G8 oder G9: Eltern haben die Wahl

In Backnang können die Schüler auf dem Weg zum Abitur mit beschleunigtem Tempo oder mit mehr Zeit fürs Üben lernen

G8 oder G9? Vor dieser Frage stehen Jahr für Jahr Hunderte von Eltern, die für ihre hoffnungsvollen Sprösslinge die Weichen in die Zukunft richtig stellen wollen. In Backnang haben sie die Qual der Wahl. Denn das Max-Born-Gymnasium führt in acht Jahren zum begehrten Zeugnis der Reife, das Gymnasium in der Taus nimmt sich neun Jahre Zeit.

Ob nach acht oder nach neun Jahren: Am Ende des Gymnasiums steht die Abiturprüfung. An die Mitschüler ergeht dann der Ruf: Bitte Ruhe – Abitur! Archivfoto: E. Layher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Dass die Frage G8 oder G9 politisch nach wie vor umstritten ist, hat ein Vorstoß des Philologenverbandes erst jüngst wieder gezeigt. Die Vereinigung von Gymnasiallehrern fordert vom Kultusministerium, zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren oder zumindest eine breitere Wahlfreiheit zuzulassen. In einer Online-Petition hat der Verband über 14000 Unterschriften für sein Begehren gesammelt, und weil er bei Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auf Granit beißt, schaltet er nun den Petitionsausschuss des Landtags ein.

In Backnang müsste sich der Philologenverband dabei überhaupt nicht ins Zeug legen. Denn da stellt sich die Situation höchst kommod dar – oder eben auch reichlich verzwickt, wenn sich Eltern von Viertklässlern unsicher sind: Denn in Backnang haben sie die Wahl zwischen einem astreinen G-8- und einem ebenso astreinen G-9-Gymnasium. Zwei Real- und zwei Gemeinschaftsschulen sowie drei berufliche Gymnasien gibt es obendrein, von der Waldorfschule ganz zu schweigen, die den Abiturabschluss ebenfalls im Programm hat.

Was hat aber das Tausgymnasium als G-9-Variante, was das Max-Born-Gymnasium als G-8-Schule nicht hätte? Oder, anders gefragt, wie schafft es das MBG mit seinen Schülern in acht Jahren zum Abi, wenn andere neun brauchen? Klar: Am Ende müssen alle Schüler die gleiche Prüfung schreiben, alle müssen die gleichen Aufgaben bearbeiten, alle müssen Zeugnis von ihrer Reife ablegen. Daran führt kein Weg vorbei. Der Weg dorthin unterscheidet sich aber, wo es um die Stoffverteilung geht.

„Wir können den Unterricht zwischen den Klassen sieben und den Klassen elf strecken“, erklärt Udo Weisshaar, Chef am Gymnasium in der Taus. Das entlastet die Stundenpläne, die Schüler müssen weniger Stunden pro Woche absolvieren. „Bei optimaler Verteilung“, so Weisshaar, sei bis Klasse acht in der Regel kein Nachmittagsunterricht erforderlich. 30 Unterrichtsstunden pro Woche lassen sich auf fünf Vormittage à sechs Stunden bringen. Damit hätten die Schüler mehr Zeit, um zu lernen, Referate auszuarbeiten oder sich auf Tests vorzubereiten. Und ihnen bleibt auch viel Raum für außerschulische Aktivitäten, etwa in den (Sport-)Vereinen.

Für die Arbeit der Pädagogen wiederum bedeutet dies, dass die Stundenkontingente anders verteilt sind. Bei gleichem Stoff haben die Lehrer mehr Spielraum beim Vertiefen und Üben und können auch flexibler handeln. So lasse sich beispielsweise in Mathe ein schwierigeres Thema auch mal in die höhere Klasse verlagern, erklärt Weisshaar einen Vorteil des G-9-Gymnasiums.

