte, es sei wie in eine Bierflasche pusten, aber die Atemtechnik ist viel schwieriger.“ Schon immer habe er „Bauklötze gestaunt, was man mit Flöte alles machen kann, welche Effekte man einbauen kann“. Swing, Jazzmusik sind sein Steckenpferd, doch diese Musikrichtung sei in „die Liebhaberecke“ abgedriftet. Massen hole man heute mit Partymusik – „Batschlieder“, um die Leute auf den Tischen zu halten, waren aber nie sein Ding. Also machte Joos sein eigenes: Der Hobbymusiker wurde zum „Arbeiter der Musik“, wie er es süffisant nennt.

„Von der Anspannung her ist es heftiger als ein Konzert“

Solistisch ist Wolfgang Joos als Begleiter bei Beerdigungen gefragt. Eine eigene, verborgene Welt, in der sich der Begleitmusiker dezent im Hintergrund halten müsse. „Von der Anspannung her ist es heftiger als ein Konzert“, beschreibt Joos die Schwierigkeit, die berühmte „Totenstille“ auszuhalten und gefühlvoll, empathisch aufzubrechen. „Du spielst in ein Loch und kommst in einem Loch an. Es gibt ja keinen Beifall.“

Er erlebe Applaus, „wenn Menschen einige Tage später anrufen, um sich zu bedanken“. Besonders in Erinnerung bleibt ihm der Kommentar einer Frau, die sagte, seine Musik stehe im Raum „wie ein Treppchen zwischen Erde und Himmel“. Die klangliche Zwischenebene voller Wohlfühlcocoons aus weichem, warmem, weihevollem Klang, das heisere Ausatmen der Pfeifen sind für Joos „das genaue Gegenteil von aufgeregt“. Der „Gefühlsmusiker“ sieht seine Aufgabe darin, Emotionen zu beruhigen. „Ich muss weinen bei Ihrer Musik, aber es ist ein befreiendes Weinen“, habe ihm jemand gesagt. Inzwischen ist das Instrument, dessen Form schon mit Schälrippchen verglichen wurde, an Musikhochschulen akzeptiert und hat schon in manchen Konzertsaal Einzug gehalten, wo Bach und Mozart „pan-isch“ und neuartig interpretiert wurden.

Auch Joos hat mit der Trauermusik Neuland betreten. „Ich bin dankbar für alle, die mir das Vertrauen entgegengebracht haben“, blickt er auf die ersten zehn Jahre als „Arbeiter der Musik“ zurück. Joos spielt immer live, in einiger Entfernung von der Trauergemeinde, dezent im Hintergrund. Der sprichwörtliche Hirte auf weiter Flur.