Neue Sicht auf die Wirtschaftswunderzeit

Theater Rietenau begeistert mit seinem Stück „Besuch in der Heimat“ – Nodding Heads sorgen für die musikalische Untermalung

Die gemeinsame Tochter, von deren Existenz der Vater nichts wusste, läutet die Wende im neuen Stück des Theater Rietenau ein. Die junge Frau knallt ihrem Vater vor den Latz, was sie von seinen Racheplänen hält: „Unrecht führt zu neuem Unrecht und Rache schafft keine Gerechtigkeit.“ Das Stück „Besuch in der Heimat“, das am Wochenende aufgeführt wurde, zeigt eine neue Sicht auf die Wirtschaftswunderzeit, wie sie in Rietenau passiert sein könnte.

Der Krieg ist abgehakt, es wird nach vorne geschaut: Angesiedelt ist das Stück „Besuch in der Heimat“ im Jahr 1956, kurz vor dem Anspringen des Wirtschaftswundermotors. Foto: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

ASPACH. Der Schultes sieht bereits Busse aus ganz Deutschland in den Ort fahren, denn einer Zukunft als Boomtown in Sachen Kur- und Heilort steht nichts mehr im Wege, seit im Nachkriegs-Rietenau die Träume von der Süße des Lebens Einzug halten. Entfacht hat sie Hans Eisenmann, der verstoßene Sohn des Dorfes, der in den USA zum Millionär wurde, unverhofft in seiner Heimat auftaucht und eine Geldspritze in Aussicht stellt.
Was die gierig in kühnste Wirtschaftswunder- Euphorie ausbrechende Dorfbevölkerung erst nach und nach erfährt: Der „spendable“ Gast will ein paar alte Rechnungen begleichen, sonst gibt’s seine Knete nicht. Sein verhasster Stiefbruder Karl soll des Dorfes verwiesen werden. Da trifft es sich gut, dass er als Unsympath in Erscheinung tritt. Schon mit dem ersten Auftritt, als er mit „Wo wir sind, ist am Tisch oben“ großspurig die Szene betritt, spitzt er die Dramatik zu.
Der Kapitalismus, verkörpert durch den Self-made-Millionär Hans Eisenmann, kommt um die Häuserecken geschlichen und verteilt Geschenke, auf Kosten der Moral – das klingt alles sehr nach Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“. Darin habe sie für das Stück „Besuch in der Heimat“ tatsächlich gewildert, wie Stückeschreiberin Lea Butsch erklärt, die sich die Regie mit ihrem Mann Rolf teilt. Doch wirft die Deutung des frisch und souverän spielenden Ensembles eine neue Sicht auf die Geschichte rund um alte Schuld, Rache und die Verlockungen des Geldes.
Die Akteure wählen die Stil- und Erzählmittel des Volkstheaters, das geprägt von komödiantischen Elementen immer auch unbequeme Wahrheiten ausspricht und eine Botschaft vermittelt. Schön der schleichende Prozess, mit dem sich die Veränderungen des Verhaltens und des Umgangs der Dorfbewohner untereinander zeigen. „Heißt das, dass wir das Geld jetzt nicht kriegen“, wird der Ton anklagend, als der Streit um den ersehnten Geldsegen beginnt. In ungeschminkten Gehässigkeiten und deftigen Aussagen, fein vorgeführt in Gesten und Mimik, zeigen die Schauspieler tiefe Verwerfungen bis hin zu Niedertracht. Köstlich der Antipode: Büttel Jakob, rechtschaffener Handwerker, dem Gier und Egoismen fremd zu sein scheinen. „Was soll ich mit dem Geld? Nochmal zwei Stückle kaufen? Ich hab’ doch schon meine Bittenfelder und mehr Most kann ich nicht trinken“, lenkt er mit trockenen Bemerkungen die Lacher des Publikums auf sich. Während die anderen schier keine Luft mehr bekommen vor Entzückung darüber, bald im Pelzmäntele in „Backena“ zu promenieren.
Fein nuanciert zeigen sich die verschiedenen Charaktere in der Art, wie sie sich die Bälle zuspielen. Verspielt, glaubwürdig, übertrieben zeigen sie sämtliche Elemente einer Tragikomödie vom Allerfeinsten: Eine Vorstellung, die das Komische in Frotzeleien und kernigen Sprüchen betont, dabei aber mit Andeutungen auch ernsthaftes Nachdenken auslöst. Wundervoll untermalt von der Musik der Nodding Heads alias Matze Hesser, Thomas Weber und Gastmusikerin Sonja Michler, die mit Gitarre, Kontrabass, Cello und Akkordeon jeder Szene das passende Lied auf den Leib schreiben, spielen und singen. Melancholischer Moll wabert im Piazzolla-Tango, hüpfend- vergnügt hält der dreistimmige Gesang im Lied „Schön war die Zeit“ ein bisschen Augenzwinkern bereit. Der Verursacher des schief hängenden Dorffriedens, schaut einfach nur zu: Mit seinem roten Cowboyhut beobachtet Hans Eisenmann vom Fenster des Rathauses aus, wie die Dorfgemeinschaft sich immer mehr in die Haare kriegt.
Begleitet von Jubel für gelungene Szenen und einem langen Schlussapplaus zieht das Ensemble alle Register, die lustvolle Geschichte authentisch wirken zu lassen. Wie immer in den Produktionen des Theater Rietenau sind echte Ereignisse aus der Ortsgeschichte und der Region eingeflochten: Das Ende des Badbetriebs in Rietenau, der Beginn der Firma Getränke-Vorlo als neuem Hoffnungsträger, dazu mehr oder weniger offener Rassismus gegen Jenische. In der Region haben in Spiegelberg jenische Familien gewohnt, im Stück ist die Mutter des „Helden“ eine Jenische aus Spiegelberg. Die tote Mutter taucht als Bühnenfigur auf, die die Rückschau einläutet während die erzählende Szene für einige Momente „einfriert“ – einer von vielen dramaturgischen Ideen, die dem Stück Spannung verleihen.
Am Ende steht nicht das Happy End und auch die alte Liebe flammt nicht wieder auf, aber auch der Mord wie im Dürrenmatt-Stück bleibt aus. Stattdessen die Erkenntnis: Der Klügere gibt nach und Bescheidenheit ist der bessere Ratgeber bei der Suche nach dem persönlichen Glück. Für ein Wirtschaftswunder reicht es eben nicht, die Hände aufzuhalten und sich den großen Gönner zu wünschen, sondern man muss den Aufbauwillen schon selbst einbringen. Dann wird vielleicht auch der Minigag wahrhaftig, den Hotelmanager Herrmann am Ende des Stücks einstreut: „Vielleicht haben wir eines Tages unseren eigenen Sonnenhof.“