Dieses ist – nachdem es zunächst als befristeter Schulversuch angelegt war – inzwischen in die vierte Runde gegangen. Am Tausgymnasium war bei der jüngsten Anmeldung keine Nachfrage nach G8 mehr zu verzeichnen – die Schule wird inzwischen allgemein als das Backnanger G-9-Gymnasium gesehen. Drei Jahre lang mussten jeweils vier Klassen gebildet werden, dieses Mal sind es drei – weil die Schule keine vierte Klasse bilden durfte, sondern überzählige Bewerber auf Veranlassung des Regierungspräsidiums Stuttgart abweisen musste. Die meisten Schüler kommen dabei nach wie vor aus dem traditionellen Einzugsgebiet Backnang, Aspach, Oppenweiler, aber auch aus Sulzbach an der Murr und Spiegelberg. Das sei nicht zuletzt „eine Schulwegfrage“, erläutert Weisshaar. Kurios sei aber, dass auch einzelne Kinder aus Kirchberg an der Murr und Rielingshausen das Tausgymnasium vorziehen, obwohl für sie das Max-Born-Gymnasium oder aber die Bildungsstätten in Marbach am Neckar näher lägen.

Dass das G-9-Angebot den Erwartungen der Eltern entspricht, liest Schulleiter Weisshaar auch aus der alljährlichen Zufriedenheitsabfrage ab. Danach erklären jeweils 80 bis 90 Prozent, dass sie mit der Leistung der Schule zufrieden sind.

Wie das Tausgymnasium hat auch das Max-Born-Gymnasium drei fünfte Klassen – als klare G-8-Schule, wie sie von der Kultusministerin als „die Regelform in der Fläche“ angesehen wird. Der Bildungsplan, so Schulleiterin Sonja Conrad, gelte fürs achtjährige Gymnasium genauso wie fürs neunjährige, wobei das G8 „eine gewisse Beschleunigung“ beinhalte. Wichtig ist ihr aber, dass es zwischen den beiden Backnanger Gymnasien in der fünften und sechsten Klasse keinen Unterschied gibt. An manchen anderen G-9-Standorten werde die zweite Fremdsprache nämlich in der sechsten Klasse noch nicht eingeführt.

Einen Vorteil der G-8-Variante sieht Conrad darin, dass sie dem Potenzial und den Kapazitäten der Kinder entgegenkomme, denen es zum Teil in der Schule sogar langweilig wird: „Viele Schüler können so lernen“, sagt sie mit Blick auf ein schnelleres Voranschreiten im Stoff, „sie schaffen das gut.“ Die Kinder empfänden die Anforderungen im G8 nicht als stärkere Belastung, vielmehr bräuchten sie geradezu das effizientere Lernen. „Wir leisten uns, dass wir uns ein Stück weit an den Stärkeren orientieren“, fasst die Schulleiterin zusammen, „und dass wir ihnen gerecht werden.“

Das achtjährige Gymnasium sei allerdings schlechtgeredet worden, beklagt Conrad. Den Eltern habe man Angst vor dem kürzeren Weg zum Abitur eingeredet – und nun habe das G8 in Konkurrenz zum G9 zu kämpfen, den Eltern diese Ängste zu nehmen. Eine solche Angsthaltung sei aber unbegründet, unterstreicht Conrad, die auch überzeugt ist, dass der Elternwunsch „nicht immer ganz richtig“ ist. Im Kreis Heilbronn hätten solche Sorgen zu einer regelrechten Schülerbewegung geführt: Kinder aus Heilbronn, wo es kein G9 gibt, würden vermehrt nach Beilstein abwandern.

Am Einzugsgebiet des Max-Born-Gymnasiums, das auch durch die Nähe zum Bahnhof geprägt ist, hat sich durch die G-9-Möglichkeit am Tausgymnasium laut Conrad nichts geändert. Ihr genereller Wunsch ist es aber, dass Kinder aus Backnang und Umgebung auch in Backnang in die Schule gehen. „Wir haben hier alle Angebote“, betont sie. Die Stadt tue sehr viel, um den unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen zu entsprechen. Conrad: „Es ist schade, wenn Kinder woanders hingehen.“