„Wir planen eine neue Art von Stipendium“

Das Interview: Michel Thobois skizziert Pläne für die Zukunft der mittlerweile 50-jährigen Partnerschaft zwischen Annonay und Backnang – Feier in Frankreich

50 Jahre Partnerschaft zwischen Annonay und Backnang: Dieses Jahr wird in Frankreich gefeiert, nächstes Jahr in Deutschland. BKZ-Redakteurin Ingrid Knack sprach mit Michel Thobois, dem Vorsitzenden des Partnerschaftskomitees in Backnang, über die Feierlichkeiten zwischen 6. und 8. Mai und die Entwicklung der Partnerschaft.

Annonay, wie viele Backnanger es vor Jahren kennengelernt haben. Mittlerweile wurde in der Ardèche-Stadt viel saniert. Fotos: I. Knack, A. Becher

Was plant das Partnerschaftskomitee für die Festtage Anfang Mai in Annonay?

Wir haben zwei Busse organisiert, mit denen wir verschiedene Gruppen von Sportlern mitnehmen. Hinzu kommt eine offizielle Delegation aus Stadträten und Verwaltungsleuten – auch vom Stadtjugendring kommt eine kleine Gruppe mit. Unser Komitee organisiert die Fahrt nach Annonay und zurück, aber die Organisation vor Ort, insbesondere die Unterbringung in den Familien, ist Sache des dortigen Comités. Da haben wir keinen Einfluss.

Wie viele Leute sind das ungefähr?

Insgesamt, wenn man auch noch das Städtische Blasorchester und die Liedertafel dazurechnet, werden 200 bis 300 Leute aus Backnang in Annonay sein in diesen drei Tagen.

Außerdem organisiert die Backnanger Künstlergruppe eine Ausstellung . . .

Richtig. Die Künstler sind im Schloss Déomas. Im Stadttheater wird sich der Gewerbeverein mit den Backnanger Handwerks- und Industriebetrieben vorstellen. Ansonsten gibt es etwa noch Konzerte. Und sportliche Events.

Richtige Wettkämpfe?

Es sind keine Wettbewerbe, es sind Spiele. Die Sportler beider Städte – Fußballer, Bogenschützen, Handballer, Radsportler, Judokas – sollen zusammen spielen und die Kontakte, die sie früher hatten, wieder auflegen. Es ist so, dass wir auf Wunsch der Annonayer die Sportvereine angesprochen haben, die in dieser Urgeschichte der Partnerschaft präsent waren. Das sind insbesondere die Handballer und die Judokas, die bei den ersten Begegnungen dabei waren.

Mittlerweile ist bei vielen die Luft raus . . .

In der Zwischenzeit ist alles abgeflacht. Das sollten wir wieder auflegen, dass die die Kontakte wieder aufnehmen und dass wieder mehr Austausch stattfindet.

Haben Sie schon Pläne für nächstes Jahr?

Bei einer Komiteesitzung Mitte März haben wir beschlossen, in einem Festausschuss erst einmal Ideen zu sammeln. Wahrscheinlich werden wir die Programmpunkte nicht punktuell zu einem Event hin organisieren, zum Beispiel zum Straßenfest hin. Wir haben überlegt, die Aktivitäten auf das ganze Jahr zu verteilen. Zumal es während der Straßenfestzeit nicht möglich ist, 200 bis 300 Leute privat unterzubringen.

Wenn zu viel los ist, könnte das Jubiläum auch schnell untergehen . . .

Der offizielle Teil wird wahrscheinlich schon beim Straßenfest stattfinden. Aber da will ich der Stadt nicht vorgreifen. Wir denken aber, dass Sportler in den Schulferien oder an einem verlängerten Wochenende nach Backnang zu Wettkämpfen kommen könnten. Zu einer anderen Zeit käme dann der Chor Impromtu für ein Konzert mit der Liedertafel nach Backnang. Die Blasmusiker könnten auch beim Straßenfest auftreten. Die bringen immer Leben in die Bude. Sehr aktiv sind auch junge Bands.

Wer genau?

Die Gruppe Hafensabine plant ein Projekt mit einer Annonayer Band. Das wollen wir stark unterstützen. Jugendarbeit hat bei uns Vorrang. Das Programm muss nicht nur Tourismus sein.

Das ist fast gegen den Trend. Der deutsch-französische Zukunftsdialog sagt, dass sich die Jugend in der globalisierten Welt nicht mehr so sehr für Frankreich interessiert, sondern lieber weiter weg reist.

Das kann ich nur bestätigen. Die heutige Jugend kann zum Beispiel die politischen Figuren wie Napoleon, Adenauer, Charles de Gaulle, Chlodwig und Ludwig XIV. nicht mehr unbedingt chronologisch einordnen. Für viele Jugendliche sind das unbekannte Persönlichkeiten. Auch die Geschichte mit der Versöhnung ist weit weg von ihnen. Sie sagen: „Was haben wir damit zu tun. Das ist doch Geschichte, das ist doch vorbei.“ Es ist unsere Aufgabe, eine andere Motivation für sie zu finden, sich für das jeweils andere Land zu interessieren.

Auf der einen Seite ist es ja positiv, wenn man die Versöhnungsarbeit nicht mehr machen muss. Wenn alles Normalität ist. Aber kommen wir auf das vorher angesprochene Paradox zurück. Wenn gleichzeitig das Interesse zurückgeht, ist das schon bedauerlich.

Damals, unter dem Motto „Versöhnung, nie wieder Krieg“ konnten wir die Leute an uns binden. Aber jetzt? Was haben wir für Argumente? Ich weiß es nicht. Die Jugend braucht action und ein Ziel. Was haben wir für ein Ziel? Gut – Sprache erlernen ist ein Ziel. Gerade in Frankreich, wo die Arbeitslosigkeit der Jugend so hoch ist, wäre das wichtig.

Früher gab es die wunderbare Einrichtung, dass Backnanger Gymnasiasten ein Jahr lang in Annonay zur Schule gehen konnten und umgekehrt. Als sie zurückkamen, haben sie praktisch perfekt die andere Sprache gesprochen. Warum gibt es das nicht mehr?

Auf Schwäbisch würde ich sagen: S’isch nemme dees. Die Jugend hat sich verändert. Die Jugend, die wir am Anfang der Partnerschaft hatten, war disziplinierter. Die heutigen Jugendlichen sind nicht mehr so anpassungsfähig. Sie erwarten zu viel von den Gastfamilien. Sie haben ihre festen Gewohnheiten. Die direkte Kommunikation leidet zugunsten der elektronischen. Früher gab es noch nicht diese sozialen Netzwerke. Diese sind für die Jugend eine große Gefahr.

Inwiefern?

Die Jugendlichen nutzen diese Netze als Kommunikationsmittel, ohne zu wissen, was sie überhaupt damit machen. Deshalb sind die langfristigen Aufenthalte in Annonay gescheitert. In diesen Netzwerken wurden Gerüchte verbreitet.

Welche Gerüchte?

Wir hatten enorme Probleme mit Gastfamilien. Es wurde immer schwieriger, solche zu finden. Austauschschüler haben ihre Gastfamilie zum Beispiel schlecht gemacht und das über die sozialen Netzwerke verbreitet.

Was wurde da gepostet?

Zum Beispiel, dass sie nicht gleich behandelt würden wie die Kinder der Gasteltern. Oder sie kritisierten die Essensgewohnheiten. Die seien schlechter als in Deutschland. In Backnang hatten wir ähnliche Probleme. Da haben wir uns entschlossen, das Ganze erst einmal zu stoppen und ein Jahr ruhen zu lassen. Später haben wir es mit sechs Monaten probiert. Dann hatten wir aber Probleme der gleichen Art. Ein Mädchen hat uns die Hölle heiß gemacht, sie wollte unbedingt für sechs Monate nach Annonay. Nach drei Tagen wollte sie wieder nach Hause. Die Kultur in dem anderen Land passte ihr nicht. Jetzt haben wir angefangen, eine neue Art von Stipendium zu organisieren. Und zwar nur drei Monate lang. Im Frühjahr nächstes Jahr soll es losgehen.

In letzter Zeit las man auch im Zusammenhang mit der französischen Schulreform viel über immer weniger Deutschunterricht in unserem Nachbarland. Zwar will die französische Bildungsministerin das so nicht sehen, die Association aber läuft Sturm gegen Abstriche beim Deutschunterricht.

In der französischen Presse wird sehr kritisch beobachtet, wie die französische Linke nach ihrem Ideal „Alle müssen gleich sein oder werden“ das Niveau im ganzen Schulbereich herabsetzt. Alle gleich heißt dann, alle gleich schwach. Das ist für das französische Schulsystem ziemlich dramatisch. Das gilt natürlich auch für den Sprachunterricht.

In den Realschulen gibt es in den ersten Klassen gar keinen Deutschunterricht mehr. . .

Ab den siebten Klassen wird es aber wieder zweisprachig. Die zweite Wahlsprache kann Deutsch, Englisch, Spanisch oder Italienisch sein. Aber diese doppelsprachlichen Züge ab der fünften Klasse werden abgeschafft. Das ist schade. Und die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer wird auf mehrere Schuleinrichtungen verteilt. Die müssen am Montag in das Gymnasium, am Dienstag in die Realschule, dann wieder in ein anderes Gymnasium und so weiter. Das bedeutet viel Stress.

Oft sind es ja die persönlichen Begegnungen, die den Anreiz geben, eine Sprache zu lernen. Die müsste man anstoßen . . . Was Sie jetzt auch mit den Jubiläumsfeierlichkeiten befeuern. Doch auch bei Ihnen im Komitee sind es wie auch bei vielen Vereinen ja immer dieselben Leute, die die Arbeit machen. Wie könnte man das Komitee verjüngen?

Das ist Wunschdenken. Wenn wir junge Leute nach Annonay schicken, fangen sie später bald an zu studieren und arbeiten vielleicht danach in Norddeutschland oder Berlin. 1975 hat es angefangen mit diesen Austauschen, keiner der Stipendiaten hat seither mit unserem Komitee Kontakt aufgenommen und gesagt, er wolle mitarbeiten. Wir versuchen auch immer über die verschiedenen Events in Backnang wie dem Neubürgerempfang oder dem Kulturmarkt für uns zu werben. Wir haben nette Gespräche, aber im Endeffekt bringt es nichts.

In Annonay gibt es dasselbe Problem . . .

Ja, Alain Dusser ist seit 20 Jahren an der Spitze. Es ist schwierig für ihn, einen Nachfolger zu finden. Obwohl: In Annonay ist es etwas leichter als hier. Dort wird keine Zweisprachigkeit verlangt. Da macht es nichts, dass jemand 50 Jahre im Partnerschaftskomitee ist und praktisch kein Wort Deutsch spricht. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Die Anzahl der Annonayer, die Deutsch sprechen, ist gering. Das Ergebnis des früheren Deutschunterrichts war nicht optimal. Es war mehr schriftliche Übersetzungsarbeit denn das Erlernen der Umgangssprache. Wie würde Ihre Agenda 2030 der deutsch-französischen Beziehungen aussehen?

Gut, da haben die Politiker das Sagen. Die deutsch-französischen Beziehungen haben Höhen und Tiefen. Im Moment ist es eher tief. Mein Wunschdenken – das ist natürlich Utopie – ist, dass beide zusammenkommen, vielleicht innerhalb einem großen Europa mit einer einzigen Regierung. Auch die Arbeitslosigkeit müsste europaweit bekämpft werden. Aber das beginnt mit der Sprache. In Frankreich hat es 16 Prozent jugendliche Arbeitslose. In Deutschland sucht man krampfhaft nach Leuten, die in die Industrie einsteigen könnten. Die, die in Frankreich keine Arbeit haben, können kein Deutsch. Dass mehr Deutsch in Frankreich und mehr Französisch in Deutschland gelernt wird, wäre das Ziel. Dass die Leute mehr miteinander kommunizieren. Dass sie flexibler sein können auf dem Arbeitsmarkt.