Mit aller Kraft den Menschen geholfen

Beim AK Asyl Backnang geht mit Günther Flößer eine moralische Instanz nach 15 Jahren engagierter Arbeit in den Ehrenamtsruhestand

Eine moralische Instanz geht in den Ehrenamtsruhestand: Günther Flößer gibt nach 15 Jahren das Amt des Sprechers beim Backnanger Arbeitskreis Asyl ab. Der 74-Jährige hat sich in all dieser Zeit immer mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, dass Menschen in Not, die im Land Asyl suchen, Hilfe erhalten. Sein Spezialgebiet war die rechtliche Betreuung. Die Insider sind sich einig: Er wird eine große Lücke in der Asylarbeit hinterlassen.

So wie man ihn kennt: Günther Flößer bei der Asylberatung in der Mensa der Waldorfschule im Gespräch mit syrischen Flüchtlingen. Foto: E. Layher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Die Arbeit mit Asylbewerbern ist vielfältig. Viele Bereiche machen auch den Helfern Spaß, wenn sie etwa zusammen feiern oder essen oder Deutsch lernen oder Unternehmungen machen. Es gibt aber auch ein knochentrockenes und völlig spaßbefreites Gebiet: den rechtlichen Beistand. Dies ist die Spezialität von Günther Flößer. Er gehört von Anfang an zum Arbeitskreis Asyl dazu. Bescheiden wie er ist, relativiert er, „vielleicht nicht von der ersten Stunde, eher von der zweiten“. Früher ging es wohl auch nicht, weil der Ingenieur damals beruflich noch sehr eingespannt war, schließlich hat der Mann aus Bensheim an der Bergstraße über 30 Jahre lang an der Entwicklung der Nachrichtentechnik in Backnang mitgewirkt.

Als der AK Asyl dann 2001 von Maria Neideck und Ursula Kaiser aus der Taufe gehoben wurde, stieß Flößer mit einigen Mitstreitern – unter anderem jungen Leuten vom Gymnasium in der Taus – schnell dazu. Und wurde eine der tragenden Säulen. „Ich war schon immer ein sehr politischer Mensch, und die soziale Gerechtigkeit liegt mir sehr am Herzen.“

„Soziale Gerechtigkeit

liegt mir sehr am Herzen“

Die ersten Jahre ging es darum, die Folgen des Jugoslawienkriegs aufzufangen. Spätestens nach 1999 wurden etliche Roma-Familien abgeschoben. „Die vielen Abschiebungen und das Elend haben mich geprägt und sehr mitgenommen. Viele Familien wurden getrennt und Elternteile einfach abgeschoben.“ Die Verfahren, die Flößer begleitet hat, füllen zahlreiche Aktenordner. Heute noch ist das Entsetzen zu spüren, wenn Flößer von einem jungen, traumatisierten Mann spricht, der nächtelang im Auto im Wald geschlafen hat, nur um zu verhindern, dass man ihn findet und samt schwangerer Frau abschiebt. Oder an das Kirchenasyl, das er zusammen mit dem Burgstaller Pfarrer Hans-Christoph Werner für einen Syrer organisierte, der laut Dublin-Abkommen nach Ungarn hätte abgeschoben werden sollen. „Nach Ungarn“, wiederholt Flößer mit einem Grausen, „eines der furchtbarsten Länder, was die Behandlung von Asylbewerbern angeht“. Die Drohung mit dem Kirchenasyl hat damals schnell Früchte getragen, nach nur einem Tag hat das Bundesamt den Fall übernommen.

Im Laufe der Zeit arbeitete sich der Techniker immer mehr in die rechtliche Materie ein, besuchte Tagungen und las unzählige Fachbücher. „Das Asylrecht ist ziemlich kompliziert und ändert sich dauernd“, begründete er. Rückblickend sieht er „unsere ganze Gesetzgebung als Serie von Versuchen, die Leute abzuschrecken, hierherzukommen“. Flößer denkt an die Zeiten kurz nach dem Mauerfall zurück, als mit der ersten Asylwelle 1992 über 430000 Menschen Hilfe suchend ins frisch vereinigte Deutschland kamen. „Die Volksseele hat gekocht, es gab rassistisch motivierte Übergriffe. Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen. Das war die Zeit, als sich in Backnang das Aktionsbündnis aus über 80 Vereinen gegründet hat.“ Auch damals hat der Vater zweier Kinder schon mitgeholfen, „aber wegen des Berufs eher nur sporadisch“.

Gleichzeitig wurde das Grundgesetz geändert. Wenn Flüchtlinge über sichere Drittstaaten ankamen, wurden sie in diese Länder zurückgeschickt. Flößer sarkastisch: „Das ist praktisch für Deutschland, weil wir nur von sicheren Drittstaaten umgeben sind. Ich nenn’ das immer das juristisch perfektionierte St.-Florians-Prinzip.“ Als noch weitere Härten Realität wurden, trat Flößer, zuvor aktives SPD-Mitglied, bei den Genossen aus. Zu den Härten zählte er die Ausweitung der Kategorie „sichere Herkunftsländer“ oder die Rechtsverfolgung nach Ablehnung, wodurch es nur noch einen Abschiebeschutz bis zur ersten Instanz gibt. Für andere Regelungen hat er nur feinen Spott übrig. Er nennt sie „Absurditäten, die volkswirtschaftlich kontraproduktiv waren“. Etwa das Asylbewerberleistungsgesetz mit der demütigenden, teuren und aufwendigen Praxis, Lebensmittelpakete zu verteilen. Oder „den Blödsinn“, Deutschkurse nur zu genehmigen, wenn die Flüchtlinge anerkannt sind. „Manche warten drei Jahre, bevor sie eine Anhörung bekommen“, verdeutlicht Flößer die Konsequenz. Oder die hanebüchene Praxis bei der Gesundheitsversorgung mit den Berechtigungsscheinen.

Im Vordergrund stand bei Flößer immer die Einzelfallbetreuung: „Mir geht es in erster Linie um Asylsuchende, die durch die Maschen unserer Gesetzgebung fallen. Mein Ziel war immer, ihnen zu einer Bleibemöglichkeit zu verhelfen und bei der Integration zu helfen.“ Bei alledem ist er kein naiver Gutmensch. Sein Credo lautet: „Ich möchte alle Menschen mit Würde behandeln, aber auch gerecht. Das heißt: Wenn jemand straffällig im wirklich kriminellen Sinn ist, dann hat er auch unsere rechtsstaatlichen Mittel zu fürchten.“

Nach all dem ehrenamtlichen Engagement, das viel Kraft gekostet hat und nicht immer erfolgreich war, ist Flößer jetzt erleichtert, „dass eine Last von mir genommen wird“. „Ich habe das Amt des Sprechers 15 Jahre lang innegehabt, ich gehe jetzt in die AK-Asyl-Rente.“ Trotzdem hört er mit einer gewissen Wehmut auf, „die Arbeit war immer auch eine Bereicherung. Ich bin mit Leuten zusammengekommen, die ganz anders sind als wir Mitteleuropäer. Ich empfinde auch eine Dankbarkeit, dass ich denen helfen konnte.“ Dankbar ist er auch allen AK-Asyl-Mitarbeitern für die tolle Zusammenarbeit, „es gab nie Animositäten, es herrschte immer eine ganz tolle Atmosphäre, ohne die wir nie so lange durchgehalten hätten.“

Eine der letzten Aufgaben ist nun, einen Nachfolger zu finden, der das juristische Feld beackert. Bislang blieb die fieberhafte Suche erfolglos. Kontakt gibt es unter www.ak-asyl-backnang.de.