Facettenreiche Interpretation

Glanzvolle Aufführung der Kirchenoper „Luther“ von Dietrich Lohff im Rahmen der Feierlichkeiten zu 500 Jahre Reformation

Eine Kirchenoper im Backnanger Bürgerhaus, das gibt es nicht alle Tage – betonte der evangelische Dekan Wilfried Braun in der Begrüßung. Luther im Großformat, Luther auf der großen Bühne – das 500-Jahr-Jubiläum des Anschlags der 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche durch den Reformator neigt sich dem Ende zu, und so wurde unter der Leitung des Bezirkskantors Hans-Joachim Renz der musikalische Höhepunkt der Feierlichkeiten gesetzt.

Unter der Leitung von Hans-Joachim Renz gelang den über 100 Mitwirkenden im Backnanger Bürgerhaus die Aufführung der Kirchenoper „Luther“, die man nicht so schnell vergessen wird.

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. Ein großes sinfonisches Orchester, herausragende Solisten, ein klangvoller Chor sowie ein Kinderchor wurden von Renz souverän gebündelt, zu einer nachklingenden Aussage zusammengefasst: Entscheidend sind nicht Titel und Ämter, sondern dass das Individuum mit seinem Gewissen Frieden schließen darf, dass es sein Leben und Wirken in Freiheit verantworten kann.

Mit diesem Ringen um inneren Frieden, um das Angenommensein durch den Schöpfer, eröffnete das szenische Oratorium den Abend. Der Komponist Dietrich Lohff, selber Pfarrerssohn, hatte sich bereits öfter mit biblischen Themen erfolgreich musikalisch auseinandergesetzt, er fand in diesen eröffnenden Passagen spannende, packende Klänge, die in dem weiten Feld zwischen Spätromantik und Filmmusik angesiedelt sind.

Burkhard von Puttkamer (Bariton) verkörperte den skrupulösen Augustinermönch, der sich auf seiner Suche nach Wahrheit niemals schonte und durch sämtliche emotionalen Abgründe ohne jede billige Selbstbeschwichtigung wanderte. Puttkamer verfügt über eine zugleich samtweiche und sehr voluminöse Stimme, auch als Bühnendarsteller ist er eine hervorragende Wahl. Er trägt das Publikum durch den Abend, bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Identifikation. Die Sopranistin Lydia Zborschil schlüpft in mehrere Rollen: Zu Beginn ist sie der Teufel, später Kaiser Karl V. und gegen Ende Luthers Ehefrau Katharina von Bora. Sie ist stimmlich sehr flexibel und schauspielerisch sehr wandlungsfähig. Der Tenor Reinaldo Dopp bringt vor allem in der Verkörperung des Ablasspredigers Johann Tetzel mit seiner glasklaren, fast knabenhaften Stimme noch eine zusätzliche Farbe in das Solistenensemble. Auch er ist in seiner Bühnenpräsenz sehr glaubhaft und überzeugend.

Ein weiterer großer Pluspunkt ist Friedrich Mack mit seinem kernigen, markanten und klar konturierten Bariton; auch er erweckt im Laufe des Abends mehrere Charaktere zum Leben und das jeweils so fasslich und gut greifbar, dass es eine Freude ist. Für die feinen komödiantischen Zwischentöne ist in erster Linie Bernie B. Free verantwortlich. Seine Rede als Papst Leo X. ist dermaßen gekonnt humoristisch umgesetzt, dass kaum ein Auge trocken bleibt. Der große Chor hatte ebenfalls die Aufgabe, von Anfang bis Ende die Spannung zu halten und in wichtigen Passagen das Seine zum Gelingen der Oper beizutragen. Die etwa 50 Sängerinnen und Sänger waren von Renz bestens präpariert, die Beiträge durchgehend sehr klangschön. Auch die Kinder des Kinderchores waren höchst motiviert und schon erstaunlich bühnensicher.

Die Komposition wurde

im Jahr 2005 in Wittenberg uraufgeführt

Nicht zu vergessen natürlich die opulenten und zeittypischen Kostüme und die geschmackvolle Bühnendekoration sowie die atmosphärische Beleuchtung. Als Motor der ganzen Aufführung konnte man durchaus das Stuttgarter Orchester „Sinfonia 02“ unter ihrem Konzertmeister Matthias Neundorf bezeichnen, das unter dem absolut souveränen Dirigat von Hans-Joachim Renz die sehr anspruchsvoll komponierte und raffiniert instrumentierte Partitur des Komponisten Dietrich Lohff in Klang setzte, die übrigens im Jahre 2005 in Wittenberg uraufgeführt wurde. Die Texte stammen von dem promovierten Literaturwissenschaftler Peter Schütze und waren sehr gut verständlich, einige Insider-Bonmots inklusive. Innerhalb zweier Stunden wurden viele essenzielle Episoden aus dem Leben des Reformators Martin Luther behandelt, einer zu plakativen Verherrlichung wurde immer wieder durch kritische Einschübe vorgebeugt, so wird etwa der Auftritt von Bernie B. Free als gescheiterter und gebrochener Bauernführer Thomas Müntzer in Erinnerung bleiben. Am Ende steht die Heirat von Luther und der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, theologisch hat Paulus mit seinem ersten Brief an die Korinther das letzte Wort. Begeisterter Applaus des Backnanger Publikums für die denkwürdige und rundum gelungene Aufführung einer Kirchenoper.