„Bei uns gibt es immer einen Nachschlag“

Montag für Montag serviert die Vesperkirche ihren Gästen im Winter ein warmes Essen – Noch wichtiger ist aber die Gemeinschaft

Gutes Essen, gute Gespräche und bei Bedarf ein guter Rat – so sorgt die Backnanger Vesperkirche im katholischen Gemeindehaus St. Johannes den Winter über jeden Montag für ihre Gäste. Das hilft vor allem Menschen mit wenig Geld, aber auch vielen, die schlicht nicht allein essen wollen.

Die ehrenamtlichen Kochteams von der Vesperkirche bringen jede Woche ein warmes Essen auf den Tisch. Zum Auftakt gab es am Montag Linsen, Spätzle und Saitenwürstchen. Foto: A. Becher

Von Bianca Walf

BACKNANG. Mit einem schwäbischen Klassiker ist die Vesperkirche im katholischen Gemeindehaus am Montag in die Wintersaison gestartet: Es gibt Linsen, Spätzle und Saitenwürstchen. Seit dem frühen Vormittag stehen die ehrenamtlichen Helfer in der Küche. So soll es von November bis Ende März jeden Montag laufen. Gabriele Winter ist die gute Seele der Vesperkirche. Seit zehn Jahren, seit es die Vesperkirche gibt, hat die 71-Jährige die Organisation inne und koordiniert rund 30 Ehrenamtliche. Dazu kommen Ansprechpartner von der Erlacher Höhe, der Caritas und vom Jugendamt, die ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Besucher haben.

„Wir bilden Kochteams. Da ist jeder mal dran. Jeder hat sein Spezialgericht“, erzählt sie. „Mal etwas Einfaches wie heute, mal einen schönen Braten, mal etwas Exotisches – wir haben zum Beispiel auch eine Mitarbeiterin, die portugiesisch für unsere Gäste kocht. Es soll ja nicht langweilig werden.“ Etwa 60 Besucher haben im Gemeindehaus Platz. Die Tische sind liebevoll gedeckt. In der Mitte stehen kostenlose Getränke.

Das warme Essen, das für Geringverdiener 1,50 Euro und für Normalverdiener 4,50 Euro kostet, wird jedem an seinem Platz serviert. „Da geht es darum, eine schöne Atmosphäre zu schaffen und den Gästen ein gutes Gefühl zu geben“, sagt Gabriele Winter. Wie viel er bezahlen möchte, darf jeder selbst entscheiden. „Kinder dürfen gratis mitessen“, erzählt Gabriele Winter und auch wer gar nichts hat, werde auch nicht zur Kasse gebeten. „Am Monatsende ist es bei unseren Besuchern mitunter eben sehr eng. Da muss man ein bisschen flexibel sein.“ Die Kalkulation geht trotzdem auf. Gabriele Winter erklärt: „Einen Großteil der Kosten decken wir über die Einnahmen. Der Rest wird durch Spenden finanziert“

Flexibilität sei auch dann gefragt, wenn deutlich mehr als 60 Leute kommen. „Bei uns gibt es immer einen Nachschlag. Zur Not werden eben noch Spaghetti mit Tomatensoße gekocht.“ Noch habe es aber fast immer gereicht. Wer nicht satt geworden ist, kann bei Kaffee und Selbstgebackenem zuschlagen. Da locken Käsekuchen, Stollen und Zwetschgenstreusel.

„Die Vesperkirche ist

wie eine große Familie“

Die meisten Besucher der Vesperkirche sind Stammgäste. Gabriele Winter kennt fast alle mit Namen. „Viele kommen schon seit Jahren her“, erzählt sie. Sie kennt die Geschichten ihrer Besucher. „Wie geht’s mit dem Laufen?“, fragt sie bei der Begrüßung oder „Wo ist denn ihre Bekannte vom letzten Mal?“ Eine ältere Dame mit italienischem Akzent tätschelt Gabriele Winter zur Begrüßung den Arm: „Bella, come stai?“, fragt sie und strahlt. Die Leute unterhalten sich gern. „Die Gemeinschaft ist für viele mit das Wichtigste.“

Das bestätigt auch eine 74-jährige Rentnerin aus Burgstetten, die ihren Namen lieber nicht verraten möchte. „Ich komme schon lange regelmäßig her“, sagt sie. „Hier bin ich mit Leuten zusammen, die ich unter anderen Umständen nie kennengelernt hätte.“ Es sei immer gesellig. „Besonders freue ich mich, wenn viele Kinder kommen. Manche stürmen direkt auf mich zu und sagen sogar Oma zu mir. Das ist etwas sehr Schönes – die Vesperkirche ist wie eine große Familie“, erzählt sie. Auch ihr Mann, der vor Kurzem einen Schlaganfall erlitten habe, wolle den montäglichen Besuch in der Vesperkirche nicht mehr missen. „Er ist froh, dass er wieder aus dem Bett aufstehen kann“, erklärt die Seniorin. „Für mich ist es ehrlich gesagt auch einfach eine Entlastung, dass ich montags nicht kochen muss. Manchmal kann ich sogar noch Reste mit heim nehmen. Das reicht uns dann eine Weile.“

Ein weiterer Besucher ist extra mit der S-Bahn aus Marbach am Neckar gekommen – trotz Rollators. Ihm reicht die Rente nicht. Er zuckt mit den Schultern: Es werde eben alles teurer und das Geld werde nicht mehr. Er habe von Bekannten den Tipp bekommen, dass die Vesperkirche in Backnang besonders gut sei. „Das stimmt auch“, meint er. „Das ist hier keine Massenabfertigung.“ Und mitunter könne er sich ganz nett unterhalten. „Mit manchen mehr, mit manchen weniger. Das ist hier auch nicht anders als überall sonst.“

Und längst nicht nur alte Menschen nehmen an den großen Zehnertischen im Gemeindehaus Platz. Auch einige junge Mütter mischen sich mit ihren Kindern unter die Gäste. „Die Frauen schätzen die Gelegenheit, sich zu treffen und auszutauschen“, weiß Beate Oethinger vom ambulanten Dienst des Jugendamts. Nicht selten könne sie die Chance für die eine oder andere niederschwellige Hilfestellung nutzen. „Mal füllen wir gemeinsam ein kompliziertes Formular vom Amt aus, mal gibt es Stress mit dem Freund oder mit dem Vermieter. Da tut es einfach gut, zu wissen, dass man nicht allein dasteht“, erklärt die Sozialarbeiterin. Viele ihrer Klientinnen seien noch sehr jung – unter 20 – und oft fehle der familiäre Rückhalt. Da kommt die Ersatzfamilie in der Vesperkirche wie gerufen. Die läuft wie ein Uhrwerk.

„Jüngere Hände würden

hier sicher guttun“

Um Punkt 12.30 Uhr steht das Essen auf dem Tisch. Um 14 Uhr ist Schluss. Für die meisten heißt es dann: „Bis nächsten Montag.“ Das Team der Ehrenamtlichen bleibt noch. Gabriele Winter schaut beim Abbauen und Aufräumen nach dem Rechten. „Da ist es schon gut, dass wir viele Helfer haben“, sagt sie. Ein paar mehr würden jedoch auch nicht schaden. „Bei der Organisation könnte ich Unterstützung gebrauchen – vor allem, wenn ich an die Zukunft denke“, sagt sie. Immerhin sei sie über 70. „Jüngere Hände würden hier sicher guttun.“ Auch wenn sie vorerst noch nicht vorhabe, sich von der Vesperkirche zu verabschieden.