Und nachts schaut das Wildschwein vorbei

Kirchenkirnberger ist in seinem Garten mit erheblichen Schäden konfrontiert – Fachleute raten ihm zu einer kompletten Einzäunung

Dass Wildschweine für erhebliche Schäden auf Feldern und Wiesen sorgen, ist bekannt und treibt Landwirte genauso wie Jäger um. Ab und zu kommt es aber sogar vor, dass sich das Schwarzwild bis in die Gärten vorwagt. Das hat nun auch Manfred Dieterich aus Kirchenkirnberg zu spüren bekommen. Ein beachtlicher Teil seines Gartens ist umgegraben.

Unglaublich: Manfred Dieterich in seinem Garten vor der Fläche, die früher mal ein gepflegter Rasen war. Auch zurzeit ist es so, dass immer noch ein Stück hinzukommt, das die Wildschweine auf ihrer Futtersuche durchwühlen. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Das Stück, das früher einmal Wiese war, sieht aus, als hätte jemand beschlossen, dort einen Acker anzulegen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Grasoberfläche regelrecht abgenommen, umgeklappt und in der Erde gewühlt wurde. Manfred Dieterich geht davon aus, dass Wildschweine sich in seinem Garten zu schaffen gemacht haben. „Gesehen hab ich die Tiere noch nicht“, sagt er. „Anfangs war ein kleinerer Teil betroffen, und ich habe versucht, den Rasen wieder einzusetzen. Aber es sind praktisch jede Nacht wieder neue Schäden dazugekommen.“ Später bestätigt sich seine Hypothese, dass der Rasen etwas bereithält, was Wildschweine besonders mögen. Manfred Dieterich hat entdeckt, dass sich in einem Teil der Wiese ungewöhnlich viele Larven tummeln.

Vergrämungsmethoden helfen nur kurzfristig, irgendwann merken die Schweine, dass keine Gefahr droht

Der Kirchenkirnberger hat sein Grundstück zwar größtenteils eingezäunt, vermutet aber, dass die Tiere über die Straße beziehungsweise durch den offenen Zugang an der Garage vorbei aufs Grundstück kommen. Auf dieser Höhe hat er nämlich auch beim Nachbarn eine aufgewühlte Stelle entdeckt. Für Dieterich ist es ungewöhnlich und ein neues Phänomen, dass sich die Tiere so weit ans Haus vorwagen. Die zerwühlte Rasenfläche grenzt direkt an die Terrasse. Zwar haben auch Rehe – sein Haus liegt am Rand von Kirchenkirnberg und der Wald ist nicht allzu weit entfernt – sich schon an Salat oder Bohnen bedient, doch das ist lange her. „Vermutlich ist das hier noch nicht zu Ende“, sagt er und fragt sich, was er machen kann, und ob er eine Chance auf Schadenersatz hat.

Zu Letzterem fällt die Antwort von Tobias Horwath vom Kreisjagdamt eindeutig aus: „Da gibt es keine Möglichkeit.“ Für den Jagdpächter endet die Zuständigkeit nämlich auf privatem Gelände. Gärten gehören zum sogenannten befriedeten Bezirk, in dem logischerweise auch nicht gejagt wird. Dass die Wildschweine dort Engerlinge oder andere Larven ausgemacht haben, scheint Horwath plausibel. Weil Wildschweine Allesfresser sind, gebe es zwar Empfehlungen wie kein Katzenfutter auf der Terrasse stehen zu lassen oder den Kompost einzufassen und mit einem Deckel zu verschließen, aber letztlich hält Horwath nur eine Maßnahme für langfristig zielführend: Den Garten mit einem stabilen Zaun abzuriegeln. Vergrämungsmethoden helfen seiner Ansicht nach nur kurz – so Geruchsstoffe, die Wildschweine abhalten sollen, wie beispielsweise menschliche Haare, die sich manche beim Friseur besorgen. „Das funktioniert nur eine bestimmte Zeit, weil die Tiere irgendwann merken, dass dadurch keine Gefahr mehr droht.“ Die Installation von Bewegungsmeldern, die an eine Musikanlage angeschlossen sind, empfiehlt sich in der Nähe des Hauses und im Wohnbereich nicht.

