Zeitlose Geschichte von Freud und Leid

Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert nach Gedichten von Wilhelm Müller an der Jugendmusikschule Backnang

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – seit Jahrhunderten sind Liebesfreud und Liebesleid ein wichtiges Thema in Kunst, Literatur und Musik. Besonders zu Zeiten der Romantik beschäftigte diese Thematik die „jungen Wilden“. Und so hatte Klavierlehrer Gerhard Kleesattel einen besonders reizvollen Einfall für einen fächerübergreifenden romantischen Abend zu einem zeitlosen Thema in der Jugendmusikschule.

Bei der „schönen Müllerin“ von Franz Schubert bewegen sich die Emotionen zwischen Zweifel, wiedererstarkender Hoffnung bis hin zu trauriger Gewissheit, dass es nichts wird mit dem schönen Mädchen: Gerhard Kleesattel am Flügel und Bariton Maximilian Stössel bei ihrem Vortrag.

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG. Gerhard Kleesattel, Klavierlehrer an der Jugendmusikschule Backnang, konnte Bariton Maximilian Stössel als Interpreten für den Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert nach Gedichten von Wilhelm Müller gewinnen. Stössel sagte ebenso spontan und begeistert zu, bei dem Projekt mitzumachen, wie Barbara Kastin. Kastin unterrichtet Kunst an der Backnanger Jugendkunstschule und setzte sich mit ihren 13- bis 17-jährigen Schülern sehr intensiv mit dem Liederzyklus auseinander. In diesem Rahmen beschäftigten sich ihre Schüler nicht nur mit verschiedenen Mal- und Zeichentechniken, sie tauchten ebenso in die Stilrichtung der Romantik ein. Diese Kombination ergab einen gelungenen Kunst- und Musikabend, der zeigte, dass auch ältere Musikwerke durchaus nicht von gestern sind. Wie Sänger Stössel, der übrigens selbst ein Schüler der hiesigen Musikschule ist und bei Catrin Müller gelernt hat, treffend formulierte, gab und gibt es in allen Zeiten und Kulturen ein „tiefes Bedürfnis nach Bildern, Musik und Geschichten.“ Kunst als Seelennahrung.

Nach einem kurzen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Gedichtreihe des Dessauer Romantikers Müller verzauberte Stössel mit seiner angenehm vollen und kräftigen Stimme das Publikum, unterstützt vom feinsinnigen Klavierspiel Kleesattels. Dabei verstand es der 27-jährige Sänger, die verschiedenen Stimmungen des Gedichtzyklus perfekt zu interpretieren. Sei es der Beginn mit dem bekannten „Das Wandern ist des Müllers Lust“, bei dem der Müllersbursch frohgemut und voller Elan vom alten zum neuen Arbeitsplatz wandert, sei es die leichte und beschwingte Darbietung im Zustand der beginnenden Verliebtheit. Im Laufe des Vortrags schwanken die Emotionen von Zweifel über wiedererstarkende Hoffnung bis schließlich zur traurigen Gewissheit, dass es nichts wird mit dem schönen Mädchen. Dabei hätte dem jungen Mann schon recht früh klar sein müssen, dass eine Frau, die seine Tränen für einsetzenden Regen hält, nichts für sein romantisches Gemüt sein kann, wie Stössel hintersinnig betont: „Sie sprach: Es kommt ein Regen – Ade, ich geh nach Haus.“

Der Mühlenbach

als einziger Freund

Den Entschluss, sich seinem einzigen Freund, dem Mühlenbach, für immer anzuvertrauen, präsentiert der vielseitige Künstler einfühlsam im Dialog zwischen Bursche und Bach, traurig, verzweifelt, doch fest entschlossen der eine, aufmunternd und beschwörend der andere. Doch alles ist vergebens, es endet mit dem Tod, und der Bach erweist sich als letzter und beschützender Freund, der dem Burschen seinen letzten Frieden bewahren will. Pianist Kleesattel unterstützt und untermalt dabei den Gesang, verstärkt und verdeutlicht Emotionen und Hintergrundbilder, seien es das muntere Murmeln des Baches, das energische Klingen des Jagdhorns oder die unheilschwangere Vorahnung des tragischen Endes. Das Wiegenlied des nassen Freundes lässt er mit sanft plätschernden Tönen ausklingen. Nicht ein einziges Husten war vom ergriffenen Publikum während des Vortrages zu hören, dafür hielt der Applaus zum Abschluss umso länger an.

Die tragische Geschichte und das Liebesleid des Müllersburschen wurden untermalt von den Kunstwerken der Kastin-Schüler, die ihre Ideen in verschiedenen Techniken umgesetzt hatten. Passend zu den Strophen wurden die Bilder eingeblendet. Sie konnten zusätzlich in Natura an den Wänden des Konzertsaales im Bandhaus bewundert werden. Zu sehen waren Porträtzeichnungen in grazilen Bleistiftstrichen, zarte Aquarelle, kräftige Buntstift- und Acrylfarbenkompositionen, einfallsreiche Collagen aus Fotos und Zeichnungen. Originell das Büchlein des gebrochenen Herzens, eine selbst gebundene Sammlung feiner Aquarelle, die die Geschichte treffend zusammenfassten. Selbst eine Foto-Love-Story war zu sehen – verfremdete Fotos in kreativer Perspektive, sehr modern, und dazu in Frakturschrift die passenden Gedichtzeilen. Den Weg ins Konzert wies dazu ein Mehlsack, geschmückt mit einer Aktzeichnung der umschwärmten Herzensdame.