Das Abc der Streuobstwiesen

Startschuss für die Ausbildung von Streuobstpädagogen im Schwäbischen Mostviertel – 20 Teilnehmer wollen’s wissen

Premiere im Schwäbischen Mostviertel: Seit gestern bildet der Verein Streuobstpädagogen aus. 20 Teilnehmer hat der Kurs, den Beate Holderied leitet. Die 52-Jährige aus Weil im Schönbuch gilt als Pionierin der Streuobstpädagogik. Sie vermittelt Kursteilnehmern deutschlandweit das Rüstzeug, damit sie Kindern und Jugendlichen das Thema Streuobstwiesen nahebringen können.

Angehende Streuobstpädagogen: Unter Leitung von Beate Holderied (vorne, mit Büschelesbinder) hat der Kurs gestern begonnen. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

AUENWALD. 400 Streuobstpädagogen hat Beate Holderied seit 2011 ausgebildet. Obstbauliche Inhalte – von der Baumpflege bis zur Ernte – werden ebenso geschult wie Aspekte des Naturschutzes. „Ganz wichtig“ ist der Mitbegründerin und Leiterin der Streuobstschule dazu auch die Pädagogik – das Kapitel: Wie sag ich’s meinem Kinde? Entsprechende Hinweise sind ein wesentlicher Teil der Ausbildung, verbunden mit der praktischen Umsetzung in Schulklassen.

Von den 20 Kursteilnehmern stammen, wie der Weissacher Bürgermeister Ian Schölzel als Vorsitzender des Vereins gestern beim offiziellen Start anmerkte, sieben aus dem Mostviertel. Die anderen kommen aus der Umgebung oder auch von weiter her. So wie Petra Fischer. Die 42-Jährige aus dem fränkischen Herzogenaurach hat einen Bio-Arche-Hof, auf dem alte, vom Aussterben bedrohte Tierrassen gehalten werden – zum Beispiel das Alpine Steinschaf oder Deutsche Lachshühner. Dazu hat sie noch eine Streuobstwiese gepachtet. Schon seither arbeitet sie dort viel mit Kindern und verschiedenen Besuchergruppen und hat deshalb einen Kurs in Bauernhofpädagogik absolviert. Dabei bekam sie den Tipp, Streuobstpädagogik noch draufzusatteln. Aber: „Das gibt es in Bayern nicht.“

Kulturlandschaft soll

ihren Charakter behalten

So erging es auch Christine Berner, die aus der Fränkischen Schweiz – Gößweinstein – kommt. Die 39-Jährige, die in der Obstbaumpflege arbeitet, hat in Bayern zwei Jahre lang nach einer Möglichkeit gesucht, wie sie sich in Richtung Streuobstbau weiterbilden kann. Anlass war ihre Beobachtung, wie sich ein klassisches Kirschenanbaugebiet in Plantagen verwandelt und damit seinen Charakter verändert.

„Unsere Kulturlandschaft macht es aus, darum leben wir gerne hier“, hielt Auenwalds Bürgermeister Karl Ostfalk als Gastgeber des Kurses im alten Schulhaus in Oberbrüden fest. Um die landschaftsprägenden Streuobstwiesen zu erhalten, haben die fünf Kommunen Allmersbach im Tal, Aspach, Auenwald, Backnang und Weissach im Tal den Verein Schwäbisches Mostviertel gegründet. In den zweieinhalb Jahren seines Bestehens hat der Zusammenschluss schon einiges auf die Beine gestellt und unter anderem jüngst eine Förderung von der Baden-Württemberg-Stiftung für das Projekt „grünes Klassenzimmer“ aufgetan. Die Erhaltung der Streuobstwiesen hänge, so Bürgermeister Schölzel, davon ab, ob es gelingt, die Pflege langfristig zu bewerkstelligen. Daher gelte es, jüngere Interessierte zu gewinnen, die hier mit einsteigen: „Das Thema ist es wert.“

Einen Beitrag dazu leistet der Backnanger Tobias Lindenberger schon jetzt: Er ist Imker und Fachwart im Obst- und Gartenbau. Beruflich ist der 45-Jährige als Lehrer am Berufsbildungswerk in Waiblingen tätig. Der Kurs in Streuobstpädagogik stellt für ihn eine Fortbildung dar, die maßgeschneidert ist: „Ich hab gedacht, ich hab’s erfunden.“ Er hofft auf methodische und didaktische Hinweise für die Arbeit mit Kindern und sagt: „Ich freu mich drauf.“ Gleichzeitig verweist er auch auf das große Potenzial, das die Teilnehmer selbst repräsentieren. Unter ihnen sind beispielsweise die Naturparkführerinnen Petra Klinger aus Backnang und Michaela Genthner aus Weissach sowie deren Kollegin Tanja Uter aus Berglen, aber auch die Kräuterpädagogin Christa Frohnmayer aus Althütte.

Der Verein Schwäbisches Mostviertel hatte die Ausbildung zum Streuobstpädagogen bereits für das Jahr 2017 erstmals anvisiert. Damals kamen aber, wie die Geschäftsführerin Claudia Schimke vom Stadtplanungsamt in Backnang erläutert, nicht genügend Anmeldungen zusammen. Im zweiten Anlauf hat es jetzt aber geklappt: Von den zunächst 22 Interessenten für die insgesamt 25 Plätze sind 20 bei der Stange geblieben, die anderen absolvieren ihren Kurs aus terminlichen Gründen andernorts.

Die künftigen Streuobstpädagogen sollen, so die Idee, an Schulen, in Vereinen und bei Veranstaltungen Kinder, Jugendliche und Erwachsene für das faszinierende, aber bedrohte Biotop einnehmen und sie für die Ursachen dieser Bedrohung im Einkaufs- und Verbraucherverhalten sensibilisieren. Die Tätigkeit nach der Ausbildung erfolgt auf freiberuflicher Basis: Die Streuobstpädagogen können sich selbst neben- oder hauptberufliche Verdienstmöglichkeiten schaffen. Der Mostviertel-Verein will dazu Fördergelder für Schulprojekte akquirieren und die Streuobstpädagogen unterstützen, indem er beispielsweise Veranstaltungsreihen initiiert, die Werbetrommel rührt und Projektpartner vermittelt.

Die Ausbildung, die gestern mit einer Einführung ins Thema begonnen hat, dauert bis November und umfasst insgesamt 14 Schulungstage, überwiegend in Blöcken an Werktagen. Der Kurs enthält sowohl theoretische Einheiten, etwa zur Geschichte der Streuobstwiesen, als auch praktische Arbeit, zum Beispiel Schnitt von Obstbäumen, Pflege von Streuobstbeständen, Mähen und Grüngutverwendung. Zudem geht es um Vögel, Fledermäuse und Insekten, insbesondere Bienen, um Nisthilfen, aber auch um Kräuter und Blumen, Ernährung und Ernte. Breiten Raum nehmen Schulprojekte ein.

Den Abschluss des Lehrgangs bildet eine Prüfung am Freitag, 9. November – und wer die schafft, erhält sein Zertifikat als Streuobstpädagoge.