Lage an den Schulen äußerst angespannt

Lehrermangel macht sich immer stärker bemerkbar – Krankheitsfälle können vielerorts kaum noch aufgefangen werden

Schwierige Verhältnisse herrschen an den Schulen: Der Lehrermangel wird jetzt im Winter immer stärker spürbar. Weil schon zu Schuljahresbeginn die Krankheitsreserve im Rems-Murr-Kreis komplett für längerfristig bekannte Ausfälle verplant war, ist jetzt kaum Ersatz zu bekommen, wenn eine Kraft krank wird. Denn der Markt ist leer gefegt.

Vertretungsplan für die Lautereck-Realschule in Sulzbach: Konrektor Thomas Smolarczyk muss täglich Lösungen austüfteln. Foto: J. Fiedler

Von Armin Fechter

BACKNANG. Lehrer häufen Überstunden an, wenn sie Kollegen vertreten müssen; Klassen und Lerngruppen werden zusammengelegt, um die Schüler nicht nach Hause schicken zu müssen; Pensionäre werden reaktiviert, um den Unterricht aufrechtzuerhalten, und sogenannte Nichterfüller, die die Pädagogenausbildung nicht abgeschlossen haben, werden herangezogen, um die klaffenden Lücken zu schließen. Und täglich raufen sich die Vertretungsplan-Verantwortlichen in den Schulen die Haare, weil sie an die Grenzen des Möglichen stoßen. Krankheitsfälle können vielerorts kaum noch aufgefangen werden.

Anfrage bei der Backnanger Tausschule: Wie läuft es, wie kommt die Schule klar? Dort ist jetzt Rektor Jochen Nossek selbst wohl für längere Zeit ausgefallen. Konrektor Achim Kern, erst seit Juni vergangenen Jahres an der Grund- und Gemeinschaftsschule tätig, ist noch dabei, sich in seine Tätigkeit an der großen und vielfältigen Schule einzuarbeiten. Er möchte daher ohne Rücksprache mit dem Schulleiter keine Auskünfte geben.

An der Lautereck-Realschule in Sulzbach ist bislang alles gut gegangen, berichtet Konrektor Thomas Smolarczyk. Dank eines niedrigen Krankenstandes gebe es „ganz wenig Ausfälle“. Dennoch muss er fast täglich einen Vertretungsplan austüfteln. Dazu ist er morgens immer eine halbe Stunde vor allen anderen im Haus. Es gilt dann in aller Eile, Kollegen zu finden, die rasch einspringen können, und das gibt hin und wieder „a bissle Stress“, lacht er. Ist kein Kollege verfügbar, muss Smolarczyk selbst oder Schulleiterin Sabine Gross ran.

Um den Unterricht in den Klassen effizient weiterzuführen, versucht der Konrektor möglichst eine Fachvertretung hinzukriegen – was freilich nicht immer möglich ist. Allerdings schicken die kranken Kollegen von daheim per Fax oder E-Mail auch Aufgaben in die Schule, sodass die Vertretung Material vorfindet.

Randstunden – beispielsweise die sechste – lässt Smolarczyk auch mal ausfallen. Mitunter muss ein Lehrer aber auch zwei Klassen gleichzeitig beaufsichtigen, wenn etwa die Räume direkt nebeneinanderliegen.

Fällt ein Kollege für längere Zeit aus, „müssen wir selbst nach Ersatz suchen“. So hat die Schule für eine Lehrerin, die ab Mitte des Schuljahres nicht mehr zur Verfügung steht, eine Diplom-Biologin gewonnen. Übers Schulamt war, wie Smolarczyk berichtet, nichts zu holen.

Ganz gut sieht es bei der Backnanger Schillerschule aus. „Bis jetzt kein Problem“, meldet Schulleiterin Ute Offtermatt. Man habe aber auch „unheimlich Glück“ gehabt: Als die Kraft in der Grundschulförderklasse ausfiel, konnte übers Staatliche Schulamt schon nach einer Woche eine Vertretung organisiert werden. So gesehen „läuft’s grad gut“.

Als Grundschule muss sich die Schillerschule in der Zeit von 8.30 bis 12.05 Uhr verlässlich um die Kinder kümmern. Falls Lehrkräfte krank werden, sind die anderen gefordert – und bis zu drei Mehrarbeitsstunden seien ohnedies in einem vollen Lehrauftrag mitenthalten, erklärt Offtermatt. Für den Fall, dass einmal keine Vertretung organisiert werden kann, sind die Kinder der Schillerschule in eine gelbe und eine blaue Gruppe aufgeteilt, und sie wissen dann schon ganz genau, in welche andere Klasse sie jeweils umziehen müssen. Diese Lösung wurde aber in diesem Schuljahr, so Offtermatt, „noch nicht oft gebraucht“.

Staatliches Schulamt: „Wir greifen nach jedem Strohhalm“

Das Staatliche Schulamt in Backnang bestätigt, dass es „überall sehr eng“ zugeht. Schulrat Helmut Bauer, zuständig für die Unterrichtsversorgung, hat im Zusammenwirken mit den Schulleitungen alle Register gezogen, um Ressourcen zu gewinnen: Lehrer haben Deputate aufgestockt, Gruppen wurden zusammengelegt und Kräfte eingestellt, „die zunächst nicht auf der Liste standen“. Zum Halbjahr wurden zudem einige Lehramtsanwärter unter Vertrag genommen, die sich in verlängerter Ausbildung befanden. „Wir greifen nach jedem Strohhalm“, räumt Bauer ein. Voll des Lobes ist er zugleich für die solidarische Zusammenarbeit der Schulleiter untereinander und innerhalb der Kollegien: „Wir leben ein Stück weit von der Kreativität der Schulleiter.“ Angesichts der „extrem angespannten“ Lage hofft Bauer aber, dass die Grippewelle nicht noch größere Ausmaße annimmt. Und im Grunde sei er „froh, dass die befürchtete Katastrophe nicht eingetreten ist“. Dem kommenden Schuljahr blickt er mit Sorge entgegen: „Die Lage wird sicher angespannt bleiben“, glaubt Bauer nicht an eine Trendwende in der Versorgung.

Silke Ade-Valente, die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Backnanger Schulen, beobachtet die Entwicklung genau. Ihr Eindruck: Zu Beginn des Schuljahrs sei die Lehrerversorgung noch ausreichend gewesen. Mittlerweile aber könne der Regelunterricht nicht mehr flächendeckend garantiert werden. Die Lehrkräfte versuchten zwar alles, um die Engpässe auszugleichen, sie könnten aber nicht alles auffangen.

Eine Hauptursache für die Probleme sieht sie darin, dass nicht genug Pädagogen zur Verfügung stehen. Daher müsse die Lehrerversorgung generell verbessert werden – das sei aber, konstatiert sie, eine politische Entscheidung. Möglicherweise liege ein Grund für den Mangel auch darin, dass der Lehrerberuf nicht mehr so attraktiv sei. Silke Ade-Valente will auf jeden Fall an der Sache dranbleiben. Das Thema stehe in der nächsten Sitzung des Gesamtelternbeirats auf der Agenda, dann sollen verschiedene Erfahrungsberichte gehört und besprochen werden.

Harsche Kritik an der Personalpolitik des Landes kommt unterdessen von der GEW. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass keine Krankheitsreserve zur Verfügung steht. Mit 4,8 Prozent sei, wie der GEW-Ortsvorsitzende Roland Theophil sagt, die Quote im Verhältnis zur Gesamtlehrerzahl „viel zu gering“, es müssten auf jeden Fall 6 Prozent sein. Dabei müssen die Schulen einen länger andauernden Ausfall ohnedies erst mal drei Wochen lang aus eigener Kraft auffangen, ehe sie Anspruch auf Ersatz hätten – den sie wegen des leer gefegten Marktes aber kaum erfüllt bekämen. Mit Skepsis blickt der Gewerkschafter auf die Lösung, Ruheständler bis zu einem Alter von 75 Jahren zurückzuholen. Da stelle sich die Frage, ob es noch Sinn macht, wenn einer mal über etliche Jahre hinweg draußen war.

Kritik äußert Theophil auch daran, dass Nichterfüller eingestellt werden, um die Vorbereitungsklassen – multikulturelle Klassen mit vielen Flüchtlingskindern – zu unterrichten. Dafür würden sie dann mit befristeten Verträgen abgespeist und – ebenso wie Krankheitsvertretungen – am Schuljahresende entlassen, um nach den Sommerferien wieder neu eingestellt zu werden. Und das, obwohl von vornherein der Bedarf bekannt sei. Die GEW fordert daher schon lange eine durchgehende Bezahlung.

Auch langfristig sieht Theophil die Probleme nicht kleiner werden, sondern im Gegenteil: Einerseits liege der Numerus clausus für Grundschullehrer bei 1,4, sprich: so hoch, dass nur wenige den Sprung über die Hürde schaffen und infolgedessen auch seit Jahren schon zu wenig Lehrer ausgebildet werden. Andererseits rolle eine Pensionierungswelle auf das Land zu, in der mehr Kräfte aus dem Dienst scheiden als nachkommen.

Gleichzeitig prangert Theophil die Bezahlung als ungerecht an: Angestellte Lehrer bekommen mitunter 600 Euro im Monat weniger als beamtete, aber „es machen alle das gleiche Geschäft“. Die GEW fordert daher mit Blick auf die neue Tarifrunde für alle eine Bezahlung nach A13, „egal wo sie unterrichten“.