Unter Druck zum Schweben gebracht

Ausstellung „Under Pressure“ von Bertl Zagst in der Barockscheune in Oberschöntal

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG.Kraftvoll, anklagend, fast gewalttätig: So wirken die Arbeiten von Bertl Zagst auf den Betrachter. Nato-Stacheldraht, ausgediente Schläuche von Traktorenreifen und vergessene Ausweisdokumente verarbeitet er zu Bildern und Installationen, die faszinieren, betroffen machen und vielfältige Assoziationen wecken. Beim Betreten der Scheune fallen sie sofort ins Auge, die großen wulstigen Pakete aus schwarzem Gummi, die, mit weißen Schnüren zusammengehalten, von der Decke baumeln. Der Ausstellungstitel „Under Pressure“ bedarf keiner Erklärung. Der gewaltige Druck, mit dem die Schnüre die ursprünglich runden Schläuche in eine andere Form zwingen, ist offensichtlich und macht die Faszination dieser Objekte aus. Die Dualität von Druck und Gegendruck greift Johannes Kaufmann von der Villa Merkel in Esslingen am Neckar in seiner Einführung auf: „Wir spüren den Druck erst, wenn wir uns dagegen wehren.“ Und er bringt den Betrachter auf eine faszinierende, anarchistische Idee: „Hätten wir ein scharfes Messer, was würden wir tun?“

Bertl Zagst erzählt, wie er vorgegangen ist: Während des Aufpumpens mit dem Kompressor setzte er sich an verschiedenen Stellen auf die schwarzen Gummischläuche, um so die Luft im Inneren nach seinen Vorstellungen zu verteilen und anschließend die Form mit Schnüren zu fixieren.

Eine besondere Qualität erhält die Installation durch ihre Gegensätzlichkeit: Die schweren, kompakten Pakete sind an der Scheunendecke aufgehängt und bewegen sich dennoch leicht wie ein Mobile im Luftzug. Sie wecken bei den Vernissagebesuchern Assoziationen; immer wieder ist von Würsten die Rede. Aber auch verpuppte Insekten, Darmschlingen oder gefesselte Körper kommen einem in den Sinn. Das Ensemble mit dem Titel „luftDruck“ hat der Künstler eigens für den hohen Raum der Barockscheune installiert, in der Sabine und Dietmar Kutter seit 2012 ihre Galerie betreiben.

Das gleiche Material verwendet Zagst in einer Serie von kleineren Objekten unter dem Titel „Gummireliefs – weiche Sachen“. Handliche Päckchen aus schwarzem Gummi sind an der Wand aufgereiht, auch sie zusammengebunden, aber wesentlich weniger Druck ausgesetzt. Hier liegt die Delikatesse im Detail: Man erkennt Streifen und Risse im Material, ein Ventil, die geprägte Aufschrift des Reifenherstellers, einen karierten Lappen, der miteingewickelt wurde. Das Motiv der verschnürten Schläuche taucht auch in den kleinformatigen Gemälden im Zwischengeschoss der Scheune auf. Arbeiten, die 2008 während eines Aufenthalts in Marokko entstanden, kopierte Bertl Zagst und bearbeitete sie 2017 weiter. Die heiteren Motive von Sonne, Booten, Blättern und Zweigen von Olivenbäumen überlagerte er mit düsteren Farbschichten und bedrohlichen Objekten – „Under Pressure“ im übertragenen Sinn.

In der Galerie der Scheune ist eine faszinierende Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Thema der menschlichen Identität zu sehen. Bei einem Workshop, den er in Marokko abhielt, fand er im Nebenraum stapelweise vergessene Ausweisdokumente von Personen, die in den 70er- und 80er-Jahren geboren wurden. Die Passbilder zeigen Männer mit und ohne Bart, Frauen mit Kopftuch, Jüngere und Ältere. Er nahm die teilweise zerfallenen, geknickten und durch Feuchtigkeit beschädigten Papiere und kopierte das Passfoto auf ein Transparentpapier, das er über das Dokument legte. Die Serie mit dem Titel „Recherche“ wirft auf eindringliche Weise Fragen auf: Welche Menschen verbergen sich hinter den schemenhaften Fragmenten? Welches Schicksal haben sie erlebt? Erhalten sie durch die Arbeiten eine neue Existenz, von der sie nichts wissen?

Ein beklemmendes Werk zeigt Bertl Zagst im Keller der Scheune. Wenn man die steile Treppe hinuntersteigt, wird es mit jedem Schritt kälter. Unten angekommen, erwartet den Besucher eine Gruppe von sechs Figuren, die jeder menschlichen Eigenschaft beraubt sind. Ihre Konturen sind aus Nato-Stacheldraht geformt, der durch seine messerscharfen Zacken Distanz gebietet. Wie ein Käfig umgibt er Menschen, die sich in dieser Gefangenschaft längst aufgelöst haben und nur noch als Kontur aus aggressiv-glänzendem Draht existieren. Ein bedrückendes Werk, das auf die Situation von Flüchtlingen verweist und deren Ausgrenzung im Titel der Arbeit verdeutlicht: „do not touch“.

Bertl Zagst wurde 1951 in Kirchheim unter Teck geboren. Nach einem Studium an der Kunstakademie und der Universität Stuttgart arbeitete er im Auslandsschuldienst in Kairo und seit 1995 als Kunsterzieher in Esslingen.

  Die Ausstellung in der Galerie Barock- scheune in Backnang-Oberschöntal, Lindauer Straße 48, ist noch bis zum 25. Juni samstags und sonntags von 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Bei der Finissage am 25. Juni um 17 Uhr findet eine Performance von Fabrice Ottou statt.