„Da hilft nur einzäunen“, ist auch die Einschätzung von Rainer Braulik, Erster Beigeordneter der Stadt Murrhardt, insbesondere, weil das Haus am Rande von Kirchenkirnberg liegt. Zwar gebe es in Murrhardt nicht so viele Fälle, in denen Privatleute von Schwarzwildschäden betroffen seien, doch sei bekannt, dass die Schwarzkittel sich auch schon mal auf ein Siedlungsgebiet wagen. Ein weiteres Beispiel: Friedhöfe, die ebenfalls zum befriedeten Bezirk gehören und bei denen es die Tiere auf Blumenzwiebeln abgesehen haben. Hauptproblematik ist aber vor allem der landwirtschaftliche Bereich und die Schäden auf Wiesen und Feldern, die das Schwarzwild hinterlässt. „Das hat in den vergangenen zehn Jahren drastisch zugenommen“, sagt Braulik. Insofern haben die Jagdpächter, die für die Schäden haftbar sind, mit der aktuellen Lage zu kämpfen. In Murrhardt hat das sogar dazu geführt, dass es immer schwieriger wurde, Jäger zu finden, die bereit waren, ihre Pacht weiterzuführen, so Braulik. Die Stadt Murrhardt versucht als Verwalterin und Mitglied der Jagdgenossenschaft mit verschiedenen Maßnahmen, die Probleme zumindest einzudämmen und die Härten für Jagdpächter etwas abzufedern.

Die Population der Wildschweine

hat zugenommen

Zwei wichtige Punkte dabei sind eine von Grundstückseigentümern, unter denen auch viele Landwirte sind, und Jagdpächtern getragene Wildschadenskasse sowie ein Wiesenhobel, mit denen die Schäden professionell beseitigt werden können. „Wichtig ist, dass die verschiedenen Gruppen füreinander Verständnis haben und zusammenarbeiten. Es gibt da ein ganzes Maßnahmenbündel und jeder einzelne Beitrag kann helfen.“

Das sieht Reiner Eblen, Sprecher der Kreisjägervereinigung Backnang, ganz ähnlich. Die Population der Wildschweine habe so zugenommen, dass nach seiner Schätzung der Bestand um 70 Prozent der Jungtiere reduziert werden müsste, um ihn zumindest nicht weiter anwachsen zu lassen (allein für dieses Jahr geht er von einem Zuwachs um 300 Prozent des Bestands aus). Mittlerweile habe er auch schon im Herbst Frischlinge gesehen, was bedeutet, dass die Bachen nicht mehr nur im Frühjahr trächtig sind. Insofern wundert es ihn auch nicht, dass Wildschweine in einen Garten vordringen. „Die brauchen jetzt Eiweiß, und das holen sie sich über Larven, die sie unter der Grasnarbe finden.“

Der verstärkte Körner- sowie Silomaisanbau trage nicht gerade zur Entschärfung des Problems bei, wobei Eblen auch weitere Faktoren anführt wie wärmere Winter sowie Sturmschäden in den Wäldern, die Wildschweinen immer noch eine bessere Deckung mit Blick auf die Jagd ermöglichen. Nicht gut zu sprechen ist er auf das aktuelle Wild- und Jagdgesetz, das die Lage durch die Einführung von Jagdruhezeiten im Frühjahr weiter verschärft. Letztlich hält auch er ein ganzes Maßnahmenpaket, bei dem die revierübergreifende Jagd eine zentrale Rolle einnimmt, für wichtig. Die Zusammenarbeit beispielsweise mit dem Hegering Murrhardt sei in dieser Hinsicht vorbildlich, sagt er, und verweist auf eine Liste an Vorschlägen des Vorsitzenden Sascha Willkomm. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns“, sagt Eblen.