Die Musiker entwickeln einen magischen Klangsog

Trio Levin-Drescher-Dupree beschert den Zuhörern im Backnanger Bürgerhaus ein außergewöhnlich intensives Klangerlebnis

Schwere kompositorische Kost serviert das Trio so gekonnt und charmant, dass es einem den Atem verschlägt: Flötist Elya Levin, Pianist Frank Dupree und Cellistin Simone Drescher beim Konzert im Walter-Baumgärtner-Saal des Backnanger Bürgerhauses. Foto: A. Becher

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. „Kammermusik vom Feinsten“ wurde vorab angekündigt, die drei Protagonisten des Abends im Backnanger Bürgerhaus lösten dieses Versprechen voll und ganz ein. Elya Levin (Flöte), Simone Drescher (Violoncello) und Frank Dupree (Klavier) glänzten bei ihrem Konzert mit jugendlichem Charisma, ungebändigter Musizierfreude und meisterhafter Beherrschung ihres Instrumentes. Im Konzerttitel „Mosaiques“ stecken lateinisch die Musen, und von denen schienen die drei Nachwuchskünstler tatsächlich geküsst worden zu sein. selten war ein Konzert so kurzweilig und steckte so voller Überraschungen.

Zunächst stellten die drei jungen Musiker sich und ihr Instrument solistisch vor. Zu Beginn also der in Rastatt gebürtige Pianist Frank Dupree mit „Une barque sur l’océan“ von Maurice Ravel aus den „Miroirs“. Das Thema: Sanft wogten die Wellen, bevor sie sich zu bedrohlichen Bergen auftürmten und die Gischt spritzte. Duprees Finger flogen mühelos über die Tasten, eine immense Anschlagskontrolle zeigte sich nicht nur bei der Gestaltung der thematischen Mittelstimme. Neben einem enormen Farbenreichtum brachte Frank Dupree die für eine adäquate Ravel-Interpretation so wichtige Noblesse mit. Mit den „Trois Strophes sur le nom de Sacher“ von Henri Dutilleux hatte die Berliner Cellistin Simone Drescher einen echten Brocken ausgewählt, eine Herausforderung für sie selbst und auch für das Publikum. Ihr gelingt das Kunststück, die ständig wechselnden Spieltechniken nicht als Einzelereignisse zu zelebrieren, sondern einen großen Bogen zu spannen. Trotz der gewissen Sperrigkeit der Komposition lauscht man ihr gebannt.

Der israelische Flötist Elya Levin präsentierte mit sparsamen, aber sehr wirkungsvollen Gesten die „Passacaglia“ von Ernst von Dohnányi, ein virtuoses Paradestück mit intellektuellem Tiefgang. Levin gliederte die einzelnen Abschnitte sehr schlüssig, überzeugte mit perlenden und immer runden Tönen und hatte viel Sinn für die latente Zweistimmigkeit vieler Variationsteile. Frank Dupree knüpfte an seinen vorigen Vortrag an und bot ein wunderbar ausgehörtes „La vallée des chloches“ (ebenfalls aus den „Miroirs“ von Ravel). Von nah und fern klingen Kirchenglocken, Dupree kreiert eine dreidimensionale akustische Realität, und dennoch liegt alles in einem mysteriösen Halbschatten, nimmt keine allzu konkrete Form an. Der Pianist wandert würdevoll in den Spuren des sinnlichen Klangzauberers Ravel. Claude Debussys „Prélude à l’après midi d’un faune“ war ein Initial für eine neue Musikepoche. Erstmals zum Trio formiert zogen die drei Musiker ihre Zuhörer in elysische Traumgefilde: Dämmerndes Erleben und rauschhafte Sinnenverwirrung verdichteten sich zu einem halluzinatorischen Taumel, der alles Geschöpfliche der Natur umfasste. Das Trio entwickelte dabei einen nahezu magischen Klangsog, der auf dem perfekten rhythmischen Zusammenspiel und der sorgsam austarierten Klangbalance fußte. Dem sachlichsten und nüchternsten Ohr wurde sinnfällig, warum Debussy mit diesem Opus der Musik neue Bahnen gewiesen hat.

Nach der Pause ging es hochexpressiv weiter mit dem herzzerreißenden Klagegesang des Linos von André Jolivet („Chant de linos“) für Flöte und Klavier. Linos war in der griechischen Mythologie der Musiklehrer des Herakles, der ihn dann im Zorn erschlug. Schmerzhafte Schreie, die in eine verinnerlichte Subjektivität zusammenfallen, waren da zu hören. Starre Akkorde im Klavier und eine berührende Kantabilität der Flöte, abgelöst von grimmig einherfahrenden Tanzepisoden. Das folgende Werk für Cello und Klavier „Pampeana no. 2“ des von Alberto Ginastera (Argentinien) passte in seiner Rhapsodik hervorragend zum Titel des Konzertes: Mosaiksteinartig werden stark kontrastierende Abschnitte aneinandergereiht, südamerikanisches Temperament und Rhythmik sind vor allem im Klavierpart zu finden.

Spiel mit dem Klischee

unverfänglicher Harmlosigkeit

Weiter ging es mit dem Brasilianer Heitor Villa-Lobos und seinem „Assobio a Jato“ (Start eines Düsenjets) für Flöte und Violoncello. Ein koketter und doch melancholischer Walzer wurde von einem wehmütigen Nocturne, bevor Levin und Drescher das ausgeprägt motorische auf einem vorwärtstreibenden Ostinato basierende Finale glanzvoll meisterten.

In heiter-gelöster Grundstimmung beendeten die Musiker das Konzert mit dem Trio von Jean Françaix. Dieser spielt mit dem Klischee der unverfänglichen Harmlosigkeit, seine funkensprühende Musik macht einfach gute Laune. Obwohl sie thematisch dicht gewoben ist, erscheint sie stets luftig. Dann gab es fürs Publikum noch eine veritable Slapstick-Einlage: Eben noch war Dupree auf der Tastatur nach oben gerauscht, da hielten die drei unvermittelt inne und der Flötist Levin streckte die leere Hand aus; Dupree überreichte ihm eine Piccoloflöte, mit der das Stück dann beendet wurde. Viel Beifall und eine Zugabe (Astor Piazzolla) rundeten den Abend ab.