Viel mehr als nur ein Sparringspartner

Aspachs Drittliga-Fußballer verlangen Bayern München bei ihrer 3:5-Niederlage im Testspiel in der Allianz-Arena alles ab

Drei Tore bei den Bayern, davon können die allermeisten Bundesligisten nur träumen. Großaspachs Drittliga-Fußballern ist das seltene Kunststück am gestrigen Abend im Testspiel in der Münchner Allianz-Arena gelungen. Trotz der 3:5-Niederlage beim deutschen Rekordmeister waren im Lager der SG Sonnenhof nach dem Abpfiff nur strahlende Gesichter zu sehen. Ein Ergebnis, das mehr als respektabel ist und ein Erlebnis, das für alle Aspacher unvergesslich bleiben wird – festgehalten in Momentaufnahmen.

Hatte im Großaspacher Strafraum zwar immer wieder die Lufthoheit, blieb im gestrigen Testspiel in der Münchner Allianz-Arena aber ohne Erfolgserlebnis: Bayerns Sturm-Rückkehrer Sandro Wagner, dessen Bemühungen in dieser Situation von den Kollegen Niklas Süle und Arturo Vidal sowie von Saliou Sané, Julian Leist und Kai Gehring (von links) beobachtet wurden.Fotos: A. Becher

Von Steffen Grün

Den ersten kleinen Sieg feiert der Drittligist rund 90 Minuten vor dem Anpfiff. Als die Nobelkarosse der Münchner vor dem Spielereingang parkt, steht das vergleichsweise bescheidene Gefährt der Schwaben schon da. Star für Star klettert heraus, unter den ersten, die den Bus verlassen, sind Weltmeister Jérôme Boateng und Keeper Sven Ulreich, im Ländle bestens bekannt.

Alle Bayern werden vom Applaus der 200 Fans aus Aspach begrüßt, die bereits eingetroffen sind und das Stadion geentert haben. Was sie vom Auftritt auf der großen Bühne erwarten? Die Revanche fürs 0:6 im ersten Duell im Fautenhau im Juli 2013 eher nicht, auch wenn Thomas Arweiler zu einem kleinen Scherz aufgelegt ist. „Nicht, dass Jupp Heynckes nach einer Heimniederlage gehen muss“, sagt der 53-Jährige und lacht: „Das wäre schade.“ Sich Sorgen um die Bayern zu machen, ist sonst nicht sein Ding, denn er gesteht lachend, großer Fan der Schwarz-Gelben zu sein – von Borussia Dortmund also, dem großen Rivalen des Rekordmeisters, der in der Hinserie allerdings schwächelte. „Es ist ein großartiges Erlebnis für unseren Dorfklub. Ich habe bis zuletzt nicht geglaubt, dass wirklich in der Allianz-Arena gespielt wird“, verrät Arweiler, der alle SG-Heimspiele und drei, vier Auswärtsspiele pro Saison anschaut: „Ich habe zum Glück noch einen der letzten Plätze im Bus ergattert.“ Bei den Höhepunkten der Vereinshistorie sei er stets dabei gewesen, in den vergangenen Jahren zum Beispiel beim „Drittliga-Aufstieg in Wolfsburg, in Dresden, nun in München – mal sehen, wann es nach Barcelona geht“.

Schneller als die Bayern sind die Gäste ein zweites Mal an diesem frühen Abend, weil sie nicht nur früher im Stadion eintreffen, sondern auch als Erste den Platz betreten. Eigentlich ein Wunder, dass die Aspacher die Kabine so schnell verlassen, denn beeindruckt von den Dimensionen und dem Komfort sind sie schon, wie Pascal Sohm später verrät: „Sie ist echt groß, jeder hat viel Platz, daran könnte man sich gewöhnen. Das sind Top-Bedingungen hier. Ich bin froh, dass ich das aufsaugen und miterleben konnte.“ Es ist 16.22 Uhr, als die Feldspieler den Torhütern Kevin Broll und Maximilian Reule folgen. Kurz darauf haben auch die Stars Rasen unter den Füßen – pünktlich in dem Moment, als nach den SG-Anhängern auch die Bayern-Fans bei freiem Eintritt ihre Sitzplätze einnehmen.

Mit einer Minute Verspätung ertönt um 17.01 Uhr der Anpfiff zu dem Testspiel, das der Drittligist den guten Kontakten seines Mitgründers Uli Ferber und seines Sportdirektors Joannis Koukoutrigas zu den Machern des deutschen Serienmeisters zu verdanken hat. Der von ihrer Agentur beratene Joshua Kimmich wird leicht angeschlagen zwar ebenso geschont wie Robert Lewandowski und Mats Hummels, die sich auch mit kleinen Zipperlein herumschlagen, sonst bekommen die Zuschauer aber eine Bayern-Elf zu sehen, wie sie so ähnlich auch am Freitag beim Rückrundenstart in Leverkusen aussehen könnte. Aus den Lautsprechern dröhnt das Lied, das die Fans anderer Bundesligisten nicht so gerne hören, weil es vom FCB handelt, der für immer die Nummer eins sein wird.

Rotzfrech präsentiert sich Aspach anfangs, die erste Torchance geht nach 20 Sekunden aufs Konto des krassen Außenseiters. Sebastian Bösel schießt aus halbrechter Position, doch Ulreich bestätigt seine gute Form und lenkt die Kugel um den Pfosten. Kurz darauf tunnelt Taxiarchis Fountas Arturo Vidal – falschen Respekt zeigen die Gäste auf alle Fälle nicht. Und sie bleiben in der ersten Halbzeit deutlich mehr als nur ein Sparringspartner für den Favoriten, auch wenn Bayerns Kingsley Coman in der vierten Minute nach einem Zuspiel von Corentin Tolisso den Pfosten trifft. Timo Röttger hat für den Drittligisten eine weitere Möglichkeit, gegenüber zeigt Broll sein Können gegen James Rodriguez (17.) und Sandro Wagner (38.). Nichts zu machen ist für den SG-Keeper aber in der 33. Minute, als sich Arjen Robben gegen Jeff-Denis Fehr durchsetzt und die Kugel vor das Tor passt, wo Coman mühelos trifft. Nur 0:1 zur Pause – schon das wäre für die Truppe von SG-Trainer Sascha Hildmann ein respektables Ergebnis gewesen.

Eine dicke Überraschung ist dann das 1:1 in der 41. Minute. Boateng foult Röttger, der Münchner Schiedsrichter Michael Bacher deutet auf den Punkt. Saliou Sané schnappt sich das Leder. „Den Elfmeter wollte ich hart und platziert ins Eck schießen“, erzählte der Stürmer nach der Partie. Gesagt, getan, und zwar flach ins linke. Ulreich ahnt es, taucht ab, kann den Ausgleich aber nicht verhindern. „Zum Glück hat es gereicht“, zeigt sich Sané erleichtert.

Zu einem Torfestival, zu dem auch Großaspach entscheidend beiträgt, entwickelt sich die zweite Halbzeit. Den Anfang machen die Bayern, die komplett durchgewechselt haben und nun auf eine interessante Mischung aus Nachwuchsspielern und Stars wie Thomas Müller, Franck Ribéry, Javi Martinez, Juan Bernat und Sebastian Rudy setzen. Müller vollendet in der 50. Minute eine Kombination über Ribéry und Meritan Shabani zum 2:1.

Der kurioseste Treffer bleibt aber Pascal Sohm vorbehalten. Ein Pass der Bayern auf Martinez gerät zu kurz, es kommt zum Pressschlag mit Mario Rodriguez. „Ich habe darauf gelauert“, verriet der Offensivakteur später. Keeper Tom Starke eilt aus seinem Kasten, doch Sohm ist früher am Ball und befördert die Kugel aus vielleicht 40 Metern in das verwaiste Tor. 2:2 – die Münchner Anhänger gucken sich einigermaßen verdutzt an. „In dieser Arena gegen die ganzen Stars so ein Tor zu machen, war richtig cool. Weltklasse, einfach geil“, freute sich der Schütze nach dem Spiel.

Schlag auf Schlag geht es weiter. In der 59. Minute narrt Ribéry Yannick Thermann und befördert den Ball ins Eck. Aspachs Rechtsverteidiger kann sich trösten: Das ist schon anderen passiert. Was der Franzose mit dem Ball anstellt, ist immer noch eine Augenweide. 120 Sekunden später klingelt es schon wieder gegenüber. Rodriguez zieht aus 18 Metern ab, den tückischen Aufsetzer kann Starke nicht halten – 3:3. Die Laune im SG-Block wird immer besser. Drei Buden bei den Bayern, wer hätte das gedacht. Dabei bleibt es jedoch, nun schlägt Ribéry noch zweimal zu. Der Publikumsliebling trifft in der 63. und 70. Minute zum 4:3 und 5:3, dabei bleibt es.