„Das Objekt erwacht beim Anblick des Betrachters zum Leben“

Sonderausstellung „Glas im Fluss“ im Glasmuseum Spiegelberg: Reinhild und Björn Ahston laden zum „Eintauchen in die Welt des Glases“ ein

Zeigen bis Ende Oktober Glaskunst im Spiegelberger Rathaus: Reinhild und Björn Ahston. Die Ausstellungseröffnung stößt auf große Resonanz. Foto: A. Becher

Von Ute Gruber

SPIEGELBERG. Der große, abgenagte Glasfisch an der weißen Wand sticht als Erstes in Auge: Filigran reiht sich Gräte an Gräte, bildet einen Brustkorb. In transparentem Türkis gehalten, scheint er die Farbe des Meeres in sich aufgesogen zu haben. Der meergrüne Kopf schnappt vergeblich nach Luft. „Muss eine Dorade gewesen sein“, ist Ausstellungsleiterin Marianne Hasenmayer in ihrer begeisterten Ansprache überzeugt. „Ich hab’ erst eine Dorade verspeist.“ Und erläutert prosaisch ihre Ansicht: „Die sah danach genauso aus.“

Gerne setzt Reinhild Ahston Elemente aus der Natur um: Tiere, Pflanzen. Fische und Boote sind ihre Lieblingsthemen. Ihre leuchtend bunten Fensterbilder zeigen Landschaften und werfen mit dem Licht der kurz vorbeischauenden Sonne lebendige Farbreflexe in den Raum.

Als Technik verwendet die Künstlerin das 2000 Jahre alte Verschmelzungsverfahren (Fusing), indem sie handgemachte Glasplatten in verschiedenen Farben zuschneidet, übereinanderlegt und bei über 800 Grad Celsius verschmelzen lässt. Heraus kommen weich fließende Farbübergänge in einer dünnen Glasschicht, die sie gerne auch als Gebrauchskunst zu Schalen in allerlei Größen verarbeitet.

Einen Titel hatte „Der nackte Fisch“ erst, nachdem eine Ausstellungsleiterin ihn so benannte. Gerne überlassen die Künstler es dem Betrachter selbst, in Zwiesprache mit dem Objekt eine eigene, individuelle Interpretation zu finden: „Das Objekt erwacht beim Anblick des Betrachters zum Leben.“

So wurde der grünschimmernde Glasklumpen von Björn Ahston, welcher sich weich fließend an eine rostige Eisenschelle schmiegt, für eine Besucherin zum „Alien“, das sich dort niedergelassen hat. „In den hab’ ich mich gleich verliebt.“ Nach der Ausstellung soll das Alien ihre Wohnung beleben.

Björn Ahston, ein gebürtiger Schwede, hat sich in seinem Heimatland in die uralte Technik des Glasblasens einweisen lassen. Unter den zahlreichen dort noch vorhandenen Glashütten – mit Quarzsand, Holz- und Wasserreichtum sind in Schweden die Voraussetzungen für die Glasherstellung geradezu ideal – musste Ahston allerdings lange suchen: „Die großen Hütten wollten mich nicht. Wenn da acht Glasbläser im Akkord arbeiten, können die keinen Anfänger dazwischen gebrauchen...“

Für seine Studioglas-Objekte kombiniert Ahston den eigenwilligen Werkstoff gerne mit altem Eisen: So dienen rostige Türangeln den stolzen „Wächtern“ als Waffen, eine Spitzhacke steckt in einem farbigen Glasblock fest.

Rund um die Sonderausstellung, die bis Ende Oktober bleiben soll, informiert die Dauerausstellung im Rathaus von Spiegelberg über die Herstellung von Glas in allen Variationen. Im Jahr 2005 zusammengestellt von Marianne Hasenmayer anlässlich der 300-Jahr-Feier von Spiegelberg, dessen Geschichte aufs Engste mit der Glas- und besonders der Spiegelherstellung verwoben ist, war das Besucherinteresse damals so enorm, dass die Ausstellung als Glasmuseum fest eingerichtet wurde.

Auch bei der Vernissage jetzt ist Bürgermeister Uwe Bossert „überwältigt von dem großen Interesse“. Es sind 80 bis 100 Kunstinteressierte, die sich bei der Ausstellungseröffnung im ehemaligen Schulzimmer Spiegelbergs drängeln.

  Sonderausstellung „Glas im Fluss“ im Glasmuseum Spiegelberg, Rathaus, ist bis 31. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr, Montag zusätzlich von 15 bis 18.30 und Donnerstag zudem von 15 bis 17.30 Uhr. Geöffnet ist auch jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr.