„Ich werde auch die Gitarre oder die Ukulele dabei haben“

Das Interview: Tobias Elsäßer ist der LiteraTour-Patenautor

Bei der zehnten Backnanger LiteraTour von 10. bis 17. November ist Tobias Elsäßer Patenautor. Wir sprachen mit dem Schriftsteller und Musiker, der von 1996 bis 1998 Mitglied der Boyband Yell 4 You war, über seine Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendliteraturwoche und seine Arbeit als Autor.

Tobias Elsäßer bei der Backnanger LiteraTour 2014 mit einer Zeichnung seiner Figur Linus Lindbergh. Linus Lindbergh möchte Erfinder werden – wie sein Vater. Dieser ist seit seiner letzten Erfindung allerdings wie vom Erdboden verschluckt... Der Beginn einer Trilogie. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

Sie waren ja schon öfter bei der LiteraTour in Backnang, kennen aber auch andere Kinder- und Jugendbuchwochen. Was unterscheidet die LiteraTour von anderen Literaturtagen?

Für mich sind es vor allem die sehr gute Organisation und die familiäre Atmosphäre, die mich beeindrucken. Beim gemeinsamen Mittagessen begegnet man den vielen ehrenamtlichen Helfern und den teilnehmenden Autoren und hat Zeit für einen kurzen Plausch. Auch die persönliche Betreuung ist ganz großartig und macht die Lesetage in Backnang zu etwas Besonderem. Auch der Autorenabend trägt dazu bei, dass die Literaturtage eine runde Sache sind.

Haben Sie als Patenautor bei der LiteraTour besonderen Gestaltungsfreiraum und wenn ja, wie sieht dieser aus, wie wollen Sie ihn nutzen beziehungsweise was ist damit alles verbunden?

Ich darf die wunderbaren Autoren persönlich begrüßen, und wenn es der Zeitplan erlaubt, der einen oder anderen Veranstaltung beiwohnen. Es sind ja großartige Schriftstellerinnen und Schriftsteller dabei, die zum Jubiläum in die Stadt kommen und aus ihren Werken lesen. Besonders freue ich mich auch auf den Eröffnungsabend, bei dem ich etwas über meinen etwas anderen Weg zum Autor berichten darf.

Wie kamen Sie dazu, Autor zu werden?

Schicksal oder Zufall. Bis heute weiß ich nicht, was besser passt. In den 1990er-Jahren war ich Sänger einer Boyband mit Plattenvertrag bei Sony Music und in den Charts, auf Viva, MTV und RTL. Meine damalige Freundin hat mich Jahre später gefragt, wie dieses Leben im Showbiz denn war. Ich habe tagebuchähnliche Einträge aus einem Kalender hervorgekramt. Erinnerungen aus der damaligen Zeit. Sie hat mich darin bestärkt, meine Erlebnisse an einen Verlag zu schicken. Tatsächlich gab es zwei Interessenten, und so erschien mein erster autobiografisch gefärbter Roman. Danach war mir klar, dass ich weiterschreiben würde, weil das Schreiben eine wunderbare Möglichkeit ist, das eigene Leben, aber auch das, was in der Welt geschieht, besser zu verstehen und zu verarbeiten.

Was bringen Sie für die Backnanger Schüler mit? Gerade weil Sie ja nicht nur Autor, sondern auch Musiker sind ...

Im Gepäck habe ich tragische, komische, futuristische und abenteuerliche Geschichten. Bei manchen Veranstaltungen werde ich auch die Gitarre oder die Ukulele dabei haben, um den Schülern die Verbindung zwischen Musik und Text, Rhythmus und Melodie zu zeigen, die sowohl in meinen Büchern als auch in meiner Musik eine wichtige Rolle spielen. Für die jüngeren Zuhörer werde ich mich in digitale Erfinderwelten begeben und die Abenteuer von Linus Lindbergh, dem jüngsten Spross einer Erfinderfamilie, zum Leben erwecken. Für die älteren werde ich vor allem mit den Büchern „Für Niemand“ und „Zwischenlandung“ über faszinierende Themen wie Wahrnehmung und Wünsche, Ängste und Träume, aber auch die erste, enttäuschte Liebe reden. Mir ist es wichtig, dass die Lesungen neugierig machen, nicht pädagogisch angereichert sind und auch die Schüler abholen, die mit Büchern nicht viel am Hut haben. Dazu ist es wichtig, die Schüler zu integrieren und ihnen die Chance zu geben, viel über das Leben des Autors zu erfahren und mit Vorurteilen aufzuräumen.

In „Zwischenlandung“ fällt der kleine, verliebte Protagonist ins Wachkoma, weil er einen Golfball an den Kopf bekommt, und in Ihrem neuesten Roman, der nächstes Jahr erscheint, beschäftigen Sie sich mit der Digitalisierung. Obwohl die Geschichten herrlich schräg geschrieben sind, geht es da doch um sehr ernste Dinge. Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Momentan ist es die ausufernde Digitalisierung. Im Februar erscheint ein Kinderroman, der etwa zehn Jahre in der Zukunft spielt und von einem Jungen mit Bildschirmallergie handelt. Obwohl es beinahe eine Satire ist, die ich da erzähle (Kinder werden es hoffentlich als spannendes Abenteuer lesen), ging es mir darum, die Schattenseiten aufzuzeigen, wenn sich alles nur noch um Apps und Konsum, Filme, Selbstdarstellung und Selbstoptimierung dreht. Ich selbst bin fasziniert von den neuen Möglichkeiten, die der Fortschritt mit sich bringt, nur sollten wir nicht vergessen, dass wir Menschen und keine Maschinen sind. Es geht nicht nur darum, überall schnelles WLAN zu haben und Tabletcomputer an jeder Schule.

Sondern?

Es geht darum, einen vernünftigen Umgang zu lernen und zu lehren und klare Grenzen zu ziehen zwischen dem, was möglich ist, und dem, was sinnvoll ist. Das Schreiben mit der Hand, das Wandern durch die Natur, der erste Handstand, das sind alles Dinge, die für die menschliche, soziale Entwicklung deutlich wichtiger sind, als der passive Gang durch virtuelle Welten. In meinem Roman „One“ beleuchte ich auch die ethischen Aspekte hinter unserem Wachstum und Konsum und versuche, die Schüler dazu zu bewegen, unser event- und konsumgeprägtes Leben infrage zu stellen. In der Wirtschaft, in der Politik und auch im Lehrbetrieb spürt man die Angst, Deutschland könnte als führende Industrienation abgehängt werden.

Man sollte eine allumfassende Ausbildung von verantwortungsbewussten Individuen auch in Kunst, Literatur, Musik nicht noch stärker den Anforderungen der Wirtschaft unterordnen. Die Berufe der Zukunft brauchen Kreativität und die Fähigkeit, verschiedenste Bereiche miteinander zu verknüpfen. Das kann aber nur derjenige leisten, der sich aus all den Bereichen bedienen kann und auch gelernt hat, kritische Fragen zu stellen.

Um für Jugendliche schreiben zu können, muss man auch ihre Sprache sprechen können. Wie und wo tauchen Sie in die reale Welt der Jugendlichen ein?

Die viel zitierte „Sprache der Jugendlichen“ gibt es meines Erachtens nicht. Dafür sind die Lebensumstände viel zu unterschiedlich. Vor allem geht es mir darum, eine glaubwürdige Geschichte mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. Wenn es zu diesen Figuren passt, dürfen sie natürlich auch in ihrem Slang sprechen, aber dabei muss man sehr vorsichtig sein, um sie nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Als Autor, der sich altersmäßig immer weiter von seiner Zielgruppe entfernt, ist es wichtig, ganz in die Lebenswelt seiner Protagonisten einzutauchen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn das nicht gelingt, klingen Jugendromane schnell austauschbar und belehrend. Die Sprache und der Stil können dabei in alle Richtungen gehen. Die Schüler stört es nicht, wenn eine Sprache gestelzt ist, solange sie zu der Geschichte und den Figuren passt. Der schlimmste Fehler ist es, sich in irgendeiner Weise bei Jugendlichen in ihrer Sprache anzubiedern. Das stößt auf wenig Gegenliebe.

Was haben Sie eigentlich als Kind am liebsten gelesen?

Ehrlich gesagt: Donald Duck und andere Comics. Ich hab die meiste Zeit auf dem Fußballplatz oder in Turnhallen verbracht. Bücher haben für mich erst eine Rolle gespielt, als ich aufgrund einer Verletzung mit meinem Lieblingssport, dem Handballspielen, aufhören musste. In meiner Familie spielte Literatur, egal ob für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, keine Rolle. Deshalb bekomme ich auch heute noch leuchtende Augen, wenn ich sehe, was für großartige Bücher es in diesem Bereich gibt.