Murrtal als Station auf dem Weg nach oben

Fünf afrikanische Radsportler der Kenyan Riders nutzen Rems-Murr-Pokal als Übungseinheit für ihr großes Ziel, die Tour de France

Sie sorgten für etwas Exotik, als die Radsportler durch Backnangs Innenstadt hechelten. Die Fahrer des Teams Kenyan Riders. Die fünf Kenianer nahmen an allen drei Etappen des Rems-Murr-Pokals teil, zu dem neben der Station in der Murr-Metropole noch Rennen in Schorndorf und Fellbach dazugehörten. Das Team hat eine ungewöhnliche Geschichte.

Sorgten im Rems-Murr-Pokal mit den Kenyan Riders auch in Backnang für ein wenig Exotik: Charles Kagimu (vorne) und Cornelius Kemboi. Foto: A. Becher

Von Katharina Klein

Sie sind zwischen 18 und 28 Jahre alt und tragen eine schwarze Radlerkluft mit grün-roten Applikationen, den Farben ihres Heimatlandes Kenia. Andrew Kimutai, Josphat Githambo, John Kariuki, Charles Kagimu und Cornelius Kemboi sind die Kenyan Riders. Zusammen mit ihrem Coach, dem Australier Simon Blake, sind sie für drei Monate in Europa unterwegs, um an Radrennen teilzunehmen. So auch bei den drei Etappen in Schorndorf, Backnang und Fellbach. Die Teilnahme daran ist aber eher ein Zufall, berichtet Organisator Marc Sanwald: „Ich habe sie vor zwei Wochen bei einem Rennen in der Pfalz gesehen und ihnen die Ausschreibung für den Rems-Murr-Pokal gegeben. Ein paar Tage später bekam ich per Mail die Nachricht, dass sie unbedingt teilnehmen wollen.“

Heimat der Radsportler

ist das Läufer-Mekka Iten

Damals wusste Sanwald noch nicht, dass hinter dem Team eine ungewöhnliche Geschichte steckt. Die Kenyan Riders sind nicht nur die fünf jungen Männer, die nun im Schwabenland am Start waren, sondern noch weitere zwölf Radsportler, die in Kenia geblieben sind. Dort wohnen sie im Läufer-Mekka Iten in einer Trainingsstätte auf 2300 Metern Höhe. Mit den Besten der Truppe reist Simon Blake jeden Sommer nach Europa, damit die Fahrer Rennpraxis sammeln. Denn: „Die Rennen in Europa sind sehr viel anspruchsvoller als die in Afrika. Außerdem sind die Umstände dort sehr viel chaotischer. Die Straßen werden nicht gesperrt und die Rennen sind allgemein nicht gut organisiert“, zählt Blake die Gründe für die Starts in Europa auf.

Bevor sie in Backnang in die Pedale traten, verbrachte das Team schon einen Monat in Deutschland und nahm an fünf Rennen teil. Zwischen den Wettkämpfen wohnen die Sportler aus Afrika in Saarbrücken in einem Haus der gemeinnützigen Organisation Bike Aid. Denn auch die Organisation Kenyan Riders finanziert sich mithilfe von Sponsoren. Gründer Nicholas Leong aus Singapur beobachtete von seiner Heimat aus gebannt kenianische Läufer im Fernsehen, war gleichzeitig Tour-de-France-Fan und nahm sich schließlich vor, Kenianer zur Krone des Radsports zu bringen. So fing alles vor zehn Jahren an. Seit 2011 ist Blake mit an Bord. Zusammen mit dem Iren Ciaran Fitzpatrick kümmert er sich um die sportliche Leitung. Blake ist in Kenia auf der Suche nach Talenten und fährt dann mit ihnen um die Welt: „Ziel ist, den Radsport in Kenia voranzutreiben. Noch ist die Industrie dafür in Afrika nicht gegeben, aber es wird immer mehr. Wir gehen zu Rennen und schauen nach Talenten. Es läuft aber auch viel über Mund-zu-Mund-Propaganda.“

Sind die neuen Hoffnungen erst mal entdeckt, müssen sie zunächst Leistungstests überstehen, ehe sie ins Team aufgenommen werden. Der 18-jährige Charles ist seit acht Monaten dabei und stammt ursprünglich aus Uganda: „Dort habe ich mit 14 Jahren angefangen, Rad zu fahren. In einem Sportverein haben sie mir dann gesagt, ich müsse nach Kenia gehen und an Rennen teilnehmen. Das habe ich vergangenes Jahr gemacht und bin entdeckt worden“, erzählt er über seinen Weg.

Josphat dagegen ist seit drei Jahren bereits Teil der Gruppe. Für ihn war der Radsport lange eine Sehnsucht: „Ich habe nahe einer Straße gelebt und dort immer Männer Rad fahren sehen. Als mein Bruder dann damit anfing, wollte ich es auch unbedingt. Bei einem regionalen Rennen habe ich eine gute Leistung gezeigt und kam so zu den Kenyan Riders.“

Die zwei sowie der Rest der Truppe sind das erste Mal in Europa. Ständige Leistungstests und das Benehmen spielen eine große Rolle, um für die Reise ausgewählt zu werden: „Wir überprüfen immer den Trainingsstand. die Jungs müssen aber auch den Willen und die Motivation zeigen, warum sie das unbedingt wollen. Denn es ist nicht einfach, die Visa zu bekommen. Deshalb müssen sie’s sich verdient haben, mitzukommen“, erklärt Blake.

Über die Ansprüche des Rennens in Backnang sind sich die fünf Sportler einig, sagt Charles: „Das Rennen war sehr hart. Aber wir wären nächstes Jahr gerne wieder dabei.“ Auch der 42-jährige Coach notiert sich den Rems-Murr-Pokal im Kalender: „Wir wären sehr glücklich, wenn wir wieder teilnehmen könnten. Diese Art von Rennen sind sehr schwer für die Jungs, deshalb ist es gut für sie